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Erlösung - oder: Ist Hitler im Himmel?
Jesus Christus hat uns erlöst... jaja. Das kennen wir.
Kennen wir das wirklich?
Fragt man einmal nach, was denn mit Erlösung gemeint ist, kommen die alltagsglaubenden Christen schon ein wenig ins
Nachdenken. Fragen wir dann aber - dreisterweise - noch nach, warum denn Jesus für unsere Erlösung am Kreuz sterben
musste, dann bleibt vielen die Antwort im Halse stecken.
Dabei ist das das Zentrum unseres Glaubens. Und unsere einzige Rettung.
auch
als pdf-Datei erhältlich
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Warum eigentlich an Jesus Christus glauben?
Jesus Christus ist die zentrale Figur in unserem Glauben.
Was unser Verhältnis zu Jesus angeht - und damit auch zur Kirche
- habe ich in einer Predigt einmal
folgenden Vergleich gezogen:
Liebe Schwestern und Brüder, stellen sie sich vor,
ein Pilot ist mit einem Flugzeug unterwegs. Plötzlich merkt er, dass
er die Maschine nicht mehr richtig kontrollieren kann. Mit Entsetzen stellt
er fest, dass sie auf eine Schule voller Kinder zu stürzen droht.
Obwohl er damit sein Schicksal besiegelt, bleibt er bis zum Schluss in
der Maschine, um sie über die Schule hinwegzusteuern - und kommt
so beim Absturz ums Leben. Er hätte noch aussteigen können,
aber er hat sein Leben geopfert, um die Menschen in der Schule zu retten.
Alljährlich begeht nun die Schule - zusammen mit dem ganzen Dorf
- eine Gedächtnisfeier. Aus dem einfachen Bedürfnis heraus,
dem Piloten Ehre und Dank zu erweisen. Wesentlich für die Gedächtnisfeier
ist dabei nicht die ansprechende Gestaltung, sondern das innere Bedürfnis,
«Danke» zu sagen. Und selbst wenn die Dorfkapelle immer nur
das gleiche Lied spielt und wenn der Bürgermeister nur ungeschickte
Reden hält: Die Feier wird ergreifend sein, wenn nur die Anwesenden
wirklich danken wollen.
Für Außenstehende oder für ehemalige Schüler, die
nicht glauben wollen, dass sie ihr Leben der Tat des Piloten zu verdanken
haben, kann dagegen nichts diese Feier interessant machen. Jeder Unterhaltungswert
wird letztlich durch das ständige Gedenken an den Piloten beeinträchtigt.
Ich habe meine Geschichte in der Predigt abgeschlossen mit der Frage:
Ist Jesus Christus der Pilot, der sein Leben für mich geopfert hat?
Bin ich deshalb hier? Glaube ich wirklich, dass ich seinem Leiden und
Auferstehung mein Leben verdanke?
Weil die Predigt sich vor allem mit der Eucharistiefeier beschäftigt,
habe ich mich mit der Frage "Glaube ich das wirklich?"
begnügt. Genau das aber ist die Frage, die uns in dieser Katechese
beschäftigen soll: Wieso hat Jesus uns durch seinen Tod erlöst?
Wovon hat er uns erlöst? Wie hat er es getan? Warum eigentlich? Und
was geht mich das an?
Der Erlösungstod Jesu - Ein alter Hut (den
sich keiner mehr aufsetzen will)
Wir sind wieder bei dem alten Problem, dass eine Grundwahrheit des Glaubens
zur hohlen Floskel geworden ist - und kaum einer kann uns wirklich sagen,
was damit gemeint ist. Der Erlösungstod Jesu Christi zieht sich wie
ein roter Faden durch alle Texte der Bibel; durch Lieder und Gebete der
Kirche. Obwohl diese Worte uns heute in Fleisch und Blut übergegangen
sind - vielleicht auch gerade deshalb - haben wir verlernt, zu fragen,
was das denn bedeuten soll.
Zur Veranschaulichung zitiere ich eine ganze Reihe von Bibelstellen dazu
(obwohl ich noch mindestens dreimal soviel anfügen könnte) -
um deutlich zu machen, wie zentral dieser uns so fremde Gedanke für
die frühen Christen war:
Jes 53, 2-5: Vor seinen Augen wuchs er auf wie ein
junger Spross, wie ein Wurzeltrieb aus trockenem Boden. Er hatte keine
schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah
nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und
von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.
Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir
schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere
Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von
ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf
ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.
Röm 3,25: Ihn hat Gott dazu bestimmt, Sühne zu leisten
mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben. So erweist Gott seine
Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in
der Zeit seiner Geduld, begangen wurden;
Röm 5,6-8: Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch
schwach und gottlos waren, für uns gestorben. Dabei wird nur schwerlich
jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für
einen guten Menschen sein Leben wagen. Gott aber hat seine Liebe zu uns
darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch
Sünder waren.
1 Kor 15, 3: Denn vor allem habe ich euch überliefert,
was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden
gestorben, gemäß der Schrift
Kol 2,14: Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen
und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch
getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat.
1 Joh 4, 10: Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt
haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für
unsere Sünden gesandt hat.
1 Petrus 1,18-19: Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von
den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen
Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren
Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.
1 Petrus 2, 21-24: Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus
hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen
Spuren folgt. Er hat keine Sünde begangen, und in seinem Mund war
kein trügerisches Wort. Er wurde geschmäht, schmähte aber
nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache
dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das
Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünden
und für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.
Hebr 9, 15: Und darum ist er der Mittler eines neuen Bundes;
sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen
bewirkt, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten.
Hebr 9,26-28: Und darum ist er der Mittler eines neuen Bundes;
sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen
bewirkt, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten...
Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch
sein Opfer die Sünde zu tilgen. Und wie es dem Menschen bestimmt
ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt, so wurde
auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinwegzunehmen;
beim zweitenmal wird er nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern
um die zu retten, die ihn erwarten.
Markus 10,45: Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen,
um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben
als Lösegeld für viele.
Offb 5,9: Und sie sangen ein neues Lied: Würdig bist du,
das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du wurdest geschlachtet
und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erworben aus allen Stämmen
und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern
Nun, dann wollen wir einmal anfangen, diese Grundwahrheit neu zu bedenken.
Beginnen wir einmal bei einem anerkannt schlechten Menschen: Adolf Hitler.
Kommt Hitler in den Himmel?
Vielleicht diskutiert ihr die Frage einmal mit Euren Freunden oder Freundinnen:
Glaubst Du, dass Hitler im Himmel ist?
(Dass ich gerade Hitler gewählt habe, hat nicht viel
zu bedeuten. Ich könnte auch einen anderen Menschen wählen,
von dem bekannt ist, dass er großes Leid angerichtet hat. Aber bleiben
wir der Einfachheit halber beim Adolf...)
Vielleicht sind einige der Menschen, mit denen ihr redet, der Auffassung,
dass Gott nun einmal barmherzig ist - warum sollte er nicht Hitler gegenüber
auch barmherzig sein? Vielleicht wird Er Hitler mit einem tiefen Seufzer
sagen: "Okay, Adolf - drücken wir noch einmal ein Auge zu. Komm
rein..."
Aber da wird sich sicher Einspruch erheben: Gott ist doch auch gerecht!
Und es kann doch nicht sein, dass jemand, der andere Menschen um ihren
Glauben und ihr Leben gebracht hat, die gleiche Seligkeit erhält
wie seine gemarterten Opfer...?
Aber, so könnte es auf der anderen Seite wieder heißen - vielleicht
hat Hitler seine Taten ja bereut?
Ja - so könnte wieder eine Entgegnung lauten - reicht denn ein "Uuups!"
schon aus? Wie muss denn eine Reue aussehen, die ausreicht?
Brechen wir hier den möglichen Dialog einmal ab - und bleiben bei
der Frage, wie denn die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes angesichts
eines Sünders zusammenpasst...
Gott ist gerecht... Was heißt das eigentlich?
Was ist das: "Göttliche Gerechtigkeit?"
Wir kommen dem Begriff der Gerechtigkeit am besten näher, wenn wir
schauen, wie Gerechtigkeit praktiziert wird. Zunächst muss Gerechtigkeit
immer wieder hergestellt werden, weil der Mensch (oder die Gesellschaft
oder die Natur) gelegentlich nicht von sich aus gerecht ist. Eine Mutter,
die sieht, wie der große Bruder der kleinen Schwester das Eis wegnimmt
und es selber isst, wird eingreifen und die gestörte Gerechtigkeit
wieder herstellen, indem beim nächsten Mal das Schwesterchen ein
Eis bekommt und der große Bruder eben nicht. So spürt der Bruder
am eigenen Leib das, was er zuvor der Schwester angetan hat.
Gerechtigkeit ist also mit einer Art Spiegel zu vergleichen, der die Folgen
meines Tuns auf mich zurückwirft. Ohne den Spiegel der Gerechtigkeit
müssen die anderen die Folgen meines Tuns mittragen und oft genug
darunter leiden. Das ist ungerecht - denn ich richte mein Handeln ja normalerweise
so ein, dass ich von den positiven Folgen profitiere und die negativen
Folgen die anderen zu tragen haben. Greift nun Mama ein - oder der Lehrer
- oder der Staat - und hält mir den Spiegel der Gerechtigkeit
vor, so treffen die Folgen mich selbst. Ich muss das tragen, was ich verursacht
habe. Ich spüre das Leid nun selbst, das ich anderen zugefügt
habe.
Das ist gerecht, bzw. stellt die verletzte Gerechtigkeit wieder her.
Und, davon müssen wir ausgehen - Gott ist gerecht.
Psalm 11,7: Denn der Herr ist gerecht, er liebt gerechte
Taten; wer rechtschaffen ist, darf sein Angesicht schauen.
Psalm 92,16: Gerecht ist der Herr; mein Fels ist er, an ihm ist kein
Unrecht.
Psalm 145,18: Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, allen, die
zu ihm aufrichtig rufen. Die Wünsche derer, die ihn fürchten,
erfüllt er, er hört ihr Schreien und rettet sie. Alle, die ihn
lieben, behütet der Herr, doch alle Frevler vernichtet er.
Daher können wir ziemlich gut abschätzen, was Hitler erwartet:
Dass alles Leid, das er verursacht hat, auf ihn zurückfallen wird.
Das ist eine ganze Menge: Wieviel Menschen haben ihr Leben verloren, haben
jahrelang gelitten, sind gequält und bestialisch ermordet worden!
Wieviel Menschen sind durch das System unter Hitler selbst zu Monstern
geworden, konnten ihren brutalsten Phantasien freien Lauf lassen, verloren
ihr Gewissen und ihr Gespür für Gut und Böse! Wieviele
Menschen sind durch jahrelange Angst, Verfolgung und Quälerei seelisch
gestorben, haben Glauben und Hoffnung verloren, jedes Vertrauen in die
Güte eines Menschen! - und allein diese Aufzählung könnte
ich beliebig fortführen.
Wäre Gott gerecht, würde das alles Hitler treffen.
Das würde Hitler niemals überstehen.
Aber wir brauchen vielleicht gar nicht so hoch zu greifen - es muss ja
nicht ein Monster der Geschichte sein. Nehmen wir nur einen Mörder,
Vergewaltiger oder Entführer. Wieviel Leid verursacht ein einzelnes
Verbrechen? Beim Opfer, bei den Angehörigen und bei all denen, die
davon in der Zeitung lesen und nun selbst in Angst und Schrecken leben?
Kann ein solcher Mensch vor der Gerechtigkeit Gottes noch am Leben bleiben?
Aber vielleicht sieht es mit unserem durchschnittlichen Leben auch nicht
viel besser aus... Wissen wir, wieviel Leid wir verursacht haben? Wieviel
durch ein kleines, unbedachtes Wort in einem anderen Menschen zerstört
wurde? Wissen wir, ob wir die jungen Dame an der Kasse bei McDonalds,
die unsere Bestellung falsch ausgeführt hat und die wir lautstark
kritisieren, ihren Job verliert? Oder vielleicht selbst kündigt und
sich nichts mehr zutraut? Durch diesen Rückschlag endgültig
ihren Glauben an ihre Fähigkeiten verliert? Wie oft erlebe ich, dass
in Restaurants am Nachbartisch der Kellner zum wiederholten Mal darauf
hingewiesen wird, dass nicht alles in Ordnung ist - mit dem Worten "Das
kann passieren - aber das darf nicht passieren!"
Unser Leben ist lang, und wir haben viel Gelegenheit, Dinge falsch zu
machen, Schaden anzurichten und Ketten von Leid auszulösen. Nur die
wenigsten dieser Gelegenheiten lassen wir aus - leider. Können wir
wirklich den Anblick des Spiegels der Gerechtigkeit ertragen? Werden
wir nicht lieber Reiß-Aus nehmen, um dieser tödlichen Buße
zu entgehen?
Missverständlich: Der Zorn Gottes
In Psalm 76, Vers 8 heißt: »Furchtbar bist du. Wer kann bestehen
vor dir, vor der Gewalt deines Zornes?«. Ähnliche Aussagen
vom Zorn Gottes finden wir an vielen anderen Stellen der Schrift - vor
allem im AT. Das klingt so, als wenn Gott sauer ist und uns zu vernichten
droht. Auch Luther sprach wiederholt vom Zorn Gottes, vor dem uns der
Sohn bewahrt.
Mir scheint das nicht ganz korrekt zu sein: Es ist nicht der zornige Gott,
sondern die mit der Anschauung Gottes verbundenen Selbsterkenntnis, die
uns trifft. Der Spiegel der Gerechtigkeit ist kein Blitz, den Gott schleudert,
sondern nur ein Zurückgeben dessen, was wir zuvor an Blitzen auf
andere geschleudert haben.
Soweit zur Gerechtigkeit Gottes. Vermutlich sieht es so aus, dass wir
alle vor diesem Spiegel sterben werden - oder lieber auf Gott verzichten,
als uns diesem Horror auszusetzen.
Gibt es dann noch Hoffnung, überhaupt zu Gott zu kommen?
Unsere einzige Chance
Von uns aus gesehen - nein. Wir können nicht daran vorbei, uns
selbst zu erkennen und das zu tragen, was wir verschuldet haben. Aber
Gott weiß einen Weg - den Weg der göttlichen Barmherzigkeit.
Nicht das, was oben schon einmal vorgeschlagen wurde: Gott vergibt einfach.
Nein - Gott kann nicht gegen sein eigenes Wesen handeln. Jede Liebe setzt
Wahrheit und Selbsterkenntnis voraus. Gott kann keine Liebesgemeinschaft
auf Betrug und Selbstbetrug aufbauen..
Der Weg, den Menschen doch noch in seine göttliche Gemeinschaft
aufzunehmen, ist ein sehr ehrlicher, aber auch dramatischer Weg.
Winnetou und Old Shatterhand haben es vorgemacht: Winnetou wirft sich
in die Kugel, die eigentlich seinem Blutsbruder Charlie (Old Shatterhand)
gegolten hat und opfert so sein eigenes Leben, um das seines Bruders zu
retten. (Genau genommen haben die beiden das nicht vorgemacht, sondern
Gott nachgemacht. Aber streiten wir uns nicht über die Urheberrechte...)
Ebenso opfert sich Jesus für uns: Den Strahl der Gerechtigkeit fängt
Jesus auf, indem er sich vor uns wirft, uns vor diesem seelischen Tod
bewahrt und selbst unter dem leidet, was wir ein Leben lang angerichtet
haben. Nicht wir werden getroffen, sondern Gott selbst sorgt dafür,
dass das Leid der Selbsterkenntnis und Gerechtigkeit, die Grundlage einer
jeden Liebesbeziehung, IHN trifft.
Damit ist beidem genüge getan: Sowohl der Gerechtigkeit gegenüber
den Opfern und Leidtragenden, als auch der Barmherzigkeit, die Vergebung
um jeden Preis will. Das Geniale ist, dass Jesus für einen jeden
Menschen gestorben ist - auch für mich, auch für Adolf Hitler.
Das nennt der Theologe "Universalität des Heils", man spricht
auch vom "universalen Heilswillen" Gottes.
Das heißt nicht, dass Hitler wirklich im Himmel ist. Denn das Problem
ist, dass nur derjenige sich überhaupt in die Nähe des Spiegels
(also Gottes) wagt, der darauf vertraut, das Jesus ihn retten wird. Wer
daran Zweifel hat, das Vertrauen und die Beziehung mit Jesus nicht wirklich
geübt und intensiviert hat, der wird sich Gott erst gar nicht nähern
- aus Angst, in ein Häuflein Asche verwandelt zu werden. Wer an der
Liebe Gottes so sehr zweifelt, dass er Gott aus dem Weg geht, wird diese
Liebe niemals erfahren.
Leidfrei in den Himmel?
Nun klingt das allerdings so, als wenn Jesus alles getan hat - und wir
deshalb einfach so in den Himmel hineinmarschieren können, wenn wir
nur darauf vertrauen, dass Jesus sich schützend vor uns wirft, wenn
wir in das Licht Gottes eintreten. Das allerdings hat nicht viel mit Liebe
zu tun - zumindest nicht mit der Liebe zu Christus. Wer wirklich auf Christus
vertraut, weil er ihn liebt, wird zumindest Schmerz verspüren, wenn
er sieht, was Jesus tragen musste. Das Leid unserer eigenen Sünden
ist uns genommen, damit wir Gott lieben können - aber diese Liebe
leidet mit, wenn sie Christus leiden sieht.
Das ist der Grund unserer katholischen Kreuzweg-Andachten und der kargen
Karfreitagsliturgie: Wir schauen auf das, was Jesus gelitten hat - weil
wir wissen, dass er unsere Schuld trägt. Zumindest dieses Leid kann
uns nicht erspart bleiben, wenn wir wirklich mit Christus eins werden.
Ich habe einmal in den Vorlagen zu den Jugendkreuzwegen
oder den Vorschlägen zu den Kreuzwegandacht von Misereor geblättert
und festgestellt, dass wir genau das nicht mehr tun: Das Leiden Christi
betrachten. Vielmehr wird unsere Aufmerksamkeit immer sofort vom Leiden
des Herrn weitergelenkt - auf die Leiden in dieser Welt, die Ungerechtigkeiten,
die Ausbeutungen, unsere eigenen Verfehlungen und Kreuzwege. Wir haben,
angeleitet durch verfehlte Vorlagen, verlernt, den Sinn im Leiden Jesu
zu sehen. Und deshalb sehen wir auch keinen Sinn darin, wenn z.B. Mel
Gibson die Leiden Jesu verfilmt hat.
Viel lieber sehen wir die Kindheit Jesu - und würden niemals behaupten,
ein Film über diese schöne Zeit des verborgenen Lebens würde
das Evangelium verkürzen. Kaum aber dreht einer einen Film nur über
das Leiden Jesu (das für uns viel zentraler ist als die Kinderspiele
des Herrn), glaubt z.B. Markus Nolte (ein Redakteuer der Kirchenzeitung
Kirche und Leben), die Botschaft des Evangeliums sei in Gefahr. Genau
das Gegenteil ist der Fall: Ohne das Anschauen dessen, was wir verursacht
haben, droht das Evangelium von einer "Seid Froh!-Botschaft"
in eine "Seid Fröhlich!-Botschaft" abzudriften.
Wäre ich der einzige Mensch auf der Welt - Jesus hätte alles
das dennoch erlitten, um meine Schuld abzubüßen. Und
deshalb, weil es nicht irgendein Leiden ist, sondern mein Leiden,
Leiden für mich, darf ich die Augen nicht verschließen. Um
meine Dankbarkeit zu diesem Jesus nicht erlahmen zu lassen, um die Größe
seiner Tat zu begreifen, um seine Liebe zu erkennen, muss ich sehen, was
er erlitten hat.
Das ist es, was wir verlernt haben, was wir nicht mehr begreifen, was
unsere Kreuzwegandachten nicht mehr hergeben und was in unserer Kirche
nicht mehr gepredigt wird: Ich habe verschuldet, was Jesus gelitten.
Und obwohl ich es verdient hatte, so zu leiden, hat Jesus es an meiner
Stelle getragen - aus Liebe zu mir, freiwillig.
Wir glauben immer noch mehrheitlich, Gott würde uns verzeihen, indem
er einmal kurz seufzt und dann sagt: "Na, Kinder, ist schon gut.
Ich werde Euch halt noch einmal vergeben." Und er fügt nicht
hinzu: "Aber das ist das letzte Mal!" weil er eben nicht anders
kann - glauben wir.
Aber dass Gott diese Vergebung etwas kostet, nämlich das entsetzliche
Leiden seines Sohnes, das wollen wir nicht wahrhaben.
Kennst Du den Schmerz, der Dich trifft, wenn jemand, den Du liebst, Dich
schamlos ausnutzt, Deine aufrichtige Liebe lächerlich macht und verachtet?
Nun, Gott empfindet viel tiefer, denn seine Liebe ist tiefer - und wir
nutzen sie trotzdem aus, verachten sie, verhöhnen sie und nehmen
seine Angebote zur Versöhnung und Umkehr nicht wirklich wahr.
Könnten wir nur annähernd begreifen, was es für Gott bedeutet,
unsere Lieblosigkeiten zu ertragen und seinen Schmerz immer neu in Liebe
zu wandeln, wir würden eher sterben wollen, als noch einmal zu sündigen.
Gott hat lieber sterben wollen, als uns in der Sünde zu belassen.
...ist das denn biblisch?
Natürlich ist das, was ich hier im Einzelnen ausgeführt habe,
in eine bildreiche Sprache gekleidet. Der "Spiegel der Gerechtigkeit"
ist nicht wirklich ein Spiegel, sondern Gott selbst, in dessen "Angesicht"
wir selbst "getroffen werden" von dem, was wir getan haben -
usw. Aber der Kern dessen, was ich geschrieben habe, ist biblisch:
Die Erlösung aller Menschen - wirksam durch Glauben:
Römer 3,23 Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes
verloren. Ohne es verdient zu haben, werden sie gerecht, dank seiner Gnade,
durch die Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott dazu bestimmt,
Sühne zu leisten mit seinem Blut, Sühne, wirksam durch Glauben.
So erweist Gott seine Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden,
die früher, in der Zeit seiner Geduld, begangen wurden...
Das Gericht ist wie ein Licht auf unsere Taten: Johannes 3,18-21:
Wer an ihn (Jesus) glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist
schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht
geglaubt hat. Denn mit dem Gericht verhält es sich so: Das Licht
kam in die Welt, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das
Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, haßt
das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt
werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird,
daß seine Taten in Gott vollbracht sind.
Vom bleibenden Rest, der zu tragen ist: Mt 11:28-30: Kommt
alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich
werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir;
denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe
finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine
Last ist leicht.
Johannes 19, 37: Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den
blicken, den sie durchbohrt haben.
Redet vom Gekreuzigten: 1 Korinther 1,22-24: Die Juden fordern
Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus
als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis,
für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen,
Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.
C.S. Lewis hat in seinem ersten Band der "Chroniken von Narnia"
ebenfalls eine Erklärung für Erlösung versucht. Lewis verwendet
aber nicht das Bild der Gerechtigkeit als Spiegel, sondern den Teufel
als Ankläger: Bei ihm ist es die "weiße Hexe", die
den Verräter Edmund fordert - zu recht, den Edmund hat sich auf einen
Pakt mit der Hexe eingelassen. Aslan (der an der Stelle Jesu steht) gewinnt
Edmund frei, indem er sich selbst als Opfer anbietet.
Auch wenn dieses Bild auf den ersten Blick wie ein ganz anderes Konzept
zur Erlösung aussieht, sind sich beide sehr ähnlich: Immer ist
es die Gerechtigkeit, die vom Sünder die Strafe fordert - in meinem
o.g. Bild ist es die das Prinzip der Gerechtigkeit, das wie ein Spiegel
auf mich zurückwirft, was ich getan habe; bei Lewis ist es kein Prinzip,
sondern die Person des Teufels, die verlangt, dass ich das tragen muss,
was ich verbockt habe.
Andere Akzente
Es gibt in der Theologie (auch in Schulbüchern und Predigten) zahlreiche
Versuche, diese tiefe Bedeutung von Erlösung auszublenden. Die Frage,
warum Jesus denn am Kreuz gestorben ist, wird dann mit anderen Akzenten
beantwortet: »Durch sein Leiden hat Jesus uns die unendliche Liebe
Gottes geoffenbart, die alles erträgt.« - »Jesus hat
uns ein Beispiel gegeben, wie wir auch für einander sterben sollen!«
- »Jesus musste sterben, weil jeder Gerechte leiden muss. Damit
ist seine Gerechtigkeit besiegelt worden!« - »Jesus hat durch
sein Leiden den verhärteten Herzen der Juden ein Chance gegeben,
sich ihm zuzuwenden.«
Der Tod Jesus...
...als Offenbarung der Liebe Gottes: Diese Antworten
sind - ich betone es ausdrücklich - nicht falsch. Jesus hat
uns tatsächlich seine Liebe geoffenbart, indem er für uns gelitten
hat. Aber nicht so, wie es vielleicht pubertierende Jugendliche tun, die
ihrer Geliebten die Liebe beweisen, indem sie über glühende
Kohlen gehen. Leid für sich genommen mag Liebe bekräftigen -
ist aber letztlich immer ein sinnloses Leid. Nein, nur weil Jesus durch
sein Opfer uns gerettet hat, ist sein Tod am Kreuz Liebesbeweis
und zugleich Erlösung.
... als Beispiel für uns: Jesus hat uns auch ein Beispiel
gegeben: »Ertragt auch das ungerechte Leid, nur so besiegt ihr den
Kreislauf der Gewalt.« Das ist auch korrekt. Aber eigentlich bleibt
diese Hoffnung auf ein Ende der Gewalt eine irdische Hoffnung - keine
jenseitige. Was hat derjenige davon, der sein Leben hingibt, um hier
eine bessere Welt zu erreichen - wenn er sie nicht mehr erlebt?
Außerdem macht es wenig Sinn, wenn wir jetzt alle zu Pazifisten
werden und - wie Jesus - Unrecht erleiden und kein Wort des Widerspruchs
mehr erheben. Passivität ist keine Tugend. Vielmehr ist Jesus nicht
passiv gestorben - Johannes betont es ganz ausdrücklich:
Johannes, 10,17: Deshalb liebt mich der Vater, weil ich
mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es
mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben,
und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von
meinem Vater empfangen.
...als Anregung zur Bekehrung der Täter: Ja, Jesus will durch
sein Beispiel bekehren und uns ein Beispiel geben. Auch wir sollen - wie
er - das Leid anderer tragen, um deren Angst vor der Selbsterkenntnis
angesichts Gottes zu lindern. Aber letztlich geht nicht nur darum, die
Täter zu bekehren und davon abzubringen, in Zukunft weitere Verbrechen
zu begehen - das wäre schlicht zu wenig:
Judas hat sich auch durch die Wehrlosigkeit Jesu bewegen lassen. Er erkannte
das Verwerfliche seiner Tat und bereute es. Gerettet war er dadurch aber
nocht nicht. Vielmehr geht es darum, für die, die bereits Sünden
begangenen haben, Leben zu gewinnen: Judas erkannte und bereute - aber
er sah keine Möglichkeit, sich vom Makel der Sünde zu befreien
und wählte die Konsequenz, vor der Jesus ihn eigentlich bewahren
wollte. Es geht also nicht nur um Erkenntnis (die Judas ja durchaus hatte
- wenn auch zu spät), sondern um stellvertretende Sühne (die
Judas nicht glauben wollte).
Damit sind wir bei einem letzten Punkt unseres Gedankenganges - allerdings
bei einem sehr wichtigen Punkt. Denn gerade Judas zeigt uns, dass bei
allem, was Jesus für uns getan hat, der Sünder immer noch die
Freiheit hat, dieses Liebesopfer Jesu abzulehnen.
Die Freiheit, »Nein« zu sagen - auch
zu Gott
Kommen wir noch einmal auf den Spiegel der Gerechtigkeit zurück
- also auf die Tatsache, dass wir im Angesicht Gottes erkennen und erleiden,
was wir sind und was wir getan haben. Jesus bewahrt uns durch sein stellvertretendes
Leiden davor, an dieser Reflexion zugrunde zu gehen. Das nimmt uns aber
nicht die Möglichkeit, von vornherein der Anschauung Gottes aus dem
Weg zu gehen - so wie Judas es tat. Vielleicht traut auch Adolf Hitler
dem Versprechen Jesu nicht, auch für dessen Sünden gestorben
zu sein - und wagt sich erst gar nicht in das Licht Gottes.
Letztlich ist also entscheidend für meine Fähigkeit, Gott gegenüber
zu treten, mein Vertrauen in die Zusage Jesu, uns vor dem Gericht zu retten.
Und dieses Vertrauen - das ist der entscheidende Punkt - kann nur wachsen,
wenn ich es schon jetzt praktiziere. Mein gelebtes Vertrauen, mein
Einüben in eine lebendige, demütige Jesus-Beziehung, ist die
Grundlage für mein Heil. Denn wir werden nicht erst im Jenseits Gott
schauen - wir leben ja auch schon hier in der Anschauung Gottes - wenn
auch noch nicht unverhüllt.
Paulus sagt in 1 Kor 13, 12: Jetzt schauen wir in einen
(Blech-)Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen
wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber
werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt
worden bin.
Aus meiner eigenen Erfahrung als Seelsorger weiß ich, dass es zwei
Gründe gibt, die Vergebung Gottes nicht in Anspruch zu nehmen: Entweder
weil ich glaube, keine Vergebung nötig zu haben (»Bin ich wirklich
so schlecht?«) - oder die Vermutung, keiner, nicht einmal Gott könne
eine solche Schuld vergeben. Menschen, die letzteres von sich annehmen,
leben - nicht nur bildlich - in der Hölle.
Aber auch die, die sich einreden, keine nennenswerte Sünde begangen
zu haben, wissen, dass sie sich etwas vormachen und gehen allem aus dem
Weg, was Licht in die dunkle Seite ihres Lebens bringt. Schließlich
läuft beides darauf hinaus, dass entweder die Gerechtigkeit oder
die Barmherzigkeit Gottes unterschätzt wird.
Das Opfer Jesu annehmen - »Sonst bringt es
nichts«
Es reicht nicht, Jesus sein Opfer vollbringen zu lassen. Ich muss es
auch annehmen und darauf vertrauen. Erst wenn ich gewiss bin, dass Jesus
die Macht und die Liebe hat, mich zu erretten, werde ich mich für
die lichtvolle Gemeinschaft mit Gott entscheiden. In der evangelikalen
Szene besteht dieses "Annehmen" in einem bewussten Akt des Anvertrauens
- beispielsweise in einem Gebet. Die Taufe ist dann nur noch ein äußeres
Zeichen dafür.
In der katholischen Kirche geschieht das "Annehmen" und "Einverleiben"
dessen, was Jesus getan hat, in den Sakramenten; vor allem in der Taufe,
der Eucharistie und der Beichte. Und durch die Kirche selbst.
Diese Sicht der Dinge wirft ein neues Licht auf all das, was wir in der
Kirche kennen, aber nicht wirklich verstehen. Mit diesem Erlösungsgedanken
im Hinterkopf (oder besser: Im Herzen) lohnt sich ein jetzt klarerer Blick
auf die Kirche:
Was ist das eigentlich - Kirche?
Möchtest Du mir schreiben? Für diese Katechese
ist
Peter verantwortlich.