Gestorben, begraben, auferstanden - wer glaubt denn so was?
1. Der Tod als Erfahrung
Ich kann mich noch gut an meine ersten konkreten Erfahrungen mit dem
menschlichen Sterben erinnern: es war der Tod meiner Großeltern.
Beim Tod meines Opas konnte ich dabei sein - die ganze Familie war versammelt
- und ich weiß noch, dass alle ziemlich traurig waren. Natürlich
fand ich es auch nicht gut, dass mein Opa sterben mußte, aber der
Glaube an ein Leben nach dem Tod war für mich so tröstend, dass
ich meinem Vater damals sagte: Wir brauchen doch eigentlich nicht so traurig
zu sein, wir glauben doch, dass es weitergeht nach diesem Leben. Mein
Vater sagte mir damals: Da hast du eigentlich recht.
Als einige Zeit später meine Oma starb, die die letzten Monate ihres
Lebens bei uns zu Hause gepflegt worden war, zeigte mir der Tod noch ein
anderes Gesicht. Meine Oma blieb eine Nacht lang in unserem Wohnzimmer
aufgebahrt - und so ging ich nachts allein an ihr Bett, wie um mich zu
überzeugen, dass dieser Mensch wirklich nicht mehr lebte. Ich betrachtete
ihren Tod nicht mehr mit dem Gleichmut, den ich noch beim Tod meines Opas
hatte. Ich sah, dass da etwas nicht in Ordnung war, wenn ein Körper
plötzlich ohne Leben war. Der Widersinn des Todes drängte sich
in mein Bewußtsein.
In den folgenden Jahren habe ich viele Tote gesehen und mancher Mensch
ist unter meiner Hand gestorben. Aber es waren eben fremde Menschen. Ich
konnte versuchen, mich in die Angehörigen hinein zu versetzen, aber
es war nicht dasselbe als wenn ein Mensch stirbt, der einem nahe war.
Als in diesem Jahr mein Vater starb - wieder war die ganze Familie beim
Sterben dabei - spürte ich am eigenen Leib, was es heißt, einen
Menschen aus dieser Welt zu verlieren. Erfahrungen des Todes. Jeder von
uns macht irgendwann solche Erfahrungen. Wir können an Tod und Sterben
nicht vorbeischauen - außer wir lügen uns etwas in die Tasche.
Es ist so, wie der Hymnus zur Komplet es ausdrückt:
Tod und Vergehen waltet in allem,
Steht über Menschen, Pflanzen und Tieren,
Sternbild und Zeit.
Wir wissen: Nichts ist so sicher wie der eigene Tod - davor kann uns
weder Geld, noch Intelligenz bewahren, wie es schon im Buch der Psalmen
heißt: "Reiche sterben - genauso gehen Tor und Narr zugrunde"
Dabei löst der Gedanke an den Tod nicht bei allen Angst und Schrecken
aus. Nicht wenige sehen den Tod auch als Lösung: Wenn mit dem Tod
alles zu Ende ist, dann sind damit ja auch meine Probleme gelöst.
Denn diese hängen ja mit meinem Leben zusammen. Der Tod als Problemlösungsstrategie.
Immer wieder - auch heute noch - lesen wir von Menschen, die sich selbst
- und vielfach auch ihren Familien - das Leben nehmen, weil sie keinen
Ausweg mehr sahen. Der Tod als Lösung - als Erlösung vielleicht
auch vor dem ständigen Fluß?
Stellen wir uns einmal die Zeit vor. Sie klagt darüber, daß
sie immer fließt und niemals stehen bleibt. Immer weiter, immer
fort. Werden und vergehen, werden und vergehen. Es gibt keinen Endpunkt,
kein Ziel, keine Ruhe, immer Neues, immer Bewegung. Eines Tages ist die
Zeit des Fließens müde und sehnt sich nach dem Stillstand.
Da kommt der Tod zu ihr und sagt: Du willst nicht mehr fließen,
du bist des ständigen Wechsels müde? Ich erlöse dich! Ich
verschaffe dir Ruhe. Mit mir hast du endlich ein Ziel, das du erreichen
kannst. Und mit diesem Ziel erreichst du auch gleichzeitig alles Probleme
deines Seins. Hast du Kummer? Ich erlöse dich. Hast du Schmerzen?
Ich erlöse dich. Hast du Schulden? Ich nehme sie dir. Gibt es Streit?
Ich mahe ihm ein Ende. Bist du müde? Ich verschaffe dir Ruhe. Ich
bin das Ende, das Ziel, das Nichts. Komm zu mir und du bist alle Sorgen
los.
Vielleicht habe ich ja selbst schon einmal so gedacht: Wäre doch
nur alles vorbei - wenn ich jetzt gegen diesen Baum fahre, wenn ich jetzt
aus diesem Fenster springe - alles vorbei - alles gut.
O.k. - der Gedanke mag da sein. Aber die Frage muß auch gestattet
sein: Was, wenn dann nicht alles vorbei ist? Wenn der Tod nicht das Letzte,
sondern nur das Vorletzte ist? Wenn wir uns durch den Tod nicht befreien
können vom Leben, sondern nur von dieser Welt? Wenn der Tod keine
Lösung, sondern nur eine Scheinlösung ist? Erfahrungen und Gedanken
zum Tod. Welches sind meine Erfahrungen, meine Gedanken?
2. Der Tod Jesu
Kennt Ihr den Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi? Franziskus hat
diesen Gesang nicht - wie manche Verfilmung glauben machen möchte
- in jugendlicher Frische durch die Blumenwiesen von Assisi spazierend
gedichtet, sondern zum Ende seines Lebens, krank daniederliegend, fast
blind, leidend.
Und er preist die Schönheit der Natur und des Weltalls, die ihm Zeichen
für die Schönheit und Güte Gottes sind. Er glaubt an das
Leben und schließt in diesen Glauben auch den Tod - eben als etwas
Vorletztes ein:
Herr, sei gelobt, durch unsern Bruder Tod,
dem kein Mensch lebend je entrinnen kann
Der zweite Tod tut uns kein Leide an.
Der zweite Tod - das wäre die Trennung von Gott - die Trennung
von dem, der das Leben selbst ist. Da der Tod scheinbar von all den negativen
Erfahrungen dieser Welt befreit, wird er verständlicherweise immer
wieder als Erlösung bezeichnet. Und das mit Recht.
Häufig höre ich in Trauergesprächen den Satz: Für
ihn oder für sie war der Tod wirklich eine Erlösung. Das Leiden,
der Kampf hat ein Ende genommen - es war ja auch wirklich kein Leben mehr
- er hat ja auch nichts mehr mitbekommen. Und wenn man sich das Leiden
und den Todeskampf manch Sterbender ansieht, ist das Wort von der Erlösung
von einem solchen Leben sicher angebracht.
Aber es steckt auch eine Gefahr in dieser Formulierung. Denken wir wieder
an die Geschichte von der Zeit, die die Ruhe suchte. Der Tod kommt als
Erlösung - aber wer erlöst mich vom Tod?
Wir haben heute eine Lesung aus dem Korintherbrief gehört, die
folgendermaßen begann:
Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben:
Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. Er ist aber
für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben,
sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde.
Zunächst steht da, was wir ja alle wissen: Jesus Christus ist gestorben.
Soweit, so gut. Das wissen wir ja. Aber sein Tod ist nicht nur das tragische
Ende eines herzensguten Menschen, der es eben nicht geschafft hat, seine
Umwelt davon zu überzeugen, ihm zu folgen. Sein Tod war mehr. Jesus
ist für uns gestorben. Dass er gestorben ist, hat also etwas mit
uns, etwas mit mir zu tun! Er hat den Tod auf sich genommen, weil die
Menschen den Tod gewählt hatten. Die Menschen aber hatten den Tod
gewählt, indem sie sich von Gott abgewendet und eigene Wege gegangen
waren. Indem sie sich von Gottes Führung getrennt hatten, kam der
Tod in die Welt - und aus eigener Kraft konnten sich die Menschen aus
der Gewalt des Todes nicht mehr befreien.
Das ist wie mit jemandem, der mit Feuer spielt und schließlich das
ganze Haus in Brand setzt. Er ist gefangen und kann nicht heraus. Hilfe
kann nur von außen kommen - und von jemandem, der die Macht hat,
in das Haus einzudringen und den Gefangenen zu retten. Wenn der Brandstifter
dann gerettet ist, muß er doch die Folgen des Brandes tragen, den
er verursacht hat - und die festgesetzte Strafe zahlen.
Jesus ist wie ein Retter, der nicht nur die Gefangenen herausholt, sondern
gleichzeitig noch die gerechte Strafe trägt, die den Gefangenen galt.
Er ist für alle gestorben.
Aber Paulus sagt noch mehr: Einer ist für alle gestorben, also
sind alle gestorben.
Was heißt das jetzt? Wenn wir annehmen, was Jesus uns durch seinen
Tod geschenkt hat - dass er auf sich genommen hat, was wir verbrochen
haben - wenn wir dieses Geschenk seines Todes annehmen, dann werden wir
zu neuen Menschen - und der alte Mensch stirbt.
Paulus sagt das wenig später: Wenn also jemand in Christus ist, dann
ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.
Christ sein bedeutet also, nicht nur Ja sagen zu Christus, sondern eins
werden mit ihm. Ich kann nicht Christ sein aus der Distanz heraus. Ich
kann nicht Christ sein wie ich Humanist sein kann oder ein Anhänger
dieser oder jener Heilslehre. Das Christentum ist immer zuerst Person,
nicht Lehre.
Kenne ich diesen Christus? Ist mir bewußt, was er für mich
getan hat? Wir haben jetzt Zeit, mit ihm zu sprechen. Ganz persönlich.
Er ist hier.
3. Jesu Auferstehung
Wollte man die frohe Botschaft, das Evangelium, in einem Satz zusammenfassen,
dann hätte diese Botschaft eben mit Tod und Leben zu tun. Bevor es
ein Glaubensbekenntnis gab, wie wir es heute kennen - und wie es in den
ersten Jahrhunderten entstanden ist - erkannten sich die Christen daran,
daß sie an Tod und Auferstehung ihres Herrn und Meisters glaubten:
Jesus ist auferstanden - er ist wahrhaft auferstanden.
Im Christentum steht ein Mensch im Mittelpunkt, der zugleich Gott ist:
Jesus Christus. Das spielt auch eine Rolle, wenn wir uns über Tod
und Auferstehung Gedanken machen.
Diese Botschaft benennt Paulus in seinem Brief an die Römer ganz
konkret:
Wenn der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten
auferweckt hat, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt
hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen, durch seinen Geist,
der in euch wohnt. (Röm 8, 11)
Einen solchen Glauben an die Auferstehung hat es in Israel nicht überall
gegeben. Noch im Neuen Testament begegnen uns ja die Gruppe der Pharisäer
und Sadduzäer, von denen die erstere an eine Auferstehung glaubten
und die letzteren eben nicht. Diesen erwidert der Jesus selbst: "Ihr
irrt euch, ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes" (Mk
12,27).
Und auch innerhalb der christlichen Gemeinden gibt es Stimmen, die die
Auferstehung der Toten in Frage stellen. So schreibt Paulus in seinem
ersten Brief an die Gemeinde in Kortinth:
Wie können einige von euch sagen: eine Auferstehung der
Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch
Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden,
dann ist unsere Verkündigung und euer Glaube sinnlos. (1 Kor 15,
12-14)
Jesus bindet diesen Glauben an die Auferstehung an seine eigene Person:
"Ich bin die Auferstehung und das Leben" (Joh 11, 25). Daß
er dies wirklich ist, zeigt er nicht zuletzt durch seine Begegnungen mit
den Jüngerinnen und Jüngern nach seiner Auferstehung. Der auferstandene
Herr begegnet uns hier als erfahrbar, greifbar, wirklich.
Schon Augustinus spricht davon, daß der christliche Glaube in keinem
Punkt auf mehr Widerspruch stoße als in bezug auf die Auferstehung
des Fleisches (Vgl. Augustinus, Psal. 88, 2,5).
Und die Frage ist ja auch berechtigt: Was heißt das eigentlich:
"auferstehen"? Das Christentum lehrt die Unsterblichkeit der
Seele. Die Seele ist sozusagen der Sitz der Person - das Herz - eben das,
was bei keiner anatomisch noch so präzisen Untersuchung gefunden
werden kann. Mittelalterliche Theologen haben sich Gedanken gemacht über
den Sitz der Seele im Körper. Doch wenn man nach dem Ort der Seele
fragt, beschränkt man die Art ihrer Existenz ja wieder auf eine körperliche.
Die Seele ist jedoch letztlich nicht greifbar, lokalisierbar. Auch das
Zusammenspiel - die Vereinigung wie Trennung von Seele und Leib bleiben
letztlich ein Geheimnis. Auch die antike Philosophie kannte den Begriff
der Seele. Platon jedoch sah im irdischen Körper eine Art Gefängnis
der Seele. Im Tod wird dann endlich die Seele aus diesem Kerker befreit
und ist frei.
Nach christlicher Vorstellung werden wir nicht auf ewig sozusagen leiblos
weiterleben, sondern dem Leib wird eine unheimlich große Würde
zuerkannt. Paulus spricht davon, daß der Leib der Tempel des Heiligen
Geistes sei. Unser Leib - nicht nur unser Geist!
Die Hochachtung, die wir durch Aufbahrung und Beerdigungspraxis dem Leib
eines Toten zollen, rührt letztlich von dieser Überzeugung her.
Und das frühere Verbot der Kirche, eine Einäscherung vornehmen
zu lassen, hat den Grund, daß damit ausgesagt werden könnte:
ich glaube nicht an die Auferstehung des Fleisches.
Wie aber genau wird diese Auferstehung geschehen? Hören wir dazu
wieder Paulus:
Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt?
Was für einen Leib werden sie haben? Was für eine törichte
Frage! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht
stirbt. Und was du säst, hat noch nicht die Gestalt, die entstehen
wird; es ist nur ein nacktes Samenkorn ... Was gesät wird, ist verweslich,
was auferweckt wird, unverweslich ... die Toten werden zur Unvergänglichkeit
auferweckt ... Denn dieses Vergängliche muß sich mit Unvergänglichkeit
bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit. 1 Kor 15, 35-37.42.52-53
Das Wie der Auferstehung bleibt also Geheimnis, es übersteigt
unsere Vorstellung und unser Verstehen.
Wilhelm Breuning schreibt dazu: "Gott liebt mehr als die
Moleküle, die sich im Augenblick des Todes im Leib befinden. Er liebt
einen Leib, der gezeichnet ist von der ganzen Mühsal, aber auch der
rastlosen Sehnsucht einer Pilgerschaft, der im Lauf dieser Pilgerschaft
viele Spuren in einer Welt hinterlassen hat, die durch diese Spuren menschlicher
geworden ist ... Auferweckung des Leibes heißt, daß von all
dem Gott nichts verloren gegangen ist, weil er den Menschen liebt. Alle
Tränen hat er gesammelt, und kein Lächeln ist ihm weggehuscht.
Auferweckung des Leibes heißt, daß der Mensch bei Gott nicht
nur seinen letzten Augenblick wiederfindet, sondern seine ganze Geschichte."
(Lesebuch zum Erwachsenenkat. 586)
Auferstehung des Leibes: Glaube ich daran - oder fällt mir das schwer?
Bin ich bereit für Überraschungen Gottes? Wie ernst nehme ich
meinen Körper, den Leib - meinen und den der anderen Menschen? Ist
mir bewußt, dass der Mensch aus Geist und Leib besteht - und als
solcher einmal auferstehen wird?
4. Mit Jesus auferstanden
Immer wieder findet sich auch in der Hl. Schrift und in Gebeten die
Formulierung, daß wir schon mit Christus auferstanden sind. Diese
Formulierung zeigt, daß es sich bei der Auferstehung nicht nur um
ein Geschehen handelt, das irgendwann einmal stattfinden wird, sondern
daß wir jetzt schon teilnehmen an der Auferstehung des Herrn.
Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch
auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten
auferweckt hat. ... Ihr seid mit Christus auferweckt, darum strebt nach
dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. (Kol 2,
12; 3,1)
So ist die Taufe - ursprünglich als Untertauchen des ganzen Körpers
- auch ein Zeichen des Todes. Unter Wasser kann ich nicht mehr leben -
und gleichzeitig Zeichen der Auferstehung: Aus dem Wasser neu geboren
werden. Jetzt schon leben wir also das neue Leben mit Gott - auch wenn
uns äußerlich noch alles an diese Welt bindet.
In paradiso - vielleicht kennt Ihr den alten Gesang, der für die
Begräbnisfeier vorgesehen ist, und der den Blick über dieses
Leben hinaus auf das himmlische Jerusalem öffnet, von dem uns Johannes
in seiner Offenbarung die Bilder geschenkt hat:
Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer
dich begrüssen und dich führen in die Heilige Stadt Jerusalem.
Die Chöre der Engel mögen die empfangen und durch Christus,
der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.
Das wünschen wir dem Verstorbenen: daß ihn ewiges Leben erfreue.
Einmal habe ich einen Freund gefragt: Freust du dich auf den Himmel? Ich
bekam zu Antwort: Ja, das ist schwierig - ich weiß ja nicht, was
da auf mich zukommt.
Diese Antwort drückt das Gefühl vieler Menschen im Hinblick
auf das ewige Leben aus. Und es ist ja auch wahr: Wer kann sich schon
vorstellen, was da auf uns zukommt. Die Bibel antwortet uns allenfalls
in Bildern - vom himmlischen Mahl ist da die Rede, von einer Hochzeit
- von einer Stadt, in deren Mitte der Herr selbst wohnt. Es bleiben Bilder.
Eine Möglichkeit, sich den Himmel vorzustellen, war schon immer,
sich etwas ganz Schönes vorzustellen, etwas das man gern tut, was
einem wirklich Freude macht. Die Frage ist, ob das dann nicht auch irgendwann
einmal langweilig wird. Es bleibt schwierig.
Dem Freund gegenüber habe ich folgende Antwort versucht: Wenn ich
dir sagen würde - heute Abend lade ich ein - aber es handelt sich
um eine Überraschung - komm einfach, den Rest überlasse mir
- was würde er dann denken? - Wenn es eine gute Freundschaft ist
würde er mir trauen und sich auf diesen Abend freuen. Er hätte
keine Sorge, sondern würde im Gegenteil ganz gespannt sein auf das
Schöne, das er am Abend mit mir erleben dürfte. - Übertragen
wir dieses Beispiel einfach auf Gott: Er ist der Freund, der uns einlädt
in sein Reich. In vielen Bildern hat er zu uns von diesem Reich gesprochen
- und er hat sogar seinen eigenen Sohn auf die Welt gesandt, um uns einzuladen
und uns den Weg in dieses Reich zu zeigen, weil wir uns auf dem Weg dorthin
verirrt hatten. Ob wir Gott jetzt trauen und uns tatsächlich in Freude
auf diese Einladung einlassen können, wird davon abhängen, ob
wir ihn wirklich zum Freund haben und ob wir ihm trauen.
Gott aber zum Freund haben, heißt, sein Wort anzunehmen und alles
zu lassen, was uns von ihm trennt. Es heißt, sein Gebot zu halten:
Du sollst den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit all deiner Kraft - und deinen Nächsten wie dich selbst.
So wie zur Zeit Jesu vor allem die Armen und Kranken die Botschaft vom
Himmelreich mit aller Offenheit und Freude aufnehmen konnten, zeigt auch
das Gebet eines körperlich Behinderten, was die Hoffnung auf das
Ewige Leben bewirken kann:
O Gott!
Es ist mir in dieser Welt nicht leicht gefallen,
von deiner Güte und Liebe zu reden.
Lange habe ich gebraucht,
um mit meiner körperlichen Behinderung zu leben.
Es gelingt mir kaum, das Lied zu singen:
"Was Gott tut, das ist wohlgetan."
Was mich getröstet hat,
waren viele Menschen an meinem Lebensweg,
die mir ihr Herz, ihren Glauben geschenkt,
die auch meinen Glauben an dich gefestigt haben.
Immer noch muß ich wandern
durch Finsternisse und Irritationen.
Aber eine große Hoffnung trägt mich,
sie macht mich froh und frei:
Es gibt nicht nur diese Welt!
Es gibt eine Ewigkeit!
Es gibt eine Auferstehung des Fleisches!
Dann werde ich deine ganze Liebe erfahren,
denn verklärt und gesund an Leib und Seele
werde ich an deiner ewigen Herrlichkeit teilnehmen!
Ein wichtiger Schritt im Umgang mit dem eigenen Sterben ist also, den
Gedanken an den eigenen Tod bewußt anzunehmen und nicht zu verdrängen.
Ein Punkt, an dem ich selbst immer wieder auf den eigenen Tod aufmerksam
gemacht werde, ist eine Fürbitte am Grab: Wir beten für uns
selbst und alle Lebenden - besonders auch für denjenigen aus unserer
Mitte, der als erster dem Verstorbenen vor das Angesicht Gottes folgen
wird - schenke uns Reue und Umkehr.
Mehr als einmal wurde ich darauf hingewiesen, diese Bitte sei doch makaber
und unpassend. Sie ist auch tatsächlich ein Stachel - und sie soll
sicher nicht dazu dienen, daß wir auf dem Friedhof unsere Augen
schweifen lassen und rätseln, wer denn wohl als Nächster an
der Reihe ist. Vielmehr kann sie mich selbst daran erinnern, daß
jeder Tag meines Lebens der letzte sein kann - und daß diese Fürbitte
auch meine eigene Fürbitte sein kann. Eine Solidarität kann
sich hier auftun, eine Gemeinschaft des Füreinander-betens.
Im Sterben keine Angst mehr zu haben vor dem Tod - das wünschen sich
sicher viele von uns - und gerade Christen haben allen Grund, keine Angst
zu haben - weil sie daran glauben, in die Hände Gottes, des Vaters
zu gelangen, der Liebe über Liebe schenkt.
Andererseits hat gerade der, der keinen Grund hatte, Angst zu haben, die
Todesangst kennengelernt. Denken wir an das Gebet Jesu im Garten Getsemanie:
Wenn es möglich ist, laß diesen Kelch an mir vorüberziehen
- denken wir an sein Gebet am Kreuz: Mein Gott, mein Gott, warum hast
du mich verlassen?
Die Kirche hat die Leiden Jesu immer verstanden als freiwilliges Opfer,
als Sühneleiden für unsere Abkehr von Gott, für unsere
Sünden. Und immer wieder hat es Menschen gegeben, die ihr eigenes
Leid tragen konnten, gerade indem sie es mit dem Erlöserleiden verbanden
und darin Trost und Hilfe gefunden haben.
Ganz konkret kann ich mich also auf das eigene Sterben vorbereiten, indem
ich Kontakt suche mit dem, den ich im Tod zu sehen hoffe, mit Gott. Das
Gebet ist so eine Art der Vorbereitung auf das Sterben. Ebenso die Erfüllung
der Gebote Gottes, von denen das erste ist, die Liebe gegenüber Gott
und dem Nächsten.
Die beste Vorbereitung auf das eigene Sterben also ist die Liebe - die
Liebe zu Gott und zum Nächsten. Durch jede echte Liebe lerne ich,
von meinem eigenen Ich abzusehen, mich dem anderen zu öffnen - und
so mich am Ende selbst wiederzufinden.
Hans-Dieter Hüsch: "Was
machen wir hinterher?"
Was machen wir hinterher
Was machen wir morgen
Wo trifft man uns im nächsten Jahr
Leben wir alleine
Haben wir Sorgen
Oder haben wir keine Ich bin zuversichtlich
Denn Gott der Herr
Versöhnt mich mit den Dingen
Die mir schwer fallen Sind wir vernünftig
Oder sind wir in Not
Was tun wir gegen Haarausfall
Husten wir nicht ständig
Sind wir schon tot
Oder sind wir noch lebendig Ich bin ohne Furcht
Denn Gott der Herr
Versöhnt mich mit den Menschen
Die mir fremd waren Was machen wir hinterher
Trinken wir ein Bier
Oder sind wir gut versichert
Haben wir Kinder
Spielen wir Klavier
Oder sind wir Erfinder
Ich bin zuversichtlich
Denn Gott der Herr
Versöhnt mich mit dem Leben
Das nicht leicht ist Sind wir labil
Oder sind wir wie die Ringer
Und drücken gleich zu
In unsern vier Wänden
Oder zählen wir unsre Finger
An unsern zwei Händen Ich bin ohne Furcht
Denn Gott der Herr
Versöhnt mich mit den Feinden
Die ich töten wollte Haben wir etwa Schulden
Nehmen wir Tabletten
Oder haben wir ein Vorbild
Aus der Geschichte
Leben wir in Ketten
Oder schreiben wir Gedichte Ich bin zuversichtlich
Denn Gott der Herr
Versöhnt mich mit dem Tag
An dem ich gehen muß Was machen wir hinterher
Fahren wir weit weg
Oder gehen wir gleich nach Hause
Tanzen wir im Gebirge
Oder tauchen wir tief
Steigen wir ein
Oder steigen wir aus Ich bin ohne Furcht
Denn Gott der Herr macht mich leicht
Und versöhnt mich mit Himmel und Erde.
Möchtest Du mir schreiben? Diese Katechese
hat Benedikt
gehalten.