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Hexenwahn und Hexenverfolgung

Es ist immer wieder faszinierend, welche Argumente die Menschen zusammen suchen, nur um sich zu rechtfertigen, warum sie nichts mit der Kirche zu tun haben wollen. Neben so nebensächlichen Dingen wie "das Priestertum der Frau", "das Verbot der Pille" und dem "Zölibat" wird dabei immer wieder die historische Schuld der Kirche genannt: "Damals, bei der Hexenverbrennung und der Inquisition hat die Kirche ihr wahres Gesicht gezeigt. Sie ist nämlich eigentlich menschenverachtend und intolerant. Da mache ich nicht mit!"

Nun - es ist tatsächlich so, dass die Kirche im Laufe ihrer Geschichte einige Schuld auf sich geladen hat. Das darf keiner ernsthaft bestreiten - und das ist auch nicht die Aussageabsicht dieser Katechese. Aber die Behauptung, in den dunklen Kapiteln der Geschichte wäre die Kirche nicht trotz, sondern aufgrund ihres Glaubens zur Täterin geworden, trifft schon die Substanz. Einen Glauben, der früher oder später zum Massenmord führen muss, will wohl keiner ernsthaft vertreten.

Diese Katechese will also keine historische Abhandlung darüber sein, was genau (in welchem Jahr, von wem und mit wem etc.) geschehen ist. Wir wollen vielmehr klären, was dazu geführt hat, dass die Hexenverbrennungen so abgelaufen ist - und welcher Rolle der katholische Glaube dabei gespielt hat.

 

 

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Diese Katechese ist auch als gedrucktes Heft (Nr. 018) erhältlich: Kostenlose Bestellung

1. Was sind eigentlich Hexen?

Um es vorwegzunehmen: Was Hexen in Wirklichkeit gewesen sind, entzieht sich unserer Kenntnis. Einige behaupten, es seien naturverbunde Kräuterfrauen gewesen, andere gehen von Angehörigen der alten heidnischen Religionen aus - wieder andere glauben, dass die Hexen nur etwas runzelige alte Frauen waren. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass vermutlich nichts von alle dem zutrifft: Junge und alte Frauen, gebildete und ungebildete, Sonderlinge und gut katholische Adelige - alle konnten unter den Verdacht geraten, eine Hexe zu sein. Sogar Männer. Es gab und gibt bis heute nicht die Hexe.

Auch heute, wo es z.T. wieder Mode ist, sich als Hexe zu bezeichnen, wird unter diesem Begriff ganz Unterschiedliches verstanden (was manchmal zu unangenehmen Verwechslungen führen kann): So sind die weiblichen Zauberinnen bei Harry Potter ebenso "Hexen" wie Gruppen von Frauen, die sich den heidnischen Kulten der vorschristlichen Zeit widmen. Weibliche Satanisten nennen sich "Hexe" ebenso wie wohlmeinende Heilerinnen.

Die bekannteste "Hexe" passt in keines dieser Klischees: Johanna von Orleans - Jean d'Arc - wurde als Hexe verbrannt - obwohl sie jung, gutaussehend, erfolgreich, staatstreu und heiligmäßig katholisch gewesen ist. Sie hat niemanden Schaden zugefügt (zumindest keinem derjenigen, die sie verurteilten) - und doch konnte sie diesem mörderischem Wahn nicht entrinnen.

So wenig eindeutig, wie die Opfer zu bestimmen sind, so eindeutig ist der Vorwurf an diese "Hexen" gewesen: Sie seien Bräute Satans.

 

Und so wundert es nicht, dass der erste Vorwurf im Zusammenhang mit den Hexenverbrennungen zu Beginn der Neuzeit lautet: »Die katholische Kirche hat mit ihrem Glauben an den Teufel und die Hexen überhaupt erst den Grund dafür gelegt, dass so etwas wie Hexenwahn um sich greifen konnte.«

Das ist nicht ganz korrekt. Natürlich - hätte die katholische Kirche geleugnet, dass es einen Teufel gäbe, wäre sie wohl in den Augen des heutigen kritischen Menschen von theologischer Schuld reingewaschen. Aber das hätte die Hexenverbrennungen und den Hexenwahn nicht verhindert.
Es gibt sie ja auch heute noch, die Satanisten. Und sie nennen sich gelegentlich selbst "Hexen", obwohl sie nicht katholisch sind. Und sie reden selbst von der Existenz des Satans - auch dann, wenn sogar die Katholiken dessen Existenz ablehnen. Satansanbeter, das liegt auf der Hand, sind kein Produkt der katholischen Kirche. Es hat sie zu allen Zeiten gegeben und auch außerhalb der christlichen Kulturen.

Zu allen Zeiten haben die Christen von der Existenz der Satanisten gewusst; oft waren diese namentlich bekannt - ohne dass es deshalb zu einer Satanistenverfolgung gekommen wäre. Der Glaube an den Teufel und an die Möglichkeit, ihn anstelle Gottes zu verehren, kann also nicht der Grund der wahnsinnigen Hexenverfolgung gewesen sein.

2. Hexenprozesse - Klischee und Wirklichkeit

Wer glaubt, Hexen seien harmlose Frauen, die auf ihrem Besen nachts ein paar Runden um den Schornstein drehen, der wird natürlich jeden Hexenprozess - egal ob im Mittelalter, in der Neuzeit oder heute - von vornherein als Unsinn abtun. Viele der Hexenprozesse in der Zeit des Hexenwahns waren tatsächlich solche "Wahn-Prozesse". Aber das gilt nicht für alle Verurteilungen von Hexen - der letzte Hexenprozess in Deutschland fand ja erst vor einigen Jahren statt:

»Das Ehepaar Daniel und Manuela R. hatte vor Gericht zugegeben, am 6. Juli 2001 in seiner Wittener Wohnung einen 33-jährigen Arbeitskollegen von Daniel R. mit Hammerschlägen und Messerstichen brutal umgebracht zu haben. Als Motiv gaben beide an, sie hätten "auf Befehl Satans" gehandelt.« (AFP)

Wer sein illusorisches Bild von der harmlosen Frau auf dem Besen korrigiert und um die Praktiken der Satanisten weiß, der wird eine Verfolgung der extremen Satanisten nicht nur gutheißen, sondern fordern. Denn die Rituale der extremen Satanisten sind nicht gerade harmlos. Berichten von südamerikanischen Journalisten zufolge werden allein in Brasilien jedes Jahr ungefähr 40 Säuglinge entführt und bei Satansmessen geopfert. (Andere in Südamerika häufig praktizierte Rituale, die ebenfalls als schwerste Verbrechen eingestuft werden, möchte ich hier den Lesern ersparen.) Auch hier in Deutschland hat der "Satanisten-Prozess" für Aufsehen gesorgt: Ein Hexenpärchen glaubte sich von Satan zum Mord aufgefordert. Dass das strafrechtliche Konsequenzen hat - ein Hexenprozess eben - ist dann ja keine Frage.

Aber ein solcher Prozess richtet sich gegen Menschen, die aufgrund ihres satanistischen Glaubens Verbrechen begehen. Eine Verurteilung eines Menschen, der sich zwar zu Satan bekennt, aber kein Verbrechen begeht, widerspricht unserem Recht eindeutig. Noch weniger, wenn er gar kein Satanist ist - sondern es ihm lediglich nachgesagt wird. Genau das ist aber in der Zeit des Hexenwahns passiert - obwohl gerade das Rechtsbewusstsein im Mittelalter zu höchster Ausprägung gefunden hat. Wie konnte es zu diesem Rückschritt kommen?

3. Die Reaktion der Christen auf Hexen und Hexenmeister

Der "normale" Umgang (falls man mit Satanisten überhaupt "normal" verkehren kann) der Christen gegenüber jemanden, der von sich behauptete, er sei eine Hexe oder ein Hexenmeister, war ein unbesorgtes Achselzucken: "Schade für Dich." Angst brauchte keiner zu haben - Christen wissen eben, dass der christliche Gott Satan besiegt hat. Jesus Christus wirkt in seiner Kirche und den Gläubigen - und an den Sohn Gottes traut sich Satan nach seiner Niederlage auf Golgotha einfach nicht mehr heran. Wer Christ ist, der weiß zwar um die Existenz des Teufels und seiner Verführungskunst - aber vor billigem Hexenzauber hat ein bodenständiger Christ keine Angst. "Wer Schadenszauber praktiziert", so hieß es immer unter Christen, "schadet nur sich selbst".

Seien wir ehrlich - jeder normale Christ würde so reagieren. Wir erfahren ja immer wieder von satanischen Ritualen in der Tageszeitung. Ich habe aber noch von keinem Christen gehört, der seitdem besonders viel Weihwasser konsumiert. Wir haben zwar (berechtigte) Angst, Opfer der frustrierten Aggressionen dieser Hexen und Hexenmeister zu werden. Aber vor den übernatürlichen Auswirkungen der dort praktizierten Rituale braucht ein Christ keine Angst zu haben: Satan ist schließlich auch nur ein Geschöpf, ein ziemlich beschränktes und lächerliches noch dazu.

Und dann wäre es auch nicht mehr so wichtig, ob jemand nun von sich behauptet, er sei ein Satanist oder eine Hexe, oder ob es andere fälschlicherweise über ihn behaupten. Die Reaktion ist ja die gleiche: "Na und? Wen stört's?" Und in aller Seelenruhe hätte man dann den so verleumdeten rehabilitieren können.

Aber diese Souveränität haben die Christen natürlich nur, solange ihr Glauben fest und ihre Beziehung zu Gott ungestört ist. Das war zum Beispiel im Mittelalter der Fall: Dort lebte der Mensch in einem festen Bezugssystem aus Glauben, Staat und Kirche. Entgegen allen Umdatierungen hat es im Mittelalter so gut wie keine Übergriffe gegen Hexen gegeben.
Nein, es war die Neuzeit, der Beginn der Loslösung vom überzeugten Glauben. Es war die Zeit der beginnenden Aufklärung und des Nachlassens kirchlicher Autorität, die Zeit der aufkommenden Reformation und der Konfessionsstreitigkeiten. Was zunächst als eine Befreiung angesehen wurde (nicht mehr so streng glauben...!) kehrt sich bald in das Gegenteil: Wer seinen Glauben verliert, ist der numinosen Angst vor Allem und Jeden schutzlos ausgeliefert. Und genau das ist zu Beginn der Neuzeit passiert.

4. Der Hexenwahn als Anzeichen eines verlorenen Glaubens

Der Hexenwahn konnte sich also nur dort ausbreiten, wo der Glauben seine Substanz verloren hat. Nun - das ist eine Behauptung; stimmt das denn auch mit den Erkenntnissen überein, die wir aus den Geschichtswissenschaften haben?

Von den 125.000 Prozessen der Spanischen Inquisition wurden 59 „Hexen" zum Tode verurteilt. In Italien waren es 36 und in Portugal 4. Wenn wir diese Angaben zusammenzählen kommen wir auf nicht einmal 100 Fälle.
Im Gegensatz zu den "katholischen Kerngebieten" Spanien, Italien und Portugal war der Glaube der Bewohner Mitteleuropas (Frankreich, Polen und vor allem Deutschland) durch Pest, Krieg und schließlich durch die Reformationsstreitigkeiten so geschwächt, dass hier der Hexenwahn tumultartige Ausmaße angenommen hat - daran beteiligte sich die ganze Gesellschaft; darunter auch Kirchenmänner. Die Hexenbulle von Papst Innozenz VIII., die die Hexenverfolgung wenigstens regulieren sollte, aber in unseren Augen natürlich inakzeptabel ist - wurde von Deutschen erwirkt. Diese katholischen Deutschen (Heinrich Institoris und Jakob Sprenger) waren sich mit den evangelischen Deutschen Marin Luther und Melanchthon im Hexenwahn einig. Über die Reformation kam es sogar zum Export des deutschen Hexenverbrennens nach Nordeuropa.

Die proportional zahlreichsten Tötungen fanden in der Schweiz statt (4.000 Verbrennungen bei einer Bevölkerung von einer Million Menschen); in Polen-Litauen (an die 10.000 bei einer Einwohnerzahl von 4.4 Millionen), in Deutschland (25.000 bei einer Einwohnerzahl von 16 Millionen), und in Dänemark-Norwegen (1.350 bei einer Einwohnerzahl von 970.000) - allesamt Länder, die sich gerade in der Neuzeit von der katholischen Kirche bzw. vom christlichen Glauben entfremdeten.
Das heißt nun im Klartext: Die schrecklichen Hexenverfolgungen sind nicht eine Aktion der universalen katholischen Kirche, sie sind vielmehr Teil unserer deutschen historischen Schuld.

5. Der Hexenwahn: Nicht beschönigen, nicht entschuldigen - nicht missbrauchen

Auch wenn Historiker immer wieder darauf hinweisen, dass die Mehrheit der Hexen von zivilen Gerichten verurteilt und hingerichtet worden sind, dürfen wir nicht so tun, als habe die katholische Kirche eine reine Weste. Es haben zu viele kirchliche Stellen, Katholiken wie Protestanten, Bischöfe, Ordensleute und Dorfpfarrer ihre Hände im Spiel gehabt, als dass es dafür eine Entschuldigung gäbe. Es bleibt dabei: Der Hexenwahn ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte auch der Katholischen Kirche.

Aber der Umkehrschluss: »Der Glaube der katholische Kirche ist ursächlich verantwortlich für den Hexenwahn« ist vollkommener Nonsens. Den Christen zur Zeit des Hexenwahns ist eher vorzuwerfen, zu wenig zur Kirche gestanden zu haben, ihrem Glauben nicht treu genug geblieben zu sein. Das oben erwähnt Argument »ich werde nicht katholisch, da besteht ja die Gefahr, dass es zu einem neuen Hexenwahn kommt« müsste redlicherweise genau gegenteilig formuliert werden: »Ich bemühe mich um einen intensiven katholischen Glauben, damit Hexenwahn und -verfolgung nicht wieder passieren.«

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Wer Lust hat, möge in der folgenden (gekürzten) Geschichte von E.W. Heine weiterlesen (erschienen im Diogenes-Verlag, Zürich 1984, im Buch "Hackepeter")

Der Hexenhammer

Diese Geschichte wollte eigentlich ich schreiben, aber durch einen jener seltsamen Zufälle, wie sie jedem von uns bisweilen geschehen, ergab es sich, dass ich bei der Suche nach Unterlagen über Hexenprozesse in Südfrankreich auf die Geschichte einer jungen Journalistin stieß, die diese im Jahr 1928 verfasst hatte und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, weil sie mehr über allen krankhaften menschlichen Wahnwitz aussagt, als ich es zu beschreiben vermöchte. Ich wäre nur ein Erzählender. Das Schicksal der Herta Heine aber ist ein Teil ihrer Geschichte, oder genauer gesagt, eine Fortsetzung.

Im Frühsommer 1974 reiste ich durch die Provence, um eine geschichtliche Abhandlung über den Kreuzzug der Albigenser zu schreiben.(...) Ein mir bekannter Prior hatte mir die Adresse eines südfranzösischen Zisterzienser Klosters gegeben und meinen Besuch angekündigt.
Als ich Toulouse morgens im Wagen verließ, stand der Mond noch als blasse Spur über der schlafenden Stadt. Zwei Stunden nach Sonnenaufgang war ich am Ziel. Auf einer flachen, bewaldeten Anhöhe reckten sich zwei Türme dem kalten Morgenlicht entgegen, so als wollten sie zwar den Himmel erreichen, aber doch nicht die Erde verlieren.
An der Pforte empfing mich ein bärtiger Laienbruder. Er brachte mich zu Pater Franziskus, dem Bibliothekar des Klosters. Und damit endet meine Geschichte, bevor sie richtig begonnen hat. Beim Stöbern zwischen alten und neuen Schriften stieß ich auf ein Manuskript aus dem Jahre 1928. Es stammte aus der Feder, oder richtiger der Schreibmaschine der Journalistin Herta Heine, die in der gleichen Absicht wie ich hierher gekommen war. Sie hatte ihren Artikel für die »Berliner Morgenpost« verfasst. Es war ein Gespräch zwischen ihr und dem damaligen Abt des Klosters. Herta Heine hatte eine Abschrift ihrer Arbeit an die Klosterbibliothek geschickt, um sich zu bedanken. Der Artikel war in Form eines Interviews verfasst und lautete:

Morgenpost: »Hochwürden, ich komme zu Ihnen, weil diese Landschaft und Ihr Orden die Inquisition aus der Wiege gehoben haben. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe nicht die Absicht, Sie für die Verbrennung und Folterung einiger Tausend Unschuldiger verantwortlich zu machen. Das wäre so töricht, als wollten Sie mich für die Kreuzigung Christi zur Rechenschaft ziehen, weil ich Jüdin bin. Ich komme zu Ihnen auf der Suche nach dem Menschen. Gibt es eine Erklärung für die Ketzer- und Hexenverbrennungen, denen in Mitteleuropa mehr Frauen zum Opfer gefallen sind als der Pest und den Blattern? Was ging in den Köpfen der Geistlichen vor, die im Namen Christi die teuflischsten Foltern erfanden? Das kann man doch wohl nicht nur damit erklären, dass die Menschen früher halt anders waren als heute?«

Abt: »Ich glaube ganz und gar nicht, dass die Menschen in der Vergangenheit anders waren als heute. Ich glaube, dass die Mönche meines Ordens, die vor siebenhundert Jahren den Kreuzzug gegen die Albigenser predigten, in ihrem Herzen - und nur darauf kommt es letztlich an - die gleichen waren wie wir heutigen.«

Morgenpost: »Die Brüder Ihres Ordens lehren als Wissenschaftler an der Sorbonne und an den Universitäten der ganzen Welt.«

Abt: »Ich weiß. Unter den Nobelpreisträgern der letzten zehn Jahre waren zwei Gelehrte meines Ordens.«

Morgenpost: »Aber wie können Sie dann behaupten, dass unter jenen Wissenschaftlern noch ...«

Abt: »Ich habe nicht behauptet, dass noch welche unter ihnen sind. Ich habe gesagt, dass sie und wir alle bis in die Gegenwart die gleichen geblieben sind.
Sehen Sie, der Mann, der das Schießpulver erfand, war ein Mönch. Die Klöster waren die Hohen Schulen Europas. Sie brachten in einer Welt voller Analphabeten Gelehrte hervor, deren Erkenntnisse bis in die Gegenwart wirken, aber für sie alle waren Hexen und Teufel so unleugbar eine Realität wie für uns heute das Gesetz der Schwerkraft. Selbst der Reformator Martin Luther - übrigens auch ein Mönch - zweifelte keinen Augenblick seines Lebens an der Existenz von Hexen und Teufeln. Es ist durchaus nicht so, wie man bisweilen darzustellen versucht, dass der Aberglaube des dummen Pöbels den Hexenwahn geschaffen hätte.
Paracelsus, der wohl bedeutendste Arzt des sechzehnten Jahrhunderts und einer der wahrhaft großen Gelehrten seiner Zeit, war fest davon überzeugt, dass viele Krankheiten von bösen Hexen verursacht würden. Kopernikus, Vesalius, Cardano aus Bologna, sie alle veränderten das bestehende Weltbild, begründeten die modernen Naturwissenschaften und umsegelten die Erde. Aber sie alle glaubten an die Worte des Trithenius, der als Gelehrter am Hof des Kurfürsten in Berlin lebte und verkündete: "Verabscheuungswürdig ist das Geschlecht der Zauberer, besonders der weiblichen, die mit Hilfe böser Geister oder durch Zaubertränke dem menschlichen Geschlecht unabsehbaren Schaden zufügen. Leider ist die Zahl solcher Hexen in jedem Landesteil sehr groß. Selbst im kleinsten Ort findet man noch eine Hexe."« (Der Abt klappte das alte ledergebundene Buch zu, aus dem er vorgelesen hatte.) (...)

Morgenpost: »Wie ist es möglich, dass sich dieser mörderische Aberglaube so lange halten konnte! Bekanntlich hat er ja bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein gewütet und seine Schrecken gleichermaßen unter Protestanten und Katholiken verbreitet. Selbst das aufgeklärte Amerika ist ihm nicht entgangen. Wie war das möglich?«

Abt: »Warum sprechen Sie immer in der Vergangenheitsform, so als wären die Hexenverfolgungen für alle Zeiten vorüber, so als gäbe es sie nicht mehr?«

Morgenpost: »Na hören Sie mal, wir leben in einem fortschrittlichen Jahrhundert.«

Abt: »Oh, seien Sie da sehr vorsichtig. Die Renaissance bezeichnen wir als die Geburtsstunde der Individualität. In dieser Epoche starben Tausende von Menschen auf den Scheiterhaufen der Inquisition. Im frühen Mittelalter wäre das ganz unmöglich gewesen. Die Synode von Paderborn, die Karl der Große im Jahre 785 einberufen hatte, verhängte die Todesstrafe über denjenigen, der nach Art der Heiden glaubte, dass ein Mann oder eine Frau Hexe oder Zauberer sein könne.«

Morgenpost: »Aber wir verfügen über nie gekannte Aufklärungsmöglichkeiten. Wir leben in einem Jahrhundert der Tagespresse und des Rundfunks.«

Abt: »Die Erfindung der Buchdruckerkunst war für ihre Zeit mindestens so bedeutungsvoll wie die Erfindung des Radios für die unsere. Dennoch oder gerade deshalb haben die großen Hexenprozesse erst nach der Erfindung der Buchdruckerkunst stattgefunden. Die Inquisition benutzte sie für ihre Zwecke. Dem Radio wird es nicht anders ergehen.«

Morgenpost: »Aber sie glauben doch nicht allen Ernstes ... «

Abt: »Doch, ich glaube, dass wir Menschen uns nicht verändert haben. Wir sind nicht besser geworden, nicht reifer oder aufgeklärter. Schauen Sie sich die Geschichte an. Die Menschheit hat sich seit Christi Geburt nicht zum Bessern entwickelt. Warum sollte unser Jahrhundert da eine Ausnahme machen?«

Morgenpost: »Sie wollen doch nicht behaupten, dass die Menschen unserer Zeit noch an Teufel und Hexen glauben und es gar dahin bringen könnten, Unschuldige zu foltern und zu verbrennen. Das können Sie doch nicht ernsthaft glauben?«

Abt: »Schauen Sie nach Afrika, wo über weite Stammesgebiete entsetzliche Hexen- und Dämonenjagden dahinfluten. Auch hier in der Provence glauben viele Menschen an Hexen. Lesen Sie nur mal die Zeitungen. Sie sind voll von Berichten, in denen unschuldige Frauen in höchster Not den Schutz der Gerichte anrufen, weil ihre Nachbarn sie als Hexe verleumden und bedrohen.«

Morgenpost: »Ja, aber wir haben die Gerichte!«

Abt: »Wir haben sie noch. Aber so etwas lässt sich schnell abschaffen. Von der Antike bis zum Mittelalter kannte man den ordentlichen Prozess, bei dem vom Ankläger eine auf Tatsachen begründete Beweisführung verlangt wurde. Diese Jahrhundertealte Gerichtsbarkeit wurde von der Inquisition einfach abgeschafft. Der Ankläger brauchte keine objektiven Beweise. Der Beschuldigte erfuhr nicht einmal, wer ihn angezeigt hatte. Entlastungszeugen wurden grundsätzlich nicht zugelassen. Statt dessen wurde die Folter eingeführt.«

Morgenpost: »Erfolgte die Verurteilung völlig willkürlich, oder gab es bestimmte unzweifelhafte Kennzeichen, an denen man eine Hexe erkannte?«

Abt: »Es gab sie. "Der Hexenhammer" sagt: "Die Augen einer Hexe sind meistens grün." Sie haben grüne Augen. "Hexenhaar ist auffallend dicht und meistens pechschwarz." So wie Ihr Haar. "Die Hexe trägt meistens ein Muttermal auf dem Leib, eine auffällige Warze oder einen Drudenstern. Die Hexe hat einen flackernden unsteten Blick, der den Augen eines Geistlichen nicht standzuhalten vermag." Schauen Sie mich an! Warum sind Sie so nervös? Haben Sie Angst?«

Morgenpost: »Angst? Nein, ich habe keine Angst. Wir schreiben das Jahr 1928. Der Albigenser Kreuzzug liegt siebenhundert Jahre zurück. Dieser Wahnsinn wird sich niemals wiederholen. Vernunft und Fortschritt haben über Folter und Feuer gesiegt.«

Unter dem Interview stand ein später hinzugefügter handschriftlicher Vermerk: Herta Heine wurde 1943 im Konzentrationslager Bergen-Belsen vergast.