|
Weihnachtsgeschichte
auch als pdf-Datei
vorhanden sowie in der Geschichtensammlung
(ebenfalls als pdf)
Außerdem eignen sich als Weihnachtsgeschichte (oder als
Grundlage für ein Krippenspiel):
Bänder im Baum - Eine alte Geschichte, neu erzählt:
Vergebung erfahren, trotz aller Hoffnung, ist wie Weihnachten: Gott
vergibt uns und macht einen neuen Anfang.
Alles kostenlos - Liebe kann man
nicht bezahlen - aber auch nicht in Rechnung stellen...
Der Stern - Von dem Fischer, der
sich seinen eigenen Stern bastelte - und nie mehr gesehen wurde
Predigtspiel zu Weihnachten (1) -
Da erscheint der Engel in der Kirche und verkündet die frohe
Botschaft - und keiner geht mit. Also so etwas!
Predigtspiel zu Weihnachten (2)
- Maria will ihr Kind - anstelle in eine Krippe - in einen Knäuel
Stacheldraht legen. Darf sie das?
Predigtspiel zu Weihnachten (3) -
Beinahe wurde uns das Weihnachtsfest geklaut. Die Lieder, das Gebet
und die Krippe waren schon verschwunden. Aber der kleine Junge aus
der Nachbarschaft hat alles gemerkt...
Predigtspiel zu Weihnachten (4) -
Weil wir alle am Heiligen Abend mit anderen Dingen beschäftigt
waren, haben wir nicht bemerkt, wie das Christuskind einfach verschwunden
ist. Und zusammen mit den Christkind verschwand Gott, Glaube und Kirche
aus dem Leben der Menschen. Wird das gut gehen?
Krippenspiel oder Weihnachtsspiel für
Kinder - Die goldene Kette - Die Geschichte von einem,
der zu einem Geburtstfest eingeladen ist und auf dem Weg dorthin fast
sein ganzes Geschenk verliert. Aber ist eine goldene Kette mit einem
langweiligem Kreuz dran wirklich ein gutes Geschenk?
Der Thronrat Gottes - Gott will dem
Elend auf der Erde ein Ende machen. Er befragt seinen Thronrat: Soll
er eine neue Sintflut schicken? Oder einfach wegsehen? Oder nochmal
10 Plagen? - Typisch Gott: Er findet seinen eigenen Weg...
Heynitzer Krippenspiel Ganz
nahe an der eigentlichen Weihnachtsgeschichte ist das folgende Krippenspiel
- für Kinder und Jugendliche in der Weihnachtsnacht
|
Auf Josefs Spuren
Draußen bei den Hirten war es ziemlich kalt, denn der Himmel war sternenklar. Ein oder zwei hielten nebeneinander gehockt Wache, versuchten es zumindest. Es war eine ziemlich große Herde, die sie da umherführten und ihnen tat alles weh vom vielen Hinterrennen, Zusammenhalten und Antreiben. Wenn diese Nacht nur ruhig bliebe, nur eine Nacht einmal ohne Gebell, ohne irgendein wildes Tier, ohne die Sorge, daß am nächsten Morgen wieder einige fehlten, sich verirrt hatten. Was sollten sie dann morgen dem Besitzer sagen, wenn er wieder unvermutet vorbei käme.
Eine Nacht einmal in Ruhe schlafen, das wäre himmlisch, und so träumten sie von ihren Kindern daheim und von ihren Frauen, obwohl sie wußten, wirklich ruhig würde es dort auch nicht sein und so schauten sie einfach nur ins Feuer und freuten sich das ihnen wenigstens warm war. Und auch wenn sie ein wenig neidisch in die Runde der schlafenden Gefährten blickten, wußten sie doch wie nötig jene diesen Frieden hatten, nach diesem harten Tag und wie nötig sie diese morgen ausgeschlafen brauchen werden. Einige von ihnen waren ja noch gar nicht lange dabei und unerfahren, Kinder fast noch, und hielten sie mit ihren Schürfwunden, umgeknicksten Füßen und allen möglichen Wehwechen manchmal mehr auf Trab als die Schafe.
Plötzlich horchte einer auf und schaute den anderen fragend an. Nein da war nichts schaute der andere wortlos zurück. Doch dann drehten sich beide fast gleichzeitig um und lauschten in die Finsternis.
Was sie ganz tief im Schatten wahrnahmen war ein alter Mann, der sich abmühte einen Esel vorwärts zu bewegen. Doch der blieb reglos, störrisch wie nur Esel sein können, einfach nur stehen, und stampfte wenn er sich überhaupt einmal bewegte kurz mit den Hufen. Als der Mann versuchte ihn ein bißchen aus dem Gleichgewicht zu schubsen, um ihn dann zu ziehen, ein uralter Trick, den wohl auch dieses nicht mehr ganz junge Tier kannte, da schrie es unvermutet laut auf und ließ ein gellendes IA loß, dass die Hirten zusammenzuckten und einige der ruhenden kurz aufblickten.
Sie staunten beim Anblick der Sterne. Gewiß sie hatten viele Male die Sterne bewundert, aber heute verschlug es ihnen die Sprache. Keiner wagte ein Wort, um diesen eindrucksvollen Moment nicht zu stören und in gemeinsamer Stille zu erleben, denn was sie sahen klang wie eine wunderschöne Melodie von ganz weit her.
Still blieb es aber auch deshalb weil der Mann blitzartig an den Esel herangetreten war, so unvermutet, daß nicht nur der Esel ein wenig erschrak und aufhörte zu schreien, sondern auch die beiden Hirten meinten, so alt mochte er doch nicht sein, wahrscheinlich war auch er nur sehr erschöpft gewesen.
Nun schlang er seinen ganzen Körper um den Esel und streichelte ihm zärtlich den Nacken, wobei er ihm ganz leise ins Ohr flüsterte und ihm gut zuredete. Ganz still war es nun, nur das Knistern des Feuers war zu hören, die Hirten hielten den Atem an, als sie aus der Dunkelheit die Worte hörten:
„Sieh doch die hundert Lasten auf Deinem Rücken, 99 davon sind doch nur Deine eigenen Sorgen. Ich will Dir helfen sie abzulegen, und sie werden sich in der Dunkelheit in Nichts auflösen. Doch das eine, kleine, das wirst Du doch tragen können, es ist doch ganz klein und leicht, ein Geschenk. Das wirst Du verschenken, und das bedeutet doch dass Du dann ganz frei und unbeschwert sein wirst. Laß mich dir zeigen, wem Du es schenken sollst, komm nur noch ein bißchen weiter mit. Es ist ja gar nicht weit von hier.“
Und obwohl er den, der zu ihm sprach kaum sehen konnte und obwohl er ihn doch unmöglich verstehen konnte, begann der Esel tatsächlich wieder ein paar Schritte zu folgen, er muß ihm wohl geglaubt haben, obwohl es immer noch ziemlich zu drücken schien auf seinem Rücken, wie er so dahin stolperte.
Als die Hirten sahen, was er da trug, eine Frau, die sich kaum noch halten konnte, deren Haltung verriet, dass sie unter Schmerzen litt und zitterte, wollten sie hingehen und helfen.
Der eine griff sich einen der Holzscheite und steckte ihn in der Glut in Brand, der andere war zurückhaltender und überlegte, wer nun bei den anderen und der Herde Wache hielte. Doch es war schon längst zu spät. Das Licht der Fackel hatte ihrer beiden Augen so geblendet, dass es sie schmerzte und als sie versuchten wieder etwas in der Dunkelheit zu erkennen, sahen sie nichts mehr.
Dennoch fassten sie einen Entschluß, sie wollten die Familie suchen gehen und dazu die Herde zurücklassen und begannen die anderen zu wecken.
„Ihr spinnt doch“, klang es ihnen entgegen, „laßt uns doch in Ruhe. Morgen ist auch noch ein Tag. Laßt uns doch erst einmal ausruhen. Das habt ihr doch nur geträumt. Das ist doch unmöglich. Sie können unmöglich dort entlang gegangen sein, das ist nicht der befestigte Weg nach Bethlehem. Sie können unmöglich unsere Pfade im Dunkeln gegangen sein“.
Mürrisch und etwas mulmig bereiteten sich die größeren auf den Wegmarsch vor. Nur die jüngeren freuten sich auf dieses Abenteuer. Sie packten alles ein, was sie an Nahrungsmitteln und Wäsche und frischem Wasser hatten, denn es hieß ja, eine Frau würde in den Wehen liegen. Von den Schafen kannten sie das, bei ihren Frauen hatten sie nie geholfen. Sie hatten auch lieber mit den anderen gefeiert, jetzt wünschten sie sich sie hätten sich einfach einmal darüber hinweggesetzt, wenn man sie zur Seite schob, wenn sie mal zumindest schauen wollten. Heute Nacht sollten sie dies wohl nachholen dürfen, doch sie wußten nicht einmal genau wo.
Sie folgten den anderen über die Wiesen Richtung Bethlehem, doch sie ließen alle Fackeln zurück. In der Dunkelheit würden sie jedes Anzeichen, jeden Hinweis auf die Gesuchten besser sehen und hören können. Diese Nacht war sternenklar, besonders hell und still, und es überkam sie eine große Freude, denn sie ahnten, dass etwas ganz besonderes, etwas außergewöhnliches auf sie wartete.
Die Ur-Weihnachtsgeschichte
In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner
des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum erstenmal; damals
war Quirinius Statthalter von Syrien.
Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch
Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in
die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und
Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten,
die ein Kind erwartete.
Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und
sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und
legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie
war.
In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache
bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des
Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte
zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große
Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll:
Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias,
der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden,
das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.
Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer,
das Gott lobte und sprach:
Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei
den Menschen seiner Gnade.
Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt
waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um
das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ.
So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der
Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über
dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten
über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen
war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.
Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für
das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen,
wie es ihnen gesagt worden war.
Die Legende vom vierten König
Außer den drei weisen Männern, die das Kind in der Krippe
anbeten wollten, hatte sich auch noch ein vierter König auf den Weg
gemacht. Drei wertvolle Edelsteine wollte er schenken. Aber weil sein
Reittier lahmte, kam er nicht rechtzeitig zum vereinbarten Treffpunkt.
Trotzdem machte er sich auf. Doch er kam zu spät. Eine arme Mutter,
die sich nicht trösten ließ, erzählte ihm von den furchtbaren
Kindermord in in Bethlehem, dem auch ihr Söhnchen zum Opfer gefallen
war. Voller Mitleid schenkte er ihr einen leuchtend roten Edelstein, den
er eigentlich dem Königskinde schenken wollte. Nach langen Monaten
erreichte er Ägypten, aber er fand heraus, dass das Jesuskind und
mit seinen Eltern wieder in die Heimat gezogen war. Diesmal war er Jahre
unterwegs. Überall fragte und suchte er. Am Rande einer großen
Stadt traf er auf einen Aussätzigen, der schon fast verhungert war.
Ihm schenkte er den zweiten Edelstein, damit er sich in Zukunft helfen
könne. Trotz der schließlich dreißig Jahre seines Suchens
hatte seine Sehnsucht, den König der Welt zu finden, eher noch zugenommen.
Aber er fühlte auch, wie sein altes Herz die anstrengende Reise um
die halbe Welt nicht mehr lange aushalten würde. Einem nackten und
frierenden Kind schenkte er noch den letzten Edelstein, damit es sich
kleiden und satt essen könne.
Plötzlich wurde es dunkel, dabei war es erst kurz nach Mittag. Die
Erde begann zu zittern. In Todesangst dachte er: »Ist denn mein
ganzes Suchen umsonst gewesen?« Aber da strahlte ihm vom Kreuz ein
himmlisches Licht entgegen, und er hörte eine Stimme, die sprach:
»Du hast mich getröstet, als ich jammerte; gerettet, als ich
in Lebensgefahr war, und mich gekleidet, als ich nackt war!« »Herr,
ich? Wo?« »Was du den Menschen, die in Not waren, getan hast,
das hast du mir getan!« Da gab der vierte König gerne dem Weltenkönig
am Kreuz sein Leben zurück; denn nun hatte er ihn doch noch gefunden!
Der störrische Esel und die süße
Distel der Heil'gen Nacht
Als der heilige Josef im Traum erfuhr, dass er mit seiner Familie vor
der Bosheit des Herodes fliehen müsse, weckte der Engel in dieser
bösen Stunde auch den Esel im Stall.
"Steh auf!" sagte er von oben herab, "du darfst die Jungfrau
Maria mit dem Herrn nach Ägypten tragen." Dem Esel gefiel das
gar nicht. Er war kein sehr frommer Esel, sondern eher ein wenig störrisch
von Gemüt. "Kannst du das nicht selber besorgen?" fragte
er verdrossen. "Du hast doch Flügel, und ich muss alles auf
dem Buckel schleppen! Warum denn gleich nach Ägypten, so himmelweit!"
"Sicher ist sicher!" sagte der Engel; und das war einer von
den Sprüchen, die selbst einem Esel einleuchten müssen.
Als er nun aus dem Stall trottete und zu sehen bekam, welch eine Fracht
der heilige Josef für ihn zusammengetragen hatte, das Bettzeug für
die Wöchnerin und einen Pack Windeln für das Kind, das Kistchen
mit dem Gold der Könige und zwei Säcke mit Weihrauch und Myrrhe,
einen Laib Käse und eine Stange Rauchfleisch von den Hirten, den
Wasserschlauch, und schließlich Maria selbst mit dem Knaben, auch
beide wohlgenährt, da fing er gleich wieder an, vor sich hinzumaulen.
Es verstand ihn ja niemand außer dem Jesuskind.
"Immer dasselbe", sagte er, "bei solchen Bettelleuten!
Mit nichts sind sie hergekommen, und schon haben sie eine Fuhre für
zwei Paar Ochsen beisammen. Ich bin doch kein Heuwagen", sagte der
Esel, und so sah er auch wirklich aus, als ihn Joseph am Halfter nahm;
es waren kaum noch die Hufe zu sehen.
Der Esel wölbte den Rücken, um die Last zurechtzuschieben,
und dann wagte er einen Schritt, vorsichtig, weil er dachte, dass der
Turm über ihm zusammenbrechen müsse, sobald er einen Fuß
voransetze. Aber seltsam, plötzlich fühlte er sich wunderbar
leicht auf den Beinen, als ob er selber getragen würde; er tänzelte
geradezu über Stock und Stein in der Finsternis.
Nicht lange, und es ärgerte ihn auch das wieder. "Will man
mir einen Spott antun?" brummte er. "Bin ich etwa nicht der
einzige Esel in Bethlehem, der vier Gerstensäcke auf einmal tragen
kann?"
In seinem Zorn stemmte er plötzlich die Beine in den Sand und ging
keinen Schritt mehr von der Stelle.
Wenn er mich auch noch schlägt, dachte der Esel erbittert, dann
hat er seinen ganzen Kram im Graben liegen!
Allein Joseph schlug ihn nicht. Er griff unter das Bettzeug und suchte
nach den Ohren des Esels, um ihn dazwischen zu kraulen. "Lauf noch
ein wenig", sagte der heilige Joseph sanft, "wir rasten bald!"
Daraufhin seufzte der Esel und setzte sich wieder in Trab. So einer ist
nun ein großer Heilger, dachte er, und weiß nicht einmal,
wie man einen Esel antreibt!
Mittlerweile war es Tag geworden, und die Sonne brannte heiß. Joseph
fand ein Gesträuch, das dünn und dornig in der Wüste stand,
in seinem dürftigen Schatten wollte er Maria ruhen lassen. Er lud
ab und schlug Feuer, um eine Suppe zu kochen; der Esel sah es voll Misstrauen.
Er wartete auf sein eigenes Futter, aber nur, damit er es verschmähen
konnte. "Eher fresse ich meinen Schwanz", murmelte er, "als
euer staubiges Heu!"
Es gab jedoch gar kein Heu, nicht einmal ein Maul voll Stroh; der heilige
Joseph, in seiner Sorge um Weib und Kind, hatte es rein vergessen. Sofort
fiel den Esel ein unbändiger Hunger an. Er ließ seine Eingeweide
so laut knurren, dass Joseph entsetzt um sich blickte, weil er meinte,
ein Löwe säße im Busch.
Inzwischen war auch die Suppe gar geworden, und alle aßen davon.
Maria aß, und Joseph löffelte den Rest hinterher, und auch
das Kind trank an der Brust seiner Mutter; nur der Esel stand da und hatte
kein einziges Hälmchen zu kauen. Es wuchs da überhaupt nichts,
nur etliche Disteln im Geröll. "Gnädiger Herr!" sagte
der Esel erbost und richtete eine lange Rede an das Jesuskind; eine Eselsrede
zwar, aber ausgekocht scharfsinnig und ungemein deutlich in allem, worüber
die leidende Kreatur vor Gott zu klagen hat. "I-a! " schrie
er am Schluss, das heißt: "So wahr ich ein Esel bin!"
Das Kind hörte alles aufmerksam an. Als der Esel fertig war, beugte
er sich herab und brach einen Distelstängel; den bot es ihm an.
"Gut!" sagte er, bis ins Innerste beleidigt. "So fresse
ich eben eine Distel! Aber in deiner Weisheit wirst du voraussehen, was
dann geschieht. Die Stacheln werden mir den Bauch zerstechen, so dass
ich sterben muss, und dann seht zu, wie ihr nach Ägypten kommt!"
Wütend biss er in das harte Kraut, und sogleich blieb ihm das Maul
offen stehen; denn die Distel schmeckte durchaus nicht, wie er es erwartet
hatte, sondern nach süßestem Honigklee, nach würzigstem
Gemüse. Niemand kann sich etwas derart Köstliches vorstellen,
er wäre denn ein Esel.
Für diesmal vergaß der Graue seinen ganzen Groll. Er legte
seine langen Ohren andächtig über sich zusammen, was bei einem
Esel soviel bedeutet, wie wenn unsereins die Hände faltet.
Karl Heinrich Waggerl
Ich bin gerettet - Eine Wintergeschichte
Es war einmal ein Mann. Er besaß ein Haus, einen Ochsen, einen
Kuh, einen Esel und eine Schafherde. Der Junge, der seine Schafherde hütete,
besaß einen kleinen Hund.
Auf der Erde lag Schnee. Es war kalt und der Junge fror. "Kann ich
mich in deinem Haus wärmen?" bat der Junge den Mann.
"Ich kann die Wärme nicht teilen. Das Holz ist zu teuer",
sagte der Mann und ließ den Jungen in der Kälte stehen.
Da sah der Junge einen großen Stern am Himmel. "Was ist das
für ein Stern?" dachte er. Er nahm seinen Hirtenstab und seine
Hirtenlampe und machte sich auf den Weg.
"Ohne den Jungen bleibe ich nicht hier", sagte der kleine Hund
und folgte seinen Spuren.
"Ohne den Hund bleiben wir nicht hier", sagten die Schafe und
folgten seinen Spuren.
"Ohne die Schafe bleibe ich nicht hier, sagte der Esel und folgte
seinen Spuren.
"Ohne den Esel bleibe ich nicht hier", sagte die Kuh und folgte
seinen Spuren.
"Ohne die Kuh bleibe ich nicht hier", sagte der Ochse und folgte
seinen Spuren.
"Es ist auf einmal so still", dachte der Mann, der hinter seinem
Ofen saß. Er rief nach den Jungen, aber er bekam keine Antwort.
Er ging in den Stall, aber der Stall war leer. Er schaute in den Hof hinaus,
aber die Schafe waren nicht mehr da.
"Der Junge ist geflohen und hat alle meine Tiere gestohlen",
schrie der Mann, als er die Spuren im Schnee entdeckte.
Doch kaum hatte der Mann die Verfolgung aufgenommen, fing es an zu schneien.
Es schneite dicke Flocken. Sie deckten die Spuren zu. Dann erhob sich
ein Sturm, kroch dem Mann unter die Kleider und biss ihn in die Haut.
Bald wusste er nicht mehr, wohin er sich wenden sollte. Der Mann versank
immer tiefer im Schnee.
"Ich kann nicht mehr!" stöhnte er und rief um Hilfe.
Da legte sich der Sturm. Es hörte auf zu schneien und der Mann sah
einen großen Stern am Himmel. "Was ist das für ein Stern?"
dachte er. Der Stern stand über einem Stall, mitten auf dem Feld.
Durch ein kleines Fenster drang das Licht der Hirtenlampe.
Der Mann ging darauf zu. Als er die Tür öffnete, fand er alle,
die er gesucht hatte, die Schafe, den Esel, den Ochsen, die Kuh, den kleinen
Hund und den Jungen.
Sie waren um eine Krippe versammelt. In der Krippe lag ein Kind. Es lächelte
ihm entgegen, als ob es ihn erwartet hätte.
"Ich bin gerettet", sagte der Mann und kniete neben dem Jungen
vor der Krippe nieder.
Am anderen Morgen kehrte der Mann, der Junge, die Schafe, der Esel, die
Kuh, der Ochse und der kleine Hund wieder nach Hause zurück. Auf
der Erde lag Schnee, es war kalt. "Komm ins Haus", sagte der
Mann zu dem Jungen, "ich hab genug Holz. Wir wollen die Wärme
teilen."
von Max Bollinger
Nur ein Strohhalm
Die Hirten sind gekommen und dann wieder gegangen. Vielleicht haben
sie damals Geschenke mitgebracht, aber gegangen sind sie mit leeren Händen.
Ich kann mir aber vorstellen, dass vielleicht ein Hirte, ein ganz junger,
doch etwas mitgenommen hat von der Krippe. Ganz fest in der Hand hat er
es gehalten
Die anderen haben es erst gar nicht bemerkt. Bis auf einmal einer sagte:
"Was hast du denn da in der Hand?" - "Einen Strohhalm."
sagte er, "einen Strohhalm aus der Krippe, in der das Kind gelegen
hat.
"Einen Strohhalm!", lachten die anderen, "das ist ja Abfall!
Wirf das Zeug weg." Aber er schüttelte nur den Kopf. "Nein",
sagte er ",den behalte ich, für mich ist er ein Zeichen, ein
Zeichen für das Kind. Jedes mal, wenn ich diesen Strohhalm in der
Hand halten werde, dann werde ich mich an das Kinde erinnern und daran,
was die Engel von ihm gesagt haben."
Und wie ist das mit dem kleinen Hirten weitergegangen?
Am nächsten Tag, da fragten die anderen Hirten ihn. "Und, hast
du den Strohhalm immer noch? Ja? Mensch, wirf ihn weg, das ist doch wertloses
Zeug!" Er antwortete: "Nein, das ist nicht wertlos. Das Kind
Gottes hat darauf gelegen." - "Ja und?" lachten die anderen,
" das Kind ist wertvoll, aber nicht das Stroh."
Ihr habt Unrecht", sagte der kleine Hirte, "das Stroh ist schon
wertvoll. Worauf hätte das Kind denn sonst liegen sollen, arm wie
es ist? Nein, mir zeigt es, dass Gott das Kleine braucht, das Wertlose.
Ja, Gott bracht die Kleinen. Die, die nicht viel können, die nichts
wert sind." Ja, der Strohhalm aus der Krippe war dem kleinen Hirten
wichtig. Wieder und wieder nahm er ihn in die Hand, dachte an die Worte
der Engel, freute sich darüber, dass Gott die Menschen so lieb hat,
das er klein wurde wie sie. Eines Tages aber nahm ihm einer der anderen
den den Strohhalm weg und sagte wütend. "Du mit deinem Stroh.
Du machst mich noch ganz verrückt!" Und er zerknickte den Halm
wieder und wieder und warf ihn zur Erde.
Der kleine Hirte stand ganz ruhig auf, strich ihn wieder glatt und sagte
zu den anderen: "Sieh doch, er ist geblieben, was er war. Ein Strohhalm.
Deine ganze Wut hat daran nichts ändern können. Sicher, es ist
leicht, einen Strohhalm zu knicken, und du denkst 'Was ist schon ein Kind,
wo wir einen starken Helfer brauchen'. Aber ich sage dir: Aus diesem Kind
wird ein Mann und der wird nicht totzukriegen sein. Er wird die Wut der
Menschen aushalten, ertragen und bleiben, was er ist - Gottes Retter für
uns. Denn Gottes Liebe ist nicht klein zu kriegen."
frei wiedergegeben nach einer Erzählung aus Mexiko
Die goldene Kette
Hallo! Ich hoffe, ihr habt ein wenig Zeit, denn ich möchte Euch
eine Geschichte erzählen, die ich selber erlebt habe. Das ist zwar
jetzt einige Jahre her, aber dafür ist alles wirklich passiert.
Es fing damit an, dass ich eine Einladung bekommen habe. Eine ganz, ganz
entfernte Verwandte, die schon seit langem in einem anderen Land lebte,
erwartete ein Kind. Und zum Fest der Geburt war ich eingeladen! Zwei meiner
Freunde waren auch eingeladen, und weil wir noch nie in dem fremden Land
waren und noch überhaupt keine so weite Reise gemacht haben, beschlossen
wir voller Abenteuerlust, uns auf den Weg zu machen.
Damals, das müsst Ihr wissen, gab es noch keine Flugzeuge oder Schnellbahnen,
und so mussten wir viel Zeit für unsere Reise einplanen. Aber das
war nicht das Problem, wir freuten uns schon darauf, unterwegs neue Länder
kennen zu lernen. Wir machten uns vielmehr Gedanken darüber, was
wir wohl als Geschenk mitnehmen könnten. Meine beiden Freunde hatten
sofort eine gute Idee, aber ich überlegte lange, was ich wohl mitnehmen
kann. Zu groß und zu schwer darf ein Geschenk nicht sein, das man
auf eine solange Reise mit sich tragen will.
Da fiel mir nach einigem Überlegen die goldene Kette ein, die schon
seit Jahren in unserer Familie immer dem ältesten Sohn gehörte.
Eine ganz wertvolle goldene Kette aus kostbaren, großen Kettengliedern
mit einem seltsamen Schmuckstück dran. Das Schmuckstück sah
aus wie zwei gekreuzte Stäbe und war auch aus Gold. Ein Kreuz, sozusagen.
Keiner aus unserer Familie konnte sich erklären, was das zu bedeuten
hatte, denn in unserem Land sah der Schmuck eigentlich ganz anders aus:
Wir hatten Herzen, Sterne, in einander verschlungene Kreise und kleine
Tiere aus Gold. Besonders die Tiere fand ich damals besonders schön.
Aber ein einfaches Kreuz? Ich wusste nicht, ob das Kind sich darüber
freuen würde. Aber immerhin war es aus Gold, und das war schon ein
richtiger Schatz.
Ich hing mir die Kette aus Sicherheitsgründen um den Hals und wir
machten uns auf den Weg. Durch viele fremde Länder kamen wir, manchmal
haben wir auf freiem Feld übernachtet; und einmal sind wir sogar
zwei Tage in einer Höhle gewesen, weil es in Strömen regnete
und wir über den aufgeweichten Boden nicht weitergehen konnten. Viele
kleine und große Abenteuer haben wir erlebt, aber davon möchte
ich euch ein anderes Mal erzählen.
Eines Tages geschah etwas Merkwürdiges. Ein kleines Kind stand plötzlich
mitten im Weg und bat mich um eine Gabe. Es war ganz abgemagert und hatte
sicher schon seit Wochen nicht mehr richtig gegessen. Leider haben wir
solch arme Menschen oft getroffen, denn es gab zu der Zeit viel Not und
Elend bei den Menschen. Doch diesmal merkte ich, wie sich die Kette um
meinem Hals auf einmal löste. Mit der einen Hand konnte ich sie noch
gerade fassen, und mit der anderen Hand fing ich ein einzelnes Kettenglied
auf. Ihr könnt euch vorstellen, was für große Augen das
Kind bekam, als es in meiner Hand den goldenen Ring sah. Weil es dachte,
dass ich ihn verschenken wollte, strahlte es über das ganze Gesicht,
begann vor Freude zu hüpfen und umarmte mich.
Als ich den kleinen, ausgemergelten Körper in meinen Armen spürte,
konnte ich nicht mehr anders. Ich habe dem Kind wirklich das Kettenglied
geschenkt und zugesehen, dass ich schnell weiterkam.
Natürlich war die Kette jetzt zu klein, um sie weiter um den Hals
zu tragen. Aber so ein neugeborenes Kind hat ja nicht so einen dicken
Hals wie ich, nicht wahr? Die Kette würde wohl schon passen.
Aber ein paar Tage später sah ich auf unserem Weg ein Gruppe Waldarbeiter,
die Bäume fällten und zu Brennholz machten. Als wir vorbeizogen,
fiel einer der Holzfäller vor Erschöpfung zu Boden. Sofort kam
der Vorarbeiter mit einer Peitsche in der Hand und schlug auf den armen
Mann am Boden ein. Ich hatte meine Hand, in der ich die goldene Kette
jetzt trug, in meiner Manteltasche. Da spürte ich, wie sich diesmal
zwei Glieder der Kette löste. Ohne zu zögern gab ich das eine
Kettenglied dem Vorarbeiter und kaufte den armen, erschöpften Mann
frei. Das andere drückte ich dem ausgepeitschten Mann, der mich fassungslos
anstarrte, in seine schwieligen Hände. «Wenn er das goldene
Glied verkauft», dachte ich, «hat er sicher genug Geld, um
ein Jahr gut zu leben. Vielleicht kann er sogar noch eine Familie ernähren,
wenn er eine hat.» Aber ich habe nicht gefragt - ich bin weitergezogen,
noch bevor jemand unangenehme Fragen stellen konnte.
Die Kette war jetzt eigentlich keine Halskette mehr. Aber vielleicht
konnte das Kind, dem ich sie schenke wollte, die Kette wie ein Armband
um das Handgelenk tragen?
Aber noch einmal kam mir etwas in die Quere. Eine heruntergekommene Räuberbande
lauerte uns auf und umstellte uns von einen auf den anderen Augenblick.
Meine beiden Freunde wollten schon zu ihren Waffen tragen und sich zur
Wehr setzen, als sich die restlichen Kettenglieder alle auf einmal lösten
und mir in meine offene Hand kullerten. «Was!?» dachte ich,
«Ich soll damit Verbrecher und Lumpenpack unterstützen?»
Aber die Kette hatte wohl ihren eigenen Willen, und so bot ich den Räubern
an, dass ich jedem von ihnen ein Stück Gold geben würde, wenn
sie uns in Frieden ziehen lassen würden. Nun, offensichtlich hatte
keiner von ihnen Lust zu kämpfen, und so stimmten sie schnell zu
und ließen uns in Frieden ziehen, jetzt um eine beträchtliche
Summe reicher als zuvor.
Aber mir war gar nicht wohl zu Mute. Die wertvolle Kette war verloren,
mir blieb als Geschenk nur noch dieses seltsame Kreuz. Ohne Kette sah
es einfach nach gar nichts aus, und ich fragte mich, ob ich es überhaupt
verschenken soll. Alle würden vermutlich lachen, denn wer hat schon
jemals ein so langweiliges Schmuckstück gesehen?
So kamen wir schließlich an unser Ziel. Durch unsere Abenteuer
waren wir nicht rechtzeitig zur Geburt gekommen, aber das war nicht schlimm;
es war schön, überhaupt angekommen zu sein. Als ich aber die
ärmliche Unterkunft sah, in der der Vater, die Mutter und das Kind
untergekommen waren, tat es mir nochmal so leid um die wertvolle Kette.
Die drei konnten Geld wirklich gebrauchen: In einem Stall war das Kind
zur Welt gekommen, ganz in der Nähe von Bethlehem. Schon viele andere
Menschen - hauptsächlich arme Leute, Hirten und Bauern - waren der
Einladung gefolgt und hatten das Kind begrüßt. Meine beiden
Freunde knieten ebenfalls vor dem Kind nieder, der eine schenkte eine
große Kiste mit Weihrauch, ein ganz seltener und kostbarer Schatz;
und mein zweiter Reisegefährte gab seine wertvollsten Salben und
Düfte her: Myrrhe, Aloë und Kassia.
Nur ich stand etwas verlegen vor dem Kind. Meine Kette war ja verloren.
Sollte ich nun wirklich das unscheinbare Kreuz hergeben? Immerhin war
es aus reinem Gold, und wenn es auch zusammen mit der Kette mehr wert
war als alle anderen Geschenke, so war es auch alleine eine hilfreiche
Sache für die armen Leute. So beugte auch ich meine Knie und gab
dem Kind das goldene Kreuz.
Ihr glaubt gar nicht, was da geschah: Plötzlich sah ich die Welt
voller Licht, Musik erfüllte den Stall von so wunderbarer Reinheit,
wie ich sie nie wieder vernommen hatte. Und dann hörte ich das Kind
sprechen. Ja, der kleine, frischgeborene Sohn sprach zu mir! Ich hörte
seine Stimme in meinen Ohren, auch wenn der Kleine seinen Mund nicht bewegte.
"Danke!" sagte er zu mir und strahlte mich an.
"Och, nicht dafür!" gab ich leise zurück, und wurde
ein wenig verlegen: "Eigentlich gehört noch eine Kette dazu,
aber die habe ich auf der Reise verloren."
"Nein," sagte das Kind und lächelte, "nichts hast
Du verloren. Du hast Deine Kette aus Gold nur eingetauscht in eine unendlich
wertvollere Kette." und schaute an mir vorbei. Da wendete ich mich
um und mir kamen die Tränen: Ich sah, dass alle, denen ich ein Glied
der Kette geschenkt hatte, mir heimlich gefolgt waren und nun ebenfalls
das Kind anbeteten. Das abgemagerte Kind war mit seiner Familie und seinen
Freunden dort und schaute im Gebet versunken auf die Krippe. Der gemeine
Vorarbeiter sah gar nicht mehr so gemein aus und betete genauso wie der
arme Holzfäller. Sogar die Räuberbande kniete hinter mir und
blickte andächtig auf das Kind. Frieden erfüllte ihre Gesichter.
"Mit den Menschen, die Du mir geschenkt hast, werde ich eine Kette
durch alle Zeiten bauen", meinte das kleine Kind. "Und hiermit"
fuhr das Kind ernst fort und hielt mit beiden Händen das goldene
Kreuz fest, "hiermit werde ich dafür sorgen, dass diese Kette
bis in den Himmel reicht."
A. Tobias
Der Engel Heinrich
Als ich dieses Jahr meine Pyramide und die Krippe und die zweiunddreißig
Weihnachtsengel wieder einpackte, behielt ich den letzten in der Hand.
"Du bleibst", sagte ich. "Du kommst auf meinen Schreibtisch.
Ich brauche ein bisschen Weihnachtsfreude für das ganze Jahr."
"Da hast du aber ein Glück gehabt", sagte er.
"Wieso?" fragte ich ihn.
"Na, ich bin doch der einzige Engel, der reden kann."
Stimmt! Jetzt erst fiel es mir auf. Ein Engel, der reden kann? Das gibt
es ja gar nicht! In meiner ganzen Verwandtschaft und Bekanntschaft ist
das noch nicht vorgekommen. Da hatte ich wirklich Glück gehabt.
"Wieso kannst du eigentlich reden? Das gibt es doch gar nicht.
Du bist doch aus Holz!"
"Das ist so. Nur wenn jemand einmal nach Weihnachten einen Engel
zurückbehält, nicht aus Versehen oder weil er sich nichts dabei
gedacht hat, sondern wegen der Weihnachtsfreude, wie bei dir, dann können
wir reden. Aber es kommt ziemlich selten vor. Übrigens heiße
ich Heinrich."
"Heinrich? Bist du denn ein Junge? Du hast doch ein Kleid an!"
- Heinrich trägt nämlich ein langes, rotes Gewand.
"Das ist eine reine Modefrage. Hast du schon einmal einen Engel in
Hosen gesehen? Na also."
Seitdem steht Heinrich auf meinem Schreibtisch. In seinen Händen
trägt er einen goldenen Papierkorb, oder vielmehr: Einen Müllkorb.
Ich dachte erst, er sei nur ein Kerzenhalter, aber da hatte ich mich geirrt,
wie ihr gleich sehen werdet. Heinrich stand gewöhnlich still an seinem
Platz, hinter der rechten hinteren Ecke meiner grünen Schreibunterlage
(grün und rot passt so gut zusammen!) und direkt vor ein paar Büchern,
zwei Bibeln, einem Gesangbuch und einem Bändchen mit Gebeten. Und
wenn ich mich über irgendetwas ärgere, hält er mir seinen
Müllkorb hin und sagt: "Wirf rein!" Ich werfe meinen Ärger
hinein - und weg ist er!
Manchmal ist es ein kleiner Ärger, zum Beispiel wenn ich wieder
meinen Kugelschreiber verlegt habe oder eine fremde Katze in unserer Gartenlaube
vier Junge geworfen hat. Es kann aber auch ein großer Ärger
sein oder eine große Not oder ein großer Schmerz, mit dem
ich nicht fertig werde, zum Beispiel, als kürzlich ein Vater und
eine Mutter erfahren mussten, dass ihr fünfjähriges Mädchen
an einer Krankheit leidet, die nicht mehr zu heilen ist. Wie soll man
da helfen! Wie soll man da trösten! Ich wusste es nicht. "Wirf
rein!" sagte Heinrich, und ich warf meinen Kummer in seinen Müllkorb.
Eines Tages fiel mir auf, dass Heinrichs Müllkorb immer gleich
wieder leer war.
"Wohin bringst du das alles?"
"In die Krippe", sagte er.
"Ist denn so viel Platz in der kleinen Krippe?"
Heinrich lachte. "Pass auf! In der Krippe liegt ein Kind, das ist
noch kleiner als die Krippe. Und sein Herz ist noch viel, viel kleiner."
Er nahm seinen Kerzenhalter unter den linken Arm und zeigte mit Daumen
und Zeigefinger der rechten Hand, wie klein.
"Denn deinen Kummer lege ich in Wahrheit gar nicht in die Krippe,
sondern in das Herz dieses Kindes. Verstehst du das?"
Ich dachte lange nach. "Das ist schwer zu verstehen. Und trotzdem
freue ich mich. Komisch, was?"
Heinrich runzelte die Stirn. "Das ist gar nicht komisch, sondern
die Weihnachtsfreude, verstanden?"
Auf einmal wollte ich Heinrich noch vieles fragen, aber er legte den
Finger auf den Mund. "Psst!" sagte er. "Nicht reden! Nur
sich freuen!"
Dietrich Mendt
Gibt es einen Weihnachtsmann?
Die achtjährige Virginia O´Hanlon aus New York wollte es
ganz genau wissen. Darum schrieb sie an die Tageszeitung Sun
einen Brief:
"Ich bin acht Jahre alt. Einige von meinen Freunden sagen, es gibt
keinen Weihnachtsmann. Papa sagt, was in der Sun steht, ist
immer wahr. Bitte, sagen Sie mir: Gibt es einen Weihnachtsmann? - Virginia
O´Hanlon."
Die Sache war dem Chefredakteur so wichtig, daß er seinen erfahrensten
Kolumnisten, Francis P. Church, beauftragte, eine Antwort zu entwerfen
für die Titelseite der "Sun".
"Virginia, Deine kleinen Freunde haben nicht recht. Sie glauben
nur, was sie sehen; sie glauben, daß es nicht geben kann, was sie
mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können.
Aller Menschengeist ist klein, ob er nun einem Erwachsenen oder einem
Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt.
Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen
und zu begreifen.
Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Es gibt ihn so gewiß
wie die Liebe und Großherzigkeit und Treue. Weil es all das gibt,
kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die
Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe! Es gäbe dann auch
keine Virginia, keinen Glauben, keine Poesie gar nichts, was das
Leben erst erträglich machte. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen
bliebe übrig. Aber das Licht der Kindheit, das die Welt ausstrahlt,
müßte verlöschen.
Es gibt einen Weihnachtsmann, sonst könntest Du auch den Märchen
nicht glauben. Gewiß, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle
am Heiligen Abend Leute ausschicken, den Weihnachtsmann zu fangen. Und
keiner von ihnen bekäme den Weihnachtsmann zu Gesicht - was würde
das beweisen? Kein Mensch sieht ihn einfach so. Das beweist gar nichts.
Die wichtigsten Dinge bleiben meistens unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel,
wenn sie auf Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es sie.
All die Wunder zu denken geschweige denn sie zu sehen - das vermag
nicht der Klügste auf der Welt. Was Du auch siehst, Du siehst nie
alles. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen
Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter.
Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt,
einen Schleier, den nicht einmal die Gewalt auf der Welt zerreißen
kann. Nur Glaube und Poesie und Liebe können ihn lüften. Dann
werden die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen
sein.
"Ist das denn auch wahr?" kannst Du fragen. Virginia, nichts
auf der ganzen Welt ist wahrer und nichts beständiger. Der Weihnachtsmann
lebt, und ewig wird er leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird
er da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz mit Freude zu erfüllen.
Frohe Weihnacht, Virginia. Dein Francis Church."
P.S.: Der Briefwechsel zwischen Virginia O´Hanlon und Francis P.
Church stammt aus dem Jahr 1897. Er wurde über ein halbes Jahrhundert
bis zur Einstellung der Sun 1950 alle Jahre
wieder zur Weihnachtszeit auf der Titelseite der Zeitung abgedruckt
Das Lied des Hirten
Auf einen Stock gestützt, den Blick zu den Sternen erhoben, stand
der alte Hirte auf dem Felde.
"Er wird kommen", sagte er.
"Wann wird Er kommen?" fragte der Enkel.
"Bald!"
Die andern Hirten lachten.
"Bald!" höhnten sie. "Das sagst du nun seit Jahren!"
Der Alte kümmerte sich nicht um ihren Spott. Nur der Zweifel, der
in den Augen des Enkels aufflackerte, betrübte ihn. Wer sollte, wenn
er starb, die Weissagungen der Propheten weitertragen? Wenn er doch bald
käme. Sein Herz war voller Erwartung. "Wird Er eine goldenen
Krone tragen?" unterbrach der Enkel seine Gedanken. "Ja!"
"Und einen purpurnen Mantel?" "Ja! Ja!"
Der Enkel war zufrieden.
Ach, warum versprach er ihm, was er selbst nicht glaubte! Wie würde
er denn kommen? Auf Wolken aus dem Himmel? Aus der Ewigkeit? Als Kind?
Arm oder reich? Bestimmt ohne Krone, ohne Schwert, ohne Purpurmantel -
und doch mächtiger als alle andern Könige.
Wie sollte er es dem Enkel begreiflich machen?
Der Junge saß auf einem Stein und spielte auf seiner Flöte.
Der Alte lauschte. Er spielte von Mal zu Mal schöner, reiner. Der
Junge übte am Morgen und am Abend, Tag für Tag. Wenn es stimmte,
was der Großvater sagte, so musste er bereit sein, wenn der König
kam. Keiner spielte so wie er. Der König würde sein Lied nicht
überhören. Der König würde ihn dafür beschenken.
Mit Gold, mit Silber!
Er würde ihn reich machen, und die andern würden staunen.
Eines Nachts standen die Sterne am Himmel, nach denen der Großvater
Ausschau gehalten hatte. Die Sterne leuchteten heller als sonst. Über
der Stadt Betlehem stand ein grosser Stern. Und dann erschienen Engel
und sagten: "Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland
geboren!" Der Junge lief voraus, dem Licht entgegen. Unter dem Fell
auf seiner Brust spürte er die Flöte. Er lief so schnell er
konnte.
Da stand er als erster und starrte auf das Kind. Es lag in Windeln gewickelt
in einer Krippe. Ein Mann und eine Frau betrachteten es froh. Die andern
Hirten, die ihn eingeholt hatten, fielen vor ihm auf die Knie. Der Großvater
betete es an. War das nun der König, den er ihm versprochen hatte?
Nein, das musste ein Irrtum sein.. Nie würde er hier sein Lied spielen.
Er drehte sich um, enttäuscht, von Trotz erfüllt. Er trat in
die Nacht hinaus. Er sah weder den offenen Himmel noch die Engel, die
über dem Stall schwebten. Aber dann hörte er das Kind weinen.
Er wollte es nicht hören. Er hielt sich die Ohren zu, lief weiter.
Doch das Weinen verfolgte ihn, ging ihm zu Herzen, zog ihn zurück
zur Krippe.
Da stand er zum zweitenmal. Er sah, sie Maria und Josef und auch die
Hirten erschrocken das weinende Kind zu trösten versuchten. Vergeblich!
Was hatte es nur? Da konnte er nicht anders. Er zog die Flöte aus
dem Fell und spielte sein Lied. Das Kind wurde still. Es schaute ihn an
und lächelte. Da wurde er froh und spürte, ,wie das Lächeln
ihn reicher machte als Gold und Silber.
Von Max Bollinger