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Die "Allein-Seligmachende" Kirche

Es gibt Meinungsverschiedenheiten, unterschiedliche Positionen und Standpunkte - alles kein Problem. Die Welt ist bunt und verschieden - wunderbar. Aber es gibt auch Verstöße gegen die political correctness - zum Beispiel Witze über Minderheiten zu machen - die nicht toleriert werden.

Aber warum ausgerechnet die Überzeugung, einen Glauben zu vertreten, der nicht nur schön ist, sondern auch WAHR, zu den ganz gefährlichen Verstößen gehören soll, entzieht sich dem gesunden Menschenverstand.

In dieser Katechese geht es nicht darum zu begründen, warum die katholische Kirche glaubt, die sichtbare Seite der wahren Kirche Christi zu sein. Sondern darum, ob ein solcher Anspruch überhaupt erhoben werden darf - und was ein solches Denken für die bedeutet, die nicht dazu gehören.

 

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Diese Katechese ist auch als gedrucktes Heft (Nr. 062) erhältlich: Kostenlose Bestellung

1. Hauptteil - Vom Wahrheitsanspruch der Religionen im Allgemeinen
Zunächst, vorweg und vor allem: Begriffsklärungen

Wie immer, wenn ein heiß diskutiertes Thema in Ruhe betrachtet werden soll, ist es wichtig, sich zunächst über die basics, die grundlegenden Begriffe und Haltungen Gedanken zu machen. Da kann man lange darüber schimpfen, dass die Kirche überhaupt einen Absolutheitsanspruch erhebt - ohne zu bedenken, dass das doch eigentlich etwas ganz Normales ist. Und auch, wenn wir überlegen, was Toleranz eigentlich bedeutet, entlarven sich Beschimpfungen "Du bist aber ganz schön intolerant" meist ganz von alleine als Missverständisse.

Also, gehen wir zunächst die Grundlagen an:

Der Wahrheitsanspruch - etwas ganz normales

Dass die katholische Kirche der Meinung ist, dass der von ihr verkündete und gelebte Glaube wahr ist, mag manche Zeitgenossen zum ärgerlichen Kopfschütteln veranlassen - aber im Grunde ist das der Normalfall aller Religionen und Weltanschauungen.

Ja - sogar eine Alltäglichkeit. Jeder, der nach dem Weg zum nächsten ALDI gefragt wird, wird seine Auskunft für wahr halten - oder lieber den Mund halten. Jeder, der eine Fernsehzeitung liest, ist von der Richtigkeit der angekündigten Programmabläufe überzeugt. Und auch der RTL-Sprecher, der uns das Wetter von morgen vorhersagt, ist davon überzeugt, dass er nichts Falsches erzählt. Der Wahrheitsanspruch ist die Voraussetzung für jeden Leserbrief, jede Stammtischdiskussion oder Gespräch beim Friseur. Keiner ist Mitglied einer Partei, Religion oder einer Lobby, wenn er nicht der Überzeugung ist, dass die dort vertretenen Ansichten die richtigen Ansichten sind.

Von der Richtigkeit der eigenen Sicht der Dinge überzeugt zu sein, ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir oft gar nicht mehr bemerken, wie alltäglich und selbstverständlich diese Annahme ist.

Toleranz

Tolerant zu sein bedeutet daher nicht, alle Meinungen (sogar dann, wenn sie sich offensichtlich widersprechen) gleichermaßen für wahr zu halten (oder gleichermaßen für falsch. Eine solche Auffassung von Toleranz wäre schlicht Unfug.

Ein Mann kommt zum Bürgermeister und beschwert sich, dass sein Nachbar immer in der Mittagszeit den Rasen mäht. Der Bürgermeister tröstet ihn: "Du Armer; Du hast vollkommen recht, das darf Dein Nachbar nicht."
Wenig später kommt der so gescholtene Nachbar zum Bürgermeister und beschwert sich, dass er mittags seinen Rasen nicht mähen darf, weil sein Nachbar so empfindlich ist. "Du Armer", tröstet ihn der Bürgermeister, "mäh' ruhig weiter, Du hast vollkommen recht!"
Der Sohn des Bürgermeisters hat die beiden Gespräche mitbekommen und spricht seinen Vater darauf an: "Papa, Du kannst doch nicht dem einen und dem anderen Nachbarn gleichermaßen recht geben! Das ist doch unlogisch!" Woraufhin der Bürgermeister seinem Sohn väterlich erklärt: "Nein, das geht auch nicht; Du hast vollkommen recht mein Sohn..."

Nein, Toleranz heißt nicht, alle Ansichten und Aussagen gleichermaßen für wahr zu halten oder überhaupt keinen Standpunkt haben; Toleranz heißt vielmehr: Einen gegensätzlichen Standpunkt ertragen. Dazu muss aber erst der eigene Standpunkt klar sein.

Die Aussage: "Ich kann leider Deiner Meinung nicht zustimmen!" ist daher nicht im geringsten intolerant; und auch wenn ich sage: "So, wie ich das sehe, ist Deine Sicht auf diesen Sachverhalt nicht richtig; lass mich erklären, wo Du einen Denkfehler begangen hast..." ist das kein Zeichen von mangelnder Toleranz - auch dann, wenn ich selbst derjenige bin, der einen Denkfehler begeht. Das zu klären ist dann die Aufgabe des Dialogs.
Intoleranz beginnt dort, wo ich dem Anderen verbiete, eine bestimmte Meinung zu haben; wo ich entweder mit unlauteren Mitteln (zum Beispiel durch Dialogverweigerung, Intrigen, Mobbing oder Rache) oder gar mit Gewalt die Gedanken eines Menschen manipuliere. Intolerant bin ich, wenn ich Konsequenzen aus der Meinung des Anderen ziehe, die sich durch dessen Ansicht nicht begründen lassen.

Demnach ist es nicht intolerant, wenn ich berechtigte Konsequenzen ziehe; zum Beispiel einem Sexualverbrecher die Adoption eines Kindes verweigere. Naturgemäß gehen die Meinungen, wann Konsequenzen berechtigt und unter welchen Umständen sie ungerechtfertigt sind, oft sehr weit auseinander - und man wirft sich wieder gegenseitig Intoleranz vor. Aber das hilft nicht weiter: Besser wäre es zu klären, wie eine solche Konsequenz begründet werden darf - oder eben auch nicht.

Religionen sind gelegentlich intolerant gewesen. Auch die katholische Kirche (zumindest viele ihrer Mitglieder) haben sich immer wieder der Intoleranz schuldig gemacht. Aber die bloße Behauptung, Recht zu haben, gehört nicht zu diesen Verfehlungen; auch dann nicht, wenn die Sichtweise der katholischen Kirche für andere Glaubensgruppen nur schwer zu ertragen ist (wenn zum Beispiel die katholische Kirche eine ihrer kirchlichen Bewegung den Anspruch abspricht, noch katholisch zu sein. Das ist nicht nur das gute Recht einer Religion - sondern meistens sogar logisch gefordert.)

Mal unter uns: Die katholische Kirche lässt in ihren Reihen sehr viele Meinungen leben, obwohl die sich untereinander eigentlich logisch ausschließen. Da ist die katholische Kirche und auch der Papst häufig sehr tolerant und schon fast mütterlich-liberal. Erst, wenn die Vertreter der unterschiedlichen Meinungen anfangen, sich gegenseitig auszuschließen, sieht sich das Lehramt zu einer Entscheidung genötigt - und braucht auch oft dann noch Jahre (oder Jahrhunderte), bis sie sich verbindlich äußert.

Die Behauptung, gerade die katholische Kirche würde zügig und äußerst scharf gegen "Abweichler" vorgehen, entspricht nicht der Realität. Jede politische Partei übertrifft uns darin mindesten mit Schallgeschwindigkeit.
Meinung haben - Überzeugung leben

Allerdings ist die alltägliche Welt auch nicht so tolerant, wie sie sich oft selbst sieht. Denn schnell haben sich (ohne, dass es jemand bemerkt) die Maßstäbe verkehrt: Ich erlebe zum Beispiel, dass sich Freunde in der Frage der eigenen Religion wunderbar tolerieren können, sich aber endlos in die Haare bekommen können, wenn es um Fußball, Autos oder Aktien geht. Ehepaare tolerieren sich vorbildhaft in ihrer Weltanschauung und ihren grundsätzlichen Moralvorstellungen - stürzen aber urplötzlich in eine Vertrauenskrise, weil der Mann Eier aus der Käfighaltung gekauft hat und die Frau beschlossen hat, Coca-Cola zu boykottieren.

In wirklich wichtigen Dinge - in der Frage nach Gott, dem Sinn des Lebens, dem Wesen des Menschen - lassen wir gerne jedem seine Meinung; in den konkreten Entscheidungen des Alltags werden wir schnell zum Despoten.

Das liegt daran, dass Grundsatzentscheidungen niemanden weh tun; mag doch jeder denken, glauben und meinen, was er will. Sobald er aber danach lebt und seine Entscheidungen dementsprechend trifft, ist es schnell vorbei mit der Toleranz.

Vielleicht haben wir zulange und zu selbstverständlich akzeptiert, dass die Mehrheit der Gläubigen ihre Religion nur "haben" und nicht "leben". Viele Zeitgenossen gehen davon aus, dass "Glauben" etwas ist, dass sich nur im Kopf abspielt - vielleicht sogar nur in den Träumen. Da ist die Toleranz leicht gewährt und gefordert: Keiner darf irgendjemandem verbieten oder vorschreiben, was sich in dessen Kopf abzuspielen hat! Die Gedanken sind frei, die Träume noch mehr.

Aber diese Gleichgültigkeit hat natürlich ein Ende, sobald der Glaube konkret wird und meine Handlungen bestimmt. Dann hört es auch schnell auf mit der Toleranz: Viele Menschen bezeichnen ihr Elternhaus als "streng katholisch", weil dort noch konkret geglaubt wurde - und vorm Essen gebetet. Was ist daran "streng"? Vermutlich nur die Tatsache, dass der Glaube und die Glaubensüberzeugung auch gelebte Konsequenzen hat.

Aber wir täuschen uns: So tolerant sind wir nämlich gar nicht. In Wirklichkeit sind wir gegenüber den religiösen und ideologischen Weltanschauungen Anderer nicht tolerant. Sie sind vielmehr ein "Tabu" - wer daran rührt, kriegt ärger.

Mission - oder "Willst Du mich etwa bekehren?"

Die Freiheit des eigenen Glaubens wird dort begrenzt, wo sie die Freiheit des Andersgläubigen beschneidet. So kann jeder gerne glauben, dass die Mäuse die eigentlichen Herrscher dieser Welt sind. Jedem seinen Glauben, okay. Sobald er aber anfängt, Mauselöcher in sämtliche Häuser der Nachbarschaft zu sägen, wird es bedenklich - spätestens bei der Devise: "Tod den Maustötern!" und dem Aufruf, alle Verkäufer von Mausefallen und Rattengift selbst zu vergiften, hört es auf.

Soweit - so klar. Das Problem ist nur, dass bereits der Satz aus dem Mund es religiösen Menschen: "Tut mir leid, aber da hast Du nicht recht!" als Zwang empfunden wird. Allein die Behauptung, Recht zu haben und einem anderen davon erzählen zu wollen, wird als eine Verletzung der persönlichen Religionsfreiheit gedeutet.

"Jeder, der mir meinen Glauben nehmen möchte, verletzt mein Recht auf Religionsfreiheit!" oder die Variante: "Jeder, der mir seinen Glauben aufzwingt..." ist zum Verdikt gegen jede Form von Mission geworden. Dabei wird bereits ein Argument für den eigenen Glauben als Zwang interpretiert.

"Religionsfreiheit" meint im vulgären Sinne nicht mehr nur, die eigene Religionszugehörigkeit frei zu bestimmen, sondern scheint eher zur "Freiheit, niemals mit Religion in Berührung zu kommen" zu mutieren. Das gilt natürlich nicht nur für die Religion, sondern auch für anderen Grundfragen des Menschen - dem Sinn des Lebens, der Frage nach dem Wesen das Menschen, der Zukunft der Welt, dem Leben nach dem Tod...

Soweit, so gut die Begriffsbestimmungen. Kommen wir nun zum Anspruch der Religionen... ach, übrigens: Was ist eigentlich eine Religion?

"Eine Wahrheit - viele Wege" - Religion als Weg

Wir haben keine Probleme damit, uns darüber zu verständigen, ob nun ein Zuviel an Vitamin E Krebs erregend wirkt oder nicht. Wir diskutieren, informieren uns und lassen uns belehren; im Zweifelsfall ziehen wir Experten zu Rate und lesen kluge Bücher. Warum haben wir dann so große Schwierigkeiten damit, uns über die Wahrheit der Religion zu verständigen?

Die Antwort ist klar: Weil wir den Religionen keine wahrheitsfähigen Aussagen über die Wirklichkeit zugestehen. Entweder glauben wir, die Religion sei nur ein Weg - oder das Ortsschild.

Die Wege zur Seligkeit

In der Politik geht es um den besten Weg - die richtige Wahl der Mittel. Die Ziele sind eigentlich klar: Frieden, Sicherheit, Wohlstand, eine florierende Wirtschaft, Umwelterhaltung und so weiter. Darüber (!) wird wohl kaum einer diskutieren.
Aber die Frage, wie diese Ziele erreicht werden können - worauf man vielleicht vorläufig weniger wert legen sollte - welche Erfolgsaussichten eine Strategie hat: Darüber gehen die Meinungen auseinander; und genau darüber kann man sich die Köpfe heiß reden, weil es sich ja um Einschätzungen handelt. Nicht um Fakten.
Ja - es gilt sogar: Falls jemand behauptet, nur er und sonst niemand könne das Land retten, dann sollten wir sehr, sehr vorsichtig sein. Solche Menschen haben in der Vergangenheit viel Unheil angerichtet. Das gilt grundsätzlich: Das anvisierte Ziel lässt sich fast immer auf mehreren Wegen erreichen; diese Wege können sogar gegensätzlich sein und sich gegenseitig ausschließen - obwohl sie beide erfolgreich sind.

Viele Wege führen nach Rom...: So kann man sich vor den Alpen entscheiden, über den Brennerpass zu fahren oder über den St. Gotthard, den St. Bernardino oder einen der vielen anderen kleineren Pässe. Alle führen tatsächlich über die Alpen. Und dennoch kann man nicht gleichzeitig über mehrere Pässe gehen - sie schließen einander aus.
Wer unbedingt sowohl über den Brenner fahren möchte als auch über den Reschenpass, der befindet sich nachher wieder auf der gleichen Seite der Alpen und ist Rom kein Stück näher gekommen.

So ist es auch oft in der Politik oder in der Heilkunst: Man muss sich für eine Therapie entscheiden und diese dann konsequent anwenden. Wer versucht, zwei einander ausschließenden Alternativen gleichermaßen zu berücksichtigen, steht anschließend oft noch dümmer da als zuvor.

Aber die Diskussion über die richtigen Mittel sind nicht nur politisch. Solche Diskussionen werden auch in der Familie geführt (Fliegen wir - oder fahren wir in den nächsten Urlaub?), im Freundeskreis (Wie organisieren wir das nächste große Fest?), in der Firma, im Verein, im Vorstand oder in der Nachbarschaft... usw.

Die Diskussion über die richtigen Mittel und den rechten Weg sind notwendig, weil es sich eben nicht um Fakten handelt, sondern um eine Strategie, bestimmte Fakten erst zu schaffen. Ob auf dem Tisch vor uns 1000,- Euro liegen oder nicht, lässt sich schnell feststellen; wie wir es aber anstellen, die nicht vorhandenen 1000,- Euro am besten auf den Tisch zu bekommen, ist dagegen mehr als strittig.
Und weil es sich um eine Strategie handelt, deren Ausgang per defintionem nicht vorausgesagt werden kann, bleibt die "Wahrheit" über den richtigen Weg immer nur subjektiv ("ich würde..."), unsicher ("vermutlich wird dann...") und offen für Alternativen ("natürlich könnte es auch anders sein...").

Allerdings hängen Strategien nicht einfach in der Luft. Sie basieren auf Fakten. Aber diese Fakten (historische Ereignisse, das Scheitern früherer Versuche und Strategien...; jetzige Zusammenhänge, Zahlen, Statistiken, Umfragen...) müssen eingeschätzt werden. Eine Bewertung der Fakten und die Frage, was wir daraus für aktuelle Strategien lernen können, ist jedoch wieder subjektiv, unsicher und offen.

Eindeutige Wahrheiten - Subjektive Einschätzungen

Das gilt natürlich nicht, wenn wir lediglich die Fakten betrachten. Fakten sind - im Gegensatz zu Strategien - eindeutig. Natürlich ist die Einschätzung der Fakten wiederum subjektiv, und deshalb werden auch "knallharte Fakten" und die "eindeutige Wirklichkeit" immer noch gefärbt wahrgenommen. Aber mit ein wenig Bemühen können wir uns auf das beschränken, das wirklich ist - und es auch beschreiben.

Wenn wir über den Geschmack eines Apfels reden (und das ist schon ein gewagtes Beispiel - ist denn Geschmack nicht immer subjektiv?) - dann können wir uns schon, wenn wir uns der Wertungen enthalten ("lecker, fruchtig, hervorragend...!") auf einen Grundbestand einigen. Zum Beispiel, dass der Apfel tatsächlich nach Apfel schmeckt. Ob er süß ist, sauer, fest oder mehlig...

In vielen anderen Bereichen unseres Lebens ist die "Faktenlage" aber noch viel eindeutiger; ob dort vor dem Haus ein Baum steht;; ob es ein Bergmassiv mit dem Namen "Alpen" gibt; ob ein Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort war - alles das ist oft leicht überprüfbar und objektivierbar.

Letztlich ist es ein philosophische Frage, wieviel Wirklichkeit wir tatsächlich erkennen und wie objektiv unsere Erkenntnis ist. Für unsere Zwecke reicht es jedoch, zwischen Strategie - Wertung - und Realität zu unterscheiden.

In dieses Kapitel gehört auch die Ringparabel G.E. Lessings. Die Ringe, die dort erwähnt werden, können auf ihre Echtheit nicht geprüft werden, sondern müssen sich als echt erweisen. Die Aussage, der Ring sei echt, ist also kein Aussage über die momentan erfassbare Wirklichkeit, sondern eine Aussage über die Wirksamkeit der Ringe. Es handelt sich also um eine Strategie: Welcher Ring führt zum Ziel? Damit hat Lessing aber die Religionen nur noch auf ihre Effektivität reduziert - und ihren Anspruch, überprüfbare Aussagen über die Wahrheit zu machen, ignoriert.
Religion und Kirche: Eine Strategie zur Seligkeit?

Genau das ist nun das erste Missverständnis der Religion: Falls die Religion nichts anderes ist als die persönliche Strategie, in diesem Leben glücklich zu werden, gilt für sie natürlich genau und exakt das gleiche wie für die Politik. Falls die Religion nichts anderes ist als eine Art Lebensphilosophie, dann ist sie per definitionem subjektiv, unsicher und offen für gegensätzliche Alternativen.

Wenn Winston Churchill auf die Frage, wie er so alt geworden ist, mit "no sports" geantwortet hat, dann ist das seine Lebensphilosophie. Keiner will sie ihm streitig machen, und dennoch verlangt sie keine Allgemeingültigkeit: Wer will, darf gerne weiterhin soviel Sport treiben, wie wer möchte und sogar behaupten, dass Sport auf ihn die gegenteilige Wirkung im Vergleich zu Churchill hat.

Nun - es gehört zu den Wertungen, für was die verschiedenen Menschen Religionen halten; der eine hat positive Erfahrungen gemacht, der andere unbedeutende oder negative. Aber wenn wir wissen wollen, was Religion oder Kirche nun wirklich, das heißt unabhängig von unserer Einschätzung ist, dann gibt es nur eine Weg zur Klärung der Faktenlage: Fragen wir die Religionen selbst.

Und die Antwort ist - zumindest für die christliche Religion und die katholische Kirche: Was wir verkünden, ist keine Strategie, keine - Lebensphilosophie oder Weltanschauung, sondern Jesus Christus.

Wir verkünden keinen Erfahrungsschatz; sondern das Evangelium. Gott existiert - das erachten wir als Faktum. Und dieser Gott hat zu uns gesprochen: Über sich selbst, wie er ist, was sein Wesen ist - auch das liegt schwarz auf weiß vor uns auf dem Tisch. Wir verkünden, wie Gott wirkt und was er tut; wo er sich finden lässt und wo er uns begegnet.

Natürlich vertreten die Religionen auch Glücks-Strategien; dazu gibt es Gebote und Lebenserfahrungen. Und manche Religionen - vor allem viele Sekten - bestehen vornehmlich aus der Moral und ihren Vorschriften.
Aber das gilt nach ihrem Selbstverständnis ausdrücklich nicht für die katholische Kirche. Der Versuch, sie auf eine Werteinstanz oder Gebotssammlung zu reduzieren, ist vielleicht sogar die Ursache, warum wir uns mit ihrem Absolutheitsanspruch nicht anfreunden können.

Natürlich müssen wir auch den Anspruch der Kirche, die Wahrheit zu verkünden - und eben keine Glücks-Strategie - kritisch überprüfen. Das heißt nicht, dass wir sofort überprüfen, ob sie recht hat. Sondern zunächst nur der Frage nachgehen, ob die Kirche zu einer Sammelstelle privater Lebensphilosophien geworden ist. Das kommt vor und ist vor allem eine Anfrage an das Selbstverständnis der Kirche und ihr entsprechendes Verhalten.
Wenn sie aber vor allem Aussagen über Gott, Sein Wesen und den Menschen macht, dann erhebt sie mit ihren Aussagen über die Wirklichkeit einen Wahrheitsanspruch, der ihr nicht verboten werden darf.
"Wir haben Recht - die anderen aber auch!" - Religion als Osrtsschild

Wenn wir also nicht mehr von der Fehlannahme ausgehen, Religion sei so etwas wie eine "Lebensphilosophie", sondern ihr zugestehen, dass sie ernstzunehmende Aussagen über eine große Wirklichkeit macht, dann kommen wir zum zweiten Missverständnis: Dass Religion nur eine Art Ortsschild ist.

Ferdinand Kerstiens vergleicht im Religionsbuch "Zeichen der Hoffnung" die Kirche mit den Hinweisschildern, um nach Rom zu kommen. Nicht in jedem Land steht ein Schild "Rom - da lang!", sondern es gibt die Schilder, die zur Autobahn führen und danach über die verschiedenen Routen nach Rom.
Wenn Kerstiens dieses Bild auf die Religionen anwendet, schließt er daraus, dass jede Kultur andere Religionen hat, die ihrerseits einen eigenen Weg zu Gott ausweisen; da die Menschen dieser Welt unterschiedliche Anwege haben, müssen auch die Religionen, die ja nur Wegweiser sind, auch anders sein.
Schließlich kommen nun alle Mensch an die Tore Roms und entdecken das Ortsschild. Auch hier warnt Kerstiens, dass Rom nicht identisch ist mit dem Ortsschild - immer noch liegt Rom dahinter.

Das Ortsschild markiert Rom. Aber es ist noch nicht Rom - Rom liegt noch dahinter. Soweit, so klar: Die Religion ist nicht Gott. Der Papst ist nicht der Heilige Geist und die Kirchensteuer kein Eintrittsgeld für den Himmel. Aber - mal ehrlich - behauptet das irgendjemand?

Natürlich ist das Tagebuch der Anne Frank nicht mit Anne Frank identisch. Wir lesen dort vieles über ihre Gedanken, Hoffnung und Einsichten; aber die wirklich Anne Frank ist davon wesentlich unterschieden. Wer ihr Tagebuch gelesen hat, wird niemals sagen können: Jetzt habe ich begriffen, wer Anne Frank war.

ähnliches sagen auch die Überlebenden des Flugzeugabsturzes 1972 in den Anden. Ein Schriftsteller hat sie alle befragt und anschließend ein Buch darüber geschrieben - das wiederum verfilmt wurde ("Überleben" - "Alive"). Die Überlebenden, die sich den Film angesehen haben, sagten: "Ja, es war so. Aber was wir wirklich erlebt und gefühlt haben, kann dieser Film nicht ausdrücken..."

Die Frage ist ja gar nicht, ob die eine oder andere Religion Gott vollständig be-greift; ob sie Gott umfassend und abschließend beschreibt und erklärt. Das geht nicht. Das geht vor allem nicht, wenn wir Gott versuchen zu fassen; so wird man aber auch schon einer x-beliebigen menschlichen Person nicht gerecht (kein Lebenslauf und Bewerbungsschreiben ersetzt das Vorstellungsgespräch!) - noch nicht einmal eine einfache Familienfeier wird mit einem noch so genialen Videofilm vollständig abgebildet.

Was wir in Begriffe, Bilder, Video oder sonstige "Konserven" packen, ist immer nur die Außenseite einer Wirklichkeit, die unendlich größer ist als das, was wir dort einfangen. Das wird jeder bestätigen, der die letzte Silberhochzeit seiner Tante mit einem 4-stündigem Video darüber vergleicht.

Das hat auch schon der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin erkannt (und etwas komplizierter ausgedrückt): "Die Unähnlichkeit zwischen unserem Reden von Gott und Gott selbst ist immer unendlich größer als die ähnlichkeit". Auf diese Erkenntnis ist Thomas gekommen, ohne dass er sich stundenlange Videofilme von Silberhochzeiten ansehen musste.

Aber - heißt das, dass wir in Wirklichkeit nichts wirklich wissen? Müssen wir, auch wenn wir das Tagebuch der Anne Frank auswendig können, uns eingestehen, dass wir nichts über sie erfahren haben? Oder - noch schlimmer - dass wir nach einer stundenlangem Fotoshow bei Freunden über deren letzten Mallorca-Urlaub zugeben müssen, unsere Zeit sinnlos vertan zu haben?

Nein. Denn auch die Außenseite eines Menschen oder eines Ereignisse sagt sehr wohl etwas über die Wirklichkeit aus; bzw. enthält klare und bestimmte Wahrheiten. Wir erfahren auch durch noch so bruchstückhafte Einblicke wirkliche Wahrheiten. Das gilt für Tagebücher - das gilt für Liebesbriefe - das gilt auch (eingeschränkt natürlich) für RTL-Nachrichten-Sendungen - und das gilt auch für die Religionen.

Unsere Religion ist nicht nur das Ortsschild Roms; unsere Religion ist vielmehr "Rom im Nebel". Wir sehen schon, was ist und wahr ist. Nur halt noch nicht in aller Deutlichkeit, Farbigkeit und Tiefenschärfe.

Die Religion ist nicht gleich Gott. Einverstanden. Aber die Religionen machen Aussagen über Gott, und diese Aussagen haben durchaus einen Wahrheitswert. Sogar einen überprüfbaren Wahrheitswert.

So schreibt Gisbert Greshake: "Die pluralistische Religionstheologie fordert zu einer grundsätzlichen Entscheidung heraus. Und diese Entscheidung heißt im ersten Schritt nicht eigentlich: Christus oder Krishna oder Mohammed etc., sondern es geht um die Entscheidung – so zu Recht Ratzinger – „zwischen einem Gott, der ... sich an den Menschen bis in seine Leiblichkeit bindet, und einem anderen Religionsverständnis, in dem die Gottheit in verschiedenen Bildern und Gestalten erscheint, deren keine endgültig ist." Es ist die Entscheidung darüber, ob Gott wirklich sich selbst an unser Menschenschicksal bindet. Die pluralistische Religionstheologie reduziert Religionen auf ein verschiedenartiges, aber gleich-gültiges Wissen von Gott, während christliche Theologie sagt: Viel wichtiger als das, was wir von Gott wissen, ist, was er getan hat und tut, dass er sich uns nicht nur kognitiv, sondern real mitgeteilt hat, indem er unsere Welt als seine Welt, unsere Geschichte als seine Geschichte übernommen hat, dass er „bis in den letzten Dreck" zu uns Menschen herabsteigt und unser Leben teilt – und das ist, wenn es ernsthaft gemeint ist, nur einmal in der Geschichte möglich. Die Entscheidung, die hier ansteht, lautet also: Teilt Gott unser Menschengeschick und führt es so über sich hinaus oder bleibt er in unerreichbarer Erhabenheit „über" seiner Schöpfung und lässt uns nur eine Fülle von Bildern und Verweisen über sich zukommen. Das steht zur Entscheidung an.
Sich widersprechende Aussagen

Wenn Religion dagegen nur ein Symbol ist für eine viel größere Wirklichkeit ist, dann kann es selbstverständlich verschiedene Symbole geben - für die gleiche Wirklichkeit.

So ist es im Westen üblich, sich bei der Begrüßung die Hände zu reichen, anderswo verneigt man sich oder reibt die Nasen aneinander; der Respekt vor der Person ist jedoch immer das gleiche; aber eine herzliche Begrüßung erschöpft sich in diesen Symbolen.

Hier bei uns ist die Farbe der Trauer eindeutig schwarz - in China dagegen weiß. Aber was Trauer für eine Emotion ist, unterscheidet sich deshalb nicht; aber kein Symbol und keine Definition kann sie angemessen ausdrücken.

Aber Religion ist mehr - sie ist nicht nur ein Symbol. Sie ist ein Realsymbol.

Das Tagebuch der Anne Frank ist ein Symbol für ihre Leidenszeit - aber nicht nur: Es stehen Aussagen darin, ganz konkrete; überprüfbare Angaben, von denen sich jeder überzeugen kann, der das Hinterhaus in Amsterdam, in dem sie versteckt wurde, besichtigt.
Jede Religion kennt viele Symbole für Gott, die sich zum Teil ergänzen und gegenseitig bereichern. Und jede Religion ist auch ein Symbol für Gott und seine Gegenwart in dieser Welt.
Aber jede Religion macht Aussagen über Gott, die sich auf die Realität beziehen. Zum Teil stimmen diese Aussagen mit den Aussagen anderer Religonen überein - zu einem großen Teil lassen sie sich jedoch nicht harmonisieren. Trotz aller sich ergänzender und bereichernder Symbolik bleibt ein nicht unbedeutender Anteil von Widersprüchen, die sich zwischen den Religionen nicht aufheben lassen: Es kann nicht sein, dass alle Religionen in dieser Hinsicht gleichermaßen recht haben.

In mehreren Schulklassen, in denen ich unterrichte, gab es Schüler, die die Meinung vertraten, dass die Religionen sich in der Beschreibung des Lebens nach dem Tod zwar widersprechen, aber eben auch alle Recht hätten. Nach dem Tod komme jeder in "seinen Himmel"; die Hindus würden in alle Ewigkeit wiedergeboren - die Christen eben nicht, die Buddhisten nur solange, bis sie sich im Nirwana ins Nichts auflösen. Die Protestanten bleiben vom Fegefeuer verschont, die Katholiken haben es nicht so gut und müssten unter Umständen auch in die Hölle. Die Atheisten dagegen verschwinden einfach.
Dass diese Widersprüche unaufhebbar sind, wurde den Schülern erst klar, als wir einen Christen annahmen, der sich den Himmel als Wiedersehen mit seiner hinduistischen Frau und seinen buddhistischen und atheistischen Kindern vorstellte.
Aber es gibt doch verschiedene Religionen!

Aber warum haben sie die Religionen denn noch nicht geeinigt - wenn das angeblich möglich ist? Das scheint ja das ärgernis der Religionen zu sein: Das es immer noch die verschiedenen Religionen gibt und dass jede Religion mit gleichem Anspruch etwas anderes behauptet. "Wie soll ich an Gott glauben, wenn jede Religion von ihm anders denkt und ihn anders beschreibt?"

Aber ist das wirklich ein ärgernis? Im Grunde sind wir es doch gewohnt, dass es auch in den Naturwissenschaften, der Medizin, der Psychologie etc. verschiedene Ansichten darüber gibt, wie die Wirklichkeit beschaffen ist. Kaum einer würde nur, weil Albert Einstein und Niels Bohr unterschiedliche Ansichten waren, die Physik als Hirngespinst oder unseriös ablehnen.

Das setzt natürlich voraus, dass die Religionen und ihre Aussagen überprüfbar sind; dass die Angaben über Gott, Mensch und Moral entscheidbar sind. Scheinbar sind sie es nicht - sonst würde doch nicht vom Glauben die Rede sein, oder? Aber das ist ein Missverständnis. Denn "Glauben" bezieht sich auf die Person Gottes (Ich glaube an Gott); aber ob es diesen Gott gibt und wie sein Wesen ist, müssen wir zunächst erkennen. Und das können wir.

Ich glaube ja auch an den Menschen, in den ich mich verliebt habe. In diesem Sinne ist Glauben eine Entscheidung, die nicht rational überprüfbar ist. Aber ob es diesen Menschen überhaupt gibt und was seine Herkunft, Geschichte und sein Charakter betrifft, erkenne ich genauso, wie es auch sein größter Feind erkennen würde - mit anderen Worten, dem Verlieben geht (zumindest logisch, wenn auch nicht immer zeitlich) das Erkennen voraus.

Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass wir den Wahrheitsgehalt der verschiedenen Religionen gegeneinander abwägen und schließlich entscheiden können (und dabei natürlich auch viele, viele Gemeinsamkeiten entdecken!). Aber das wollen wir nicht an dieser Stelle tun.

Beeindruckende Persönlichkeiten

Wenn Du mir in meinen Ausführungen bisher gefolgt bist, wird Dich der Einwand des letzten Abschnittes vielleicht verblüfft haben: "Keine Religion kann die Wahrheit haben - sonst gäbe es ja nicht die verschiedenen Religionen, die alle etwas anderes über Gott sagen!". Das soll ein Argument sein...? Weil es verschiedene Ansichten gibt, gibt es keine Wahrheit?

Wir sind schnell versucht, die Denkfähigkeit eines so argumentierenden Zeitgenossen zu leugnen. Einmal angenommen, wir können uns nicht darüber einigen, welcher der kürzeste Weg zur nächsten Pommesbude ist - bedeutet das, dass es keinen kürzesten Weg gibt? Oder sogar gar keinen Weg? Noch nicht einmal die Pommesbude?

Aber Vorsicht, seien wir nicht zu rational. Für viele Menschen ist es tatsächlich sehr verwirrend, dass die Ausführungen der verschiedenen Religionsvertreter für sich genommen so glaubwürdig und einleuchtend klingen. Der Dalai Lama ist eine (vielleicht) ebenso beindruckende Persönlichkeit wie unser Papst; ein Martin Luther King ebenso glaubwürdig wie Mahatma Gandhi oder Mutter Teresa... soll da wirklich nur einer "recht" haben?!

Auch hier müssen wir unterscheiden (Begriffe unterscheiden: Immer gut!): Zwischen der Richtigkeit einer Theorie - und der Glaubwürdigkeit eines Vertreters.

Dass die Zeugen Jehovas für ihren Glauben in der Nazi-Zeit bereitwillig in den Tod gegangen sind, sagt nichts über die Wahrheit ihres Glaubens aus - aber sehr viel über die Glaubwürdigkeit der Zeugen selbst.
Auch bei den Atheisten gibt es beindruckende Selbstlosigkeit und Idealismus; auch in nihilistischen politischen Systemen opfern Menschen ihr Leben (obwohl Nihilisten das nur schwer begründen können).

Außerdem bedeutet der Satz "Bei logischen Widersprüchen kann nur einer recht haben" ja nicht, dass deshalb das Lebenszeugnis aller anderen vollständig vergeblich gewesen ist. Im Gegenteil: Es gibt soviele Ideale und Wahrheiten, die alle Religionen gemeinsam haben, dass wir ohne Schwierigkeiten auch den Hut vor den großen (und kleinen) Vertretern anderer Religionen und Konfessionen ziehen können. Aber damit sind wir bereits im zweiten Hauptteil: Der Wahrheit der katholischen Kirche.

2. Hauptteil - Von der Wahrheit der katholischen Kirche im Besonderen

Das Fazit bisher könnte lauten: "Zu jeder Religion gehört notwendigerweise auch ein jeweiliger Wahrheitsanspruch - was aber nicht das Ende des Dialoges der Religionen ist, sondern die Vorraussetzung für ein echtes Gespräch. Solange dieses Gespräch (auch die Mission!) friedlich und freiheitlich geschieht, ist alles in bester Ordnung."

Im Grunde könnten wir die Katechese hier also beenden. Aber die katholische Kirche geht über diesen Mindeststandard noch hinaus - das wollen wir hier nicht verschweigen.

Das "Wahrheitsmonopol"

Ein Monopol erhebt den Anspruch auf etwas und spricht dieses gleichzeitig allen Konkurrenten ab. Ein Wahrheitsmonopol besagt also: "Wir haben recht. Egal, was ihr nun sagt: Ihr habt immer unrecht!"

Ein solches Wahrheitsmonopol erheben viele Sekten, die sich auf Gedanken und Argumente der großen Kirchen grundsätzlich nicht einlassen; manche verbieten sogar ihren Mitgliedern, sich mit fremden Glaubensansichten überhaupt zu beschäftigen oder sich darüber zu informieren. "Das ist alles vom Teufel" heißt es dann.

Ein solches Wahrheitsmonopol erhebt die katholische Kirche nicht. Sie akzeptiert, dass es auch in den anderen Konfessionen und Religionen Wahrheit und Wahrheiten gibt.

Das Konzilsdokument "Nostra Aetate" hat zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche - vermutlich auch als erste äußerung einer Religion überhaupt - die wesentlichen Übereinstimmungen mit den großen Religionen dieser Welt erkannt und benannt.

Den Anspruch, alleine im Besitz der Wahrheit zu sein (und damit zu behaupten, alle anderen Religionen seien von Grund auf falsch), hat die Kirche zwar nie offiziell erhoben - aber leider viele ihrer Mitglieder, darunter Theologen, Lehrer und Missionare (gottseidank waren diese nie die Mehrheit).

Die Ansicht, dass es auch außerhalb der Kirche und des Christentums Wahrheit gibt - sogar geistgewirkte Wahrheit - wurde schon früh von hochrangigen Vertretern der Kirche vertreten. Bereits im zweiten Jahrhundert nach Christus wurde diese Lehre unter dem Stichwort "logos spermatikos" vertreten.

So ist zwar die positive Sicht auf die nicht-christlichen Religionen durch Nostra Aetate keine Kehrtwende in der offiziellen Kirchenlehre - aber doch eine kleine Revolution "von oben". Denn nun gehört es zur offiziellen Kirchenlehre: Das absolute Wahrheitsmonopol ist abgeschafft.

"est" - "subsistit"

Aber nicht nur im Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen zeigt sich die katholische Kirche realistisch und bescheiden. Sondern auch im Verhältnis zu den anderen christlichen Konfessionen. Denn sie behauptet nicht einfach, dass die katholische Kirche die wahre Kirche ist (est). Sondern - auf den ersten Blick nur eine kleine Variante - dass die wahre Kirche Jesu Christi sich in der katholischen Kirche verwirklicht (subsistit). (So die Formulierung in der dogmatischen Konstitution über die Kirche "Lumen Gentium" des II. Vatikanischen Konzils, Abschnitt 8)

Man kann dahinter ein reines Wortspiel vermuten - wenn es nicht ein langes Ringen der Bischöfe gegeben hätte, die sich zunächst nicht auf das eine oder andere Wort einigen konnten. Schließlich entschieden sie sich für das (scheinbar) abgeschwächte Wort "subsistit" (dt.: verwirklich) - und nicht für das klarere "est" (dt. ist). Und das hat seinen guten Grund.

Die katholische Kirche hat niemals geglaubt, dass alle, die sich nur taufen lassen und Mitglied der Kirche werden, automatisch gerettet werden. Die Erfahrung, die bereits die Apostel mit Judas machen mussten, hat sich seitdem durch alle Zeiten der Kirche wiederholt: Mit dem äußerlichen Eintritt in die Gemeinschaft der Kirche muss auch eine Herzensentscheidung verbunden sein - die aber allzu oft fehlt oder im Laufe der Zugehörigkeit zur Kirche wieder rückgängig gemacht wird oder verloren geht.

Einige evangelikale Gruppen glauben dieser Erfahrung zum Trotz daran, dass alle, die sich einmal für Christus entschieden haben, sicher und endgültig gerettet sind. Sie sprechen von der Heilsgewissheit, die angeblich Lehre der Bibel ist: "Dies habe ich Euch gesagt, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes glaubt." (1 Joh 5,13). Dagegen schreibt aber schon Petrus: "Sie haben den geraden Weg verlassen und sind in die Irre gegangen... Auf sie trifft das wahre Sprichwort zu: Der Hund kehrt zurück zu dem, was er erbrochen hat, und: Die gewaschene Sau wälzt sich wieder im Dreck." (2 Petr 2,15 und 22)

Es gilt aber nicht nur, dass nicht alle Taufschein-Katholiken der Kirche wirklich und auch innerlich angehören - sondern auch umgekehrt: Es gibt auch außerhalb der offiziellen Kirchenzugehörigkeit Menschen, die innerlich - im Herzen - sehr wohl der wahren Kirche Christi angehören.

Die Taufbewerber
Dazu gehören - selbstverständlich - die Katechumenen; das sind die Menschen, die um die Aufnahme in die Kirche gebeten haben und sich nun auf die Taufe vorbereiten. Sollte einem Taufbewerber vor der Taufe ein Unfall geschehen und unverhofft sterben, so sieht die Kirche in ihm dennoch ein vollgültiges Mitglied ihrer Gemeinschaft.

Die Begierdetaufe
Immer wieder höre ich den Vorwurf an die Kirche: "Es kann doch nicht sein, dass jemand, der ein Leben lang vorbildlich gelebt hat, am Ende verloren geht, nur weil kein Wasser für die Taufe da war!" - Oder, sinngemäß dasselbe: "Nur, weil gerade kein Priester zur Stelle ist, um einem Sterbenden durch die Beichte die Sünden zu erlassen, soll dieser auf ewig in der Hölle schmoren?"

Das ist natürlich Unfug. Die Kirche glaubt auch von denen, die sich zwar innerlich zu einem Eintritt in die katholische Kirche entschlossen haben, aber aufgrund von äußeren Umständen, für die sie nichts können, nicht dazu kamen, diesen Entschluss in die Tat umzusetzen.

Auch hier beruft sich die Kirche auf ein solides biblisches Fundament: Bei Markus heißt es: "Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden." (Mk 16, 16) Es heißt nicht: "Wer sich nicht taufen lässt, wird verdammt werden..." und auch nicht: "Wer nicht glaubt und sich nicht taufen lässt..."

Die Begierdetaufe ist nicht nur eine kleine "Ausnahmen". Sie ist vielmehr eine enorme Grundsatzentscheidung! Denn diese "Ausnahme" offenbart etwas sehr Biblisches und Grundlegendes: Die Taufe ist die vollzogene Glaubensentscheidung - aber wesentlich für Gott ist der Glaube dahinter.

Die erweiterte Begierdetaufe
Das gilt nicht nur für diejenigen, die den ausdrücklichen Wunsch zur Taufe (oder zur Beichte) haben, dann aber an der Ausführung gehindert werden; das gilt auch für all diejenigen, die von der Taufe (ohne eigenes Verschulden) nicht erfahren haben; oder denen die Taufe nicht so dargestellt wurde, dass sie deren Bedeutung erkennen konnten.
Wow - das ist wirklich keine kleine Ausnahme mehr. Denn das kann sogar für den gut katholisch erzogenen Rebellen gelten, der sich von der Religion der Eltern abwendet - weil sie ihm einfach nur die äußerlichkeit vorlebten und er so nie einen inneren Bezug zur Kirche gewinnen konnte.

Dem kritischen Leser kann hier die Frage kommen, ob das, was ich da so schreibe, denn noch katholisch ist. Nun, die Glaubenskongegration hat dazu ausdrücklich Stellung bezogen - und diese Stellungnahme wurde sogar in die Neuner-Roos-Sammlung der offiziellen Lehrdokumente der Kirche aufgenommen:

"Damit nämlich jemand das ewige Heil erlange, ist nicht immer erfordert, dass er der Kirche in Wirklichkeit als Glied einverleibt sei; das aber ist wenigstens notwendig, dass er ihr im Wunsch und im Verlangen anhange. Dieser Wunsch muss nicht immer explizit sein, wie er bei den Taufbewerbern ist. Wenn nämlich der Mensch in einer unüberwindlichen Unkenntnis befangen ist, nimmt Gott auch einen einschlussweisen Wunsch an, der so genannt wird, weil er in jener seelischen Einstellung enthalten ist, in der der Mensch sein Wollen dem Willen Gottes gleichförmig haben will. Durch diese vorausschauenden Worte weißt er (der Papst) sowohl die zurück, die alle dann vom ewigen Heil ausschließen, wenn sie nur mit einem impliziten Wunsch der Kirche anhangen, als auch die, die behaupten, die Menschen könnten in jeder Religion in gleicher Weise gerettet werden. Doch darf man nicht meinen, jedwedes Votum des Kircheneintritts genüge zu Rettung des Menschen. Erfordert ist nämlich, dass das Votum, durch das jemand auf die Kirche hingeordnet ist, durch die "vollkommene Liebe" informiert sei; außerdem kann dieses implizite Votum nur dann seine Wirkung haben, wenn der Mensch übernatürlichen Glauben hat." - Neuner-Roos, "Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung", Nr. 37: Der Brief des Heiligen Offizium an den Erzbischof von Boston, 1949

Warum dann überhaupt noch die eine sichtbare Kirche?
Wenn das Entscheidende für Gott der eigentliche Glaube hinter den Sakramenten und Kirchenein- und austritten ist - und der Glaube zudem noch unsichtbar ist - warum halten wir dann überhaupt noch an einer sichtbaren Kirche fest?

Viele Protestanten verstehen das Verhältnis der Institution "Kirche" und der Gemeinschaft der wirklich Glaubenden genau so: Die eigentliche Kirche Jesu Christi ist unsichtbar; die sichtbaren Kirchen dagegen spielen für Gott keine nennenswerte Rolle. Sie sind im Grund nur "kirchliche Gemeinschaften", die Ausdruck der getroffenen Glaubensentscheidung sind, aber nicht wirklich gottgewollt. Gottgewollt ist nur der Glaube.

Das sieht die katholische Kirche - wie zu erwarten war - anders. Denn (zum Beispiel) die Taufe ist eben nicht nur ein Zeichen, das man auch weglassen könnte. Nein: Sie ist der Vollzug der Entscheidung; erst durch das Sakrament wird die Entscheidung real. Ohne diesen Schritt würde es immer nur bei dem Willen zur Taufe bleiben - reine Intention - die eben noch nicht zur Tat-sächlichkeit gereift ist.
Der Eintritt in die Kirche ist somit nicht nur ein sichtbare Zeichen für eine unsichtbare Wirklichkeit: Erst durch diesen Schritt wird aus einer Absicht Wirklichkeit; der Eintritt in die katholische Kirche ist die Verwirklichung eine zuvor nur beabsichtigten Zugehörigkeit. Deshalb haben die Bischöfe damals (auf dem II. Vatikanischem Konzil) gesagt: Die (unsichtbare) wahre Kirche Jesu Christi ist in der katholischen Kirche verwirklicht (subsistit).

Leben die Protestanten in kirchlichen Gemeinschaften - oder in Kirchen?

Wow - das war ein Aufschrei in allen Schichten der Protestanten, als die katholische Kirche mal wieder behauptete, dass die Kirchen der Reformation im eigentlichen Sinne keine Kirchen seien!

"Mal wieder" ist dabei wörtlich zu verstehen. Diese Aussage wurde nicht erst vor kurzem gemacht, sondern von der katholischen Kirche in regelmäßigen Abständen wiederholt - mit großem Echo zum Beispiel im Jahre 2000 in der Erklärung "Dominus Jesus"

Ein mögliche Antwort der katholischen Kirche auf diesen Aufschrei ist, dass jede Konfession sich und ihre Begriffe selber definieren darf. Und wenn die katholische Kirche glaubt, sie sei nur deshalb Kirche ("Leib Christi"), weil in ihr die Gläubigen den "Leib Christi" empfangen - und dazu eben ein geweihter Priester notwendig ist -, dann darf ihr doch dieser Glaube von Nicht-Katholiken nicht abgesprochen werden.
Natürlich ergibt sich daraus auch ein unterschiedlicher Begriff von Kirche: Für die Katholiken ist nur dort von Kirche zu reden, wo ein geweihtes Priesteramt wirkt. Die Evangelischen lehnen ein solches Weihe-Priesteramt ab - also sind sie aus Sicht der Katholiken keine Kirche im eigentlichen Sinne, sondern nur eine kirchliche Gemeinschaft.

Selbstverständlich haben die Protestanten das Recht, sich und ihre Begriffe anders zu definieren. Das tun sie ja auch - aus ihrer Sicht gibt es z.B. keine geweihten Priester. Das können wir Katholiken gerne akzeptieren - wir Priester fühlen uns deshalb nicht diffamiert. Warum also sollen sich die Protestanten über die katholische Kirchen-Begrifflichkeit aufregen?

Aber diese Antwort greift theologisch und psychologisch zu kurz. Denn theologisch sind Protestanten eigentlich der gleichen Überzeugung wie wir Katholiken: Es gibt nur eine (!) wahre Kirche. "Kirche" gibt es nicht in der Mehrzahl, sondern immer nur in der Einzahl. Und die eine Kirche muss nicht erst herbeigeführt werden - durch Ökumene, Dialog oder Kompromiss - sondern sie existiert schon. Wohlgemerkt - diese Überzeugung teilen Katholiken und Protestanten.

Unterschiedlicher Meinung sind wir - wie gesagt - in der Frage, ob diese wahre Kirche Jesu Christi in der katholischen Kirche "verwirklicht" ist. Die Protestanten glauben das nicht, weil es gar keine definitive "Verwirklichung" der wahren Kirche in dieser Welt gibt. Demnach ist auch die katholische Kirche - aus Sicht der Protestanten - keine "wirkliche Kirche". Und die protestantischen Kirchen ebenfalls nicht.

Im Grunde sagt also der katholische Glaube über die kirchlichen Gemeinschaften im Protestantismus genau das, was diese selbst glauben.

Aber wir dürfen die psychologische Wirkung einer solchen Aussage nicht unterschätzen. Denn - mal Hand aufs Herz - wer denkt denn noch theologisch? Wenn wir "Kirche" hören, denken wir doch an die konkreten Gebäude (mit oder ohne Türme) oder - etwas theoretischer, aber auch nicht zu theoretisch - an die großen kirchlichen Gemeinschaften der Katholiken, Lutheraner, Reformierten, Unierten, Baptisten, Methodisten, Anglikaner und so weiter.
Wir haben also die architektonische und soziologische Gestalt vor Augen, wenn wir Kirche meinen. Und dann klingt es natürlich etwas arg herablassend, wenn das katholische Lehramt den Protestanten und Anglikanern ihre "Kirchlichkeit" abspricht. So, als wenn der Fanclub der Münchner Bayern zu allen Schalkern Fanclubs meint: "Im Grunde sind das keine richtigen Fanclubs, vielleicht noch nicht einmal richtige Vereine".

Ja, das tut weh. Gottseidank ist es nur ein Missverständnis - das allerdings immer wieder aufgeklärt werden muss. Und das auch in Zukunft immer wieder vorkommen wird: Es wird sich nichts daran ändern, dass die Texte aus dem Vatikan im theologischen Denken verhaftet sind; es ist auch in Zukunft damit zu rechnen, dass die päpstlichen Verlautbarungen theologisch verstanden werden müssen.

Der Grund der Einzigkeit: Jesus Christus

Sowohl die Einzigkeit der Religion als auch der Konfession hat sich die katholische Kirche nicht selbst ausgesucht. Rein theoretisch wäre ja auch denkbar, sich selbst eben nicht als Garant der Wahrheit zu sehen - sondern als Weg. Ganz zu Beginn hatten wir ja festgestellt, dass es in der Wahrheit kein "sowohl als auch" geben kann, bei der Wahl der Wege oder der Lebens-Strategie sehr wohl.

Eine solche Idee hatte auch der Gründer des Buddhismus. Demnach ist es egal, welcher Religion man angehört, Hauptsache, man streckt sich nach einer anderen Welt aus - dann tut diese Welt nicht so weh.
Oder wir machen es wie die Hindus (obwohl die zur Zeit nicht sonderlich tolerant den Christen gegenüber sind), die mir erzählten, dass sie sehr gerne in den christlichen Kirchen beten - "weil der Gott der Christen höher steht". Auf meine Frage, warum sie dann nicht Christen werden, antworteten sie: "Sehr gerne. Vielleicht schon im nächsten Leben!"

Aber die katholische Kirche hat den (legitimen und völlig natürlichen) Anspruch auf die Bestnote beim großen Religionsvergleich bei Stiftung Warentest in der Kategorie: "Besonders realistisches Gottesbild" nicht selbst gewählt, sondern von ihrem Stifter übernommen. Jesus selbst hat nämlich genau diese Monopolstellung für sich reklamiert:

  • Joh 14, 6: Jesus sagte zu ihm: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich." - So auch in Mt 11, 27; Lk 10, 22.
  • Joh 1, 18: "Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht."
  • Joh 6, 44: "Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt; und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag."

Wir Christen glauben nun einmal, dass wir nur durch Jesus Christus gerettet werden können - weil er es selbst gesagt hat. (Würden wir selbst auf den Gedanken kommen, Jesus sei der einzige Weg, wäre es der vermessene Anspruch auf die eigene Strategie. Aber Jesus Christus sagt es selber - und wir tun nichts anderes, als das zu erzählen, was wir von ihm gehört haben; wir glauben ihm nämlich alles, weil er selbst Gott ist).

Natürlich kann man da auch anderer Meinung sein. Aber dann ist man auch kein Christ mehr; die Göttlichkeit Jesu bewahren, und gleichzeitig seine Stellung als einziger Mittler aufzulösen, ist leider unmöglich. Man kann auch keinen Dackel kaufen, der kein Hund ist.

Und die anderen?
Ist das Taufgeschehen heilsnotwendig?

Nein, natürlich nicht. Wir hatten ja schon festgestellt, dass es eine gestufte Zugehörigkeit zur Kirche gibt; dass also mit den Taufbewerber und den Taufwilligen auch Ungetaufte außerhalb der Kirche als gerettet gelten. Auch die erweiterte "Begierdetaufe" ist ein ziemlich großes Tor, durch das vermutlich viele Ungetaufte den Himmel "betreten" werden.
Dennoch hält die Kirche an der Heilsnotwendigkeit der Taufe (nicht unbedingt des Taufgeschehens) fest - so haben wir es von unserem Gründer, Jesus Christus übernommen. Die vielen vorhin genannten Möglichkeiten, auch ohne eine vollzogene Taufe gerettet zu werden, betrachten wir alle als "auf die Taufe hingeordnet"; die Rettung geschieht also immer durch die Taufe - auch wenn sie aus unverschuldeten Gründen in (vielleicht sehr, sehr viel) Einzelfällen nicht vollzogen wurde.

Was passiert mit den ungetauften Kindern?

Die einfachste Antwort ist: Wir wissen es nicht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Denn bei den Kindern gilt selbstverständlich (vielleicht sogar noch mehr), was wir zur erweiterten Begierdetaufe gesagt haben: Solange die Taufe nicht aus einer bewussten Ablehnung Gottes oder Seiner Kirche geschieht, wird ja auch nicht die Taufgnade abgelehnt. Da kleine Kinder sich nicht gegen die Taufe entscheiden können, dürfen wir darauf vertrauen, dass sie zu Gott aus vollem Herzen "Ja" sagen, sobald sie ihm gegenüberstehen. Und mehr braucht es für den Himmel nicht.

In den Medien hieß es immer wieder, der Papst hätte den "Limbus" abgeschafft - die "Vorhölle" für ungetaufte Kinder. Der Limbus war ein Denkmodell, dass den ungetauften Kindern zwar eine natürliche Seligkeit zugestand, aber nicht die übernatürliche Schau Gottes (also weniger eine Vor-Hölle, als vielmehr ein Vor-Himmel). Es handelte sich bei dieser Theorie niemals um eine offizielle Lehre der Kirche; sie wurde lediglich geduldet. Mittlerweile hat allerdings eine Theologenkommission (also nicht der Papst) im Vatikan befunden, dass dieses Denkmodell nicht mehr notwendig ist. Durch die erweiterte Begierdetaufe gilt die Frage als geklärt.
Sind die anderen Religionen gottgewollte Heilswege?

Zunächst sind die anderen Religionen nicht "gottgewollt". Denn zumindest in einigen Punkten (selbstverständlich nicht in allen!) widersprechen sich die Religionen derart, dass sie nicht gleichermaßen wahr sein können. Gott kann sich selbst nicht widersprechen - auch dann nicht, wenn er sich den Menschen offenbart.

Aber Wege zum Heil können sie schon sein - zumindest "ein Stück des Weges". Denn die Religionen enthalten ja sehr wohl Wahrheiten. Jemand, der durch den Islam zur Erkenntnis kommt, dass es einen Gott gibt - und dieser Gott nur ein Einziger ist - der ist schon ein gutes Stück zum Heil vorangekommen.
Aber wir müssen festhalten, dass die anderen Religionen in ihren Wahrheiten zwar zum wahren Gott führen - und somit schließlich in den christlichen Weg münden - aber in ihren Trugbildern dann jedoch Gott verfehlen.
Das gilt für die Religionen als Systeme - für die jeweiligen Mitglieder anderer Religionen kann sich natürlich immer ein Liebesverhältnis zu Gott entwickeln. Falls es dazu kommt, haben dazu sicherlich die Wahrheiten der jeweiligen Religion beigetragen; die wahre Liebe zu Gott wird sich aber auch gegen die falschen Vorstellungen von Gott behaupten müssen.

Oder, um es anders auszudrücken: Man kann auch (z.B.) im Buddhismus zur Liebe Gottes gelangen; das ist dann sicherlich auch ein Verdienst der buddhistischen Gemeinschaft. Aber in manchen Punkten gelingt dieser Weg nur trotz des Buddhismus; nicht wegen des Buddhismus.

Kommen Nicht-Christen in den Himmel?

Wenn jemand behauptet, seine Kirche wäre die wahre Kirche Christi und die gottgewollte, so denkt natürlich jeder sofort an die Frage, ob denn damit alle anderen Menschen, die dieser Kirche nicht angehören, verdammt sind.
Anscheinend ist für die Frage des Heils der jeweilige "Mitgliedszustand" entscheidend.

Bild A: Vermutung: Nur die Mitglieder der katholischen (bzw. der eigenen Kirche) werden gerettet.

Aber das ist ein Missverständnis. Entgegen der Vermutung (und anders als viele Sekten) glaubt die katholische Kirche nicht, dass der jeweilige Status heilsentscheidend ist - sondern die Richtung, in der sich der Mensch bewegt.

Bild B: Richtiger: Die, die in die richtige Richtung gehen, werden gerettet.

Nach einigem Überlegen leuchtet dieser Gedanke ein: Jemand, der zwar in einem überzeugt katholischem Umfeld aufgewachsen ist, aber zeit seines Lebens zunehmend weniger davon lebte und glaubte, ist sicherlich weniger gut auf Gott zu sprechen, als jemand, der in seiner Kindheit niemals mit Gott in Berührung gekommen ist und dessen Leben eine stetige Suche und Annäherung gewesen ist. Selbst dann, wenn der erste in einem "Zustand" sein Leben beendet, der scheinbar deutlich frömmer ist als der "Zustand" des lebenslang Suchenden.

Ein befreundeter Kaplan erzählte mir, dass in seiner Messdiener-Leiterrunde ein evangelische Jugendlicher hinzukam, der sich sehr für den katholischen Glauben interessierte und sogar gelegentlich zu den katholischen Sonntagsgottesdiensten kam. Als der Kaplan ihn einlud, an der Leiterrund nun häufiger teilzunehmen, sprach ihn eine Messdienerleiterin darauf an und machte ihm Vorwürfe, weil er zuvor einem der älteren Jugendlichen, der zunehmend seinen Glauben und sein Interesse an den Gottesdiensten und Aktivitäten der Messdiener verlor, einen Austritt aus der Leiterrunde nahe gelegt hatte. "Wieso darf der evangelische Jugendliche zur Leiterrunde kommen, während der katholische Leiter sie verlassen sollte?" Der Katholische ginge zwar kaum noch zur Kirche und stände vielen katholischen Glaubenssätzen sehr skeptisch gegenüber - aber wäre doch immer noch weniger distanziert als der Protestant.

Nach einigem Überlegen gab der Kaplan den entscheidenden Hinweis: Es kommt nicht darauf an, wieviel man im Moment tut und glaubt - sondern wohin man unterwegs ist.

So kann es durchaus sein, dass jemand, der weit außerhalb der katholischen Kirche steht, in den Augen der Kirche weitaus heiliger ist als jemand, der weit im Herzen der Kirche tätig ist - weil sich beide in ihren Lebensrichtungen unterscheiden.

Halten wir also fest: Die katholische Kirche ist davon überzeugt, dass der christliche Glaube - und als dessen Verwirklichung die Taufe - heilsnotwendig ist. Sie glaubt weiterhin, dass die katholische Kirche die Verwirklichung der wahren Kirche Jesu Christi ist.
Dennoch leugnet sie nicht, dass es in ihren Reihen Getaufte - aber Ungläubige gibt. Und sie verkennt auch nicht, dass es außerhalb der Kirche Ungetaufte (und sogar explizit Nicht-Christen) gibt, die aber aufgrund ihrer Lebensrichtung zu den Heiligen gerechnet werden können.

Allerdings verbietet sich die Kirche, Mitglieder anderer Religionen heilig zu sprechen (das wird gelegentlich in Bezug auf Gandhi oder Dietrich Bonhoeffer gefordert). Denn erstens ist der Blick in die Herzen der Menschen sehr schwierig; zudem wäre eine solche "Fremd-Heiligsprechung" eine Respektlosigkeit und eine Einmischung in fremde Religionen oder Konfessionen. Es wirkt ja so, als wenn die katholische Kirche Mitglieder anderer Gemeinschaft einfach zu "den Ihren zählt".

Wenn es also keine Heiligsprechung von Nicht-Katholiken gibt (und auch nicht geben wird), ist das keine Bewertung der jeweiligen Personen!
Und was passiert mit unseren protestantischen Freunden?

In der Katechese zum Unterschied zwischen Evangelisch und Katholisch sind Dir schon drei Begriffspaare begegnet: Glaube-Werke, Schrift-Tradition, göttliche Gnade-menschliches Tun. Während die katholische Kirche diese Begriffe für komplementär hält, sehen die Protestanten jeweils einen Begriff als primär - und den anderen als reine Folge an.

Bild A: Der Glaube an Gott ist primär. Daraus folgen die guten Werke. (Protestantisches Modell)

Nach katholischem Modell ist die Frucht des Glaubens das gute Werk; aber die Verwirklichung des Glaubens in Werken stärkt wiederum den Glauben und die Liebe zu Gott - so dass eine Art Kreislauf entsteht. Oder besser: Eine Wendel oder Schraube, die sich durch gegenseitige Stärkung und Ergänzung (Komplementarität) aufwärts bewegt.

Bild B: Der Glaube und das Tun der Werke ist komplementär. (Katholisches Modell)

Vieles (vielleicht sogar alles...?) in dieser Welt und unserem Leben ist komplementär; so zum Beispiel auch die Liebe und die Erkenntnis: Beides ist nicht identisch, aber eine größere Erkenntnis meiner Freundin führt dazu, dass ich sie mehr Liebe; je mehr ich sie liebe, umso mehr verstehe und erkenne ich sie auch; desto mehr liebe ich sie... etc.

(Papst Johannes Paul II. nannte zum Beispiel die Komplementarität von Glauben und Vernunft die "zwei Flügel des Geistes". Ein schönes Bild: Vielleicht sind Liebe und Erkenntnis die zwei Flügel der Beziehung?)

Die katholische Kirche lebt und lehrt diese Komplementarität in vielfacher Hinsicht:

BibelTradition
GlaubeWerke
göttliche Gnademenschliches Tun
GlaubeVernunft
GottesliebeNächstenliebe
ErkennenLieben
seelische Regungenleibhafte Tat
IntentionVerwirklichung
......

Wenn unsere protestantische Freunde nun diese Begriffe nicht als komplementär betrachten (das katholische "et-et"), sondern immer nur einen der Begriffe als wesentlich ("sola") ansehen, führt das (fast immer) dazu, dass sie den zweiten Begriff vernachlässigen. Das geschieht zum Beispiel augenfällig mit der Tradition der Kirche, der mündlichen-gelebten Überlieferung, und dem Empfang der Sakramente. Oft führt das auch zur Vernachlässigung des leibhaften Tuns (Wallfahrten, Fasten, Knien) oder der Geringschätzung der menschlichen Vernunft (natürlich nicht immer - wohlgemerkt!). Wenn sich auf diese Weise die Protestanten eines der beiden Flügeln der Seele berauben, so fällt ihnen der Aufschwung zu Gott offensichtlich schwerer.

Alles, was zum Heil absolut notwendig ist, finden wir auch in den protestantischen Gemeinschaften: Die Taufe, der Glaube an Jesus Christus und seine Erlösung durch den Kreuzestod. Wir glauben gemeinsam an die Menschwerdung Jesu und unsere Rettung durch Seine Auferstehung. Das steht aber nicht im Gegensatz zu der Behauptung, dass "außerhalb der katholischen Kirche keine Wahrheit und kein Heil zu finden" sei. Vielmehr glauben wir Katholiken, dass es nur die eine wahre Kirche Jesu Christi gibt, die im Protestantismus unvollständig verwirklicht wird.

Wenn wir die Kirchen des Protestantismus als "unvollständig" ansehen, dann ist damit nicht einfach gemeint, dass die Evangelischen "nicht genug glauben" oder "einen reduzierten Glauben haben". Wir halten es nicht für interessant, "wer mehr Glaubenssätze für wahr hält" oder mehr "Seiten im Katechismus" hat.
Die Unvollständigkeit, die wir in der evangelischen Kirche sehen, bezieht sich vielmehr auf die fehlenden Hilfsmittel zum Heil (die nicht einfach nur fehlen, sondern ja auch ausdrücklich abgelehnt werden). Machen wir uns nichts vor: Auch unsere eigenen Katholiken vernachlässigen oft genug den einen oder anderen Flügel, der ihnen angeboten wird - deshalb wollen wir keinen Vergleich über die jeweiligen Mitglieder anstellen.

Selbstverständlich gibt es auch Lehr-Unterschiede zwischen der katholischen Kirche und den protestantischen Kirchen. Nicht nur das Gottesbild, sondern auch das Menschenbild erfährt hier und dort sogar sehr weitreichende Verschiebungen.
Aber dennoch möchten wir an der Aussage festhalten, dass wir im Grund einen gemeinsamen Glauben haben (der sich ja auch im gemeinsamen Glaubensbekenntnis niederschlägt); die grundlegende Verschiedenheit rührt zu Luthers Zeiten und auch bis heute vor allem von einer unterschiedlichen Gewichtung bzw. Ablehnung der Heilsmittel her.

Für uns Katholiken ist nunmal der Empfang des Leibes Christi in der sonntäglichen Eucharistiefeier und der Empfang des Beichtsakramentes eine unverzichtbare Stütze zur Erhaltung der Taufgnade und damit unserer Erlösung. Wenn die katholische Kirche nun ihre eigenen Mitglieder dringend zum Empfang dieser Sakrament ermahnt - um ihres Heiles willen! -, schauen wir natürlich schon besorgt auf die Christen anderer kirchlichen Gemeinschaften, wenn dort entweder diese Sakramente fehlen oder nicht geschätzt werden.

Besorgt - das ist vielleicht der richtige Ausdruck und die richtige Motivation für ein Gespräch zwischen den Konfessionen. Es geht nicht um Verdammung oder Rechthaberei; nicht um ein zahlenmäßiges Mehr oder Weniger - und auch nicht um Macht und Einfluss. Oberster Grundsatz allen kirchlichen Handelns ist die cura salus animarum - die Sorge um das Heil der Seelen. Aller Menschen.

Möchtest Du mir schreiben? Für diese Katechese ist Peter verantwortlich.