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Pädagogik für Gruppenleiter 2 - Autorität, Regeln, Konsequenzen
Autorität
Zwischen «Diktator» und «Kumpel»

Jeder Gruppenleiter ist mit seiner eigenen, ganzen Person Gruppenleiter und hat seinen eigenen Leitungsstil. Dabei dürfte klar sein, dass ein Gruppenleiter kein Diktator sein darf, aber eben auch nicht der Kumpel, der jeden Unsinn mitmacht. Wo aber liegt das gesunde Mittelmaß?

Eine exakte Beschreibung des optimalen Leitungsstils lässt sich am «grünen Tisch» bzw. in diesem Reader nicht machen. Selbst in der Praxis ist es nicht sinnvoll, einen «Einheits-Gruppenleiter» einzufordern, da es ein «objektives Ideal» nicht gibt. Letztlich sollen die Leiter ja auch in ihrer Verschiedenheit bleiben. Aber es gibt ein paar Grundregeln zu beachten, die im Folgenden näher erläutert werden.

Der Begriff "Autorität" hat in einigen Kreisen einen schlechten Beigeschmack. Das liegt vielleicht daran, dass es auch schlechte Autoritäten gibt: Lehrer, die sich selbst und ihre Marotten in den Mittelpunkt stellen und von den Schülern verlangen, allem ungefragt zu folgen. Es gibt autoritäre Eltern, die immer wieder Gehorsam einfordern, ohne zu begründen - und das ganze oft aus Lust (oder Unlust) und Laune - usw.

In Wirklichkeit ist "Autorität" aber etwas Gutes und Notwendiges. Autorität heißt, dass die Kinder Euch zutrauen, im Zweifelsfall die richtigen Entscheidungen zu treffen. Autorität hat nichts mit «Angst» oder «Kadavergehorsam» zu tun, sondern mit Vertrauen. Wenn ihr für Ruhe sorgt, weil sonst das Spiel nicht funktioniert, so erwarten die Kinder das von Euch, weil sie spielen möchten. Wenn ihr allerdings für Ruhe sorgt, weil ihr heute keine Lust auf laute Kinder habt, so verspielt ihr eure Autorität. Damit ist auch schon ein Schlüsselbegriff angedeutet: Ihr braucht Euch Eure Autorität nicht zu erarbeiten, Ihr braucht sie Euch nur zu bewahren.

Die Bewahrung der Autorität

Im Gegensatz zu einem neuen Lehrer im Kollegium, einem jungen Professor oder einem Au-Pair-Mädchen, die alle erst einmal beweisen müssen, dass sie eine Autorität sind (bzw. haben), hat der Gruppenleiter es normalerweise einfacher: Ihr habt bereits eine Autorität.

Versetzt Euch nur einmal in die Lage eines 8jährigen Gruppenkindes: Auf dem Schulhof, in den Fussgängerzonen und Treffpunkten der älteren Jugendlichen hat ein Kind in diesem Alter nichts bei 15-17jährigen zu melden; besser ist es, wenn Kinder den Jugendlichen aus dem Weg gehen. Ein "normaler" Jugendlicher wird sich auch nicht kameradschaftlich mit Kinder abgeben, sondern ist meist vollauf damit beschäftigt, allen zu beweisen, dass er selbst kein Kind mehr ist und zur Welt der Erwachsenen gehört. Zumindest nehmen Kinder dies so wahr.
Und nun kommt ein Gruppenleiter, gerade in diesem "coolen" Alter der Jugendlichen, zu denen die Kinder immer mit Neid aus der Entfernung aufschauen, und leitet ihre Gruppe: Ein echter Jugendlicher, der sich für Kinder interessiert! Er lacht nicht über sie, er verjagt sie nicht und läßt sich sogar in aller Öffentlichkeit von den Kindern begrüßen! Klar, dass die Gruppenleiter sofort - ohne überhaupt etwas getan zu haben - bei den Kindern zur Identifikationsfigur werden. Ihr seid für die Kinder ohne Frage eine Autorität: Was Ihr cool findet, wird auch von den Kindern angenommen; wenn Ihr abfällig über einen Star redet, dann werden auch die Kinder diesen Star zu den Akten legen - usw.
Eure einzige Aufgabe ist es, diese Autorität zu bewahren.

Es gibt zwei Möglichkeiten, Eure geschenkte Autorität zu verlieren:

  1. Wenn Ihr den großen Chef spielt und die Kinder als Eure persönlichen Sklaven betrachtet, verliert Ihr Euren Bonus sehr schnell: Denn dann seid Ihr (in den Augen der Kinder) ja doch genauso wie die anderen Jugendlichen, die die Kinder nicht wirklich ernst nehmen.
    Wer seine Autorität mißbraucht, zu oft beansprucht und das freundschaftliche Verhältnis zu den Kindern durch ein herrschaftliches Verhältnis ersetzt, verliert seine Autorität.
  2. Wenn Ihr selbst zu Kindern werdet, verliert Ihr Euren Bonus ebenfalls sehr schnell. Die Kinder wollen Jugendliche zum Freund, Personen, die eigentlich zu einer anderen (Alters-)Welt gehören und den Kindern das Gefühl geben, durch die Gruppenleiter einen Zugang zur wirklichen großen Welt zu bekommen. Seid Ihr aber kindisch und verantwortunglos, nehmt Ihr Eure Rolle als "großer Freund" nicht wahr, dann ist Eure Autorität schnell dahin.
    Wer seine Autorität nicht wahrnimmt und weder für ausgleichende Gerechtigkeit noch für ein geordnetes Spiel sorgen kann, wer eher um die Sympathien der Kinder bemüht ist als um deren Wohl, der verliert seine Autorität.

Die Kinder sind dankbar, wenn ihr Euch auf deren Ebene herablaßt, Euch z.B. für ihre bunten Steine begeistert und auch Pokemons und die aktuelle Pop-Gruppe (wer immer das auch sein wird) gut findet. Sie werden aber spüren, dass wir unser Fell überspannen, wenn wir uns billig anbiedern (z.B. gemeinsam mit ihnen mit den bunten Steinen Fenster einwerfen). Wer sich zu sehr benimmt wie ein Kind, wird weniger Freund, sondern vielmehr «Freundchen».

Autorität in der Reserve

Unverzichtbar ist unsere Autorität vor allem bei wirklich gefährlichen Situationen: Beim Fahrradfahren auf einer vielbefahrenen Straße oder beim Klettern auf Bäumen etc. Wenn ein Kind sich selbst in Gefahr bringt, müßt ihr «Autorität in Reserve» haben. Das heißt ganz konkret, dass die Kinder (im Unterschied zu Eurem bisherigen Verhalten) an Eurer Stimme, Eurem Gesichtsausdruck und Eurer Körperhaltung erkennen, dass es Euch jetzt wirklich Ernst ist. Habt Ihr zuvor schon bei jedem kleinsten Regelverstoß einen Aufstand gemacht, so könnt Ihr Euch in einer ernsten, evtl. sogar lebensgefährtlichen Situation nicht mehr steigern. Das kann fatal sein!

Natürliche Autorität

Wenn gleich (unter Regeln und Verbote) von der "natürlichen Autorität" die Rede ist, dann ist damit diese Ausstrahlung gemeint ("Oh, jetzt meint es unser Gruppenleiter aber ernst...") - und nicht die Drohung mit Strafe oder die Lautstärke Eurer Stimme. Testet es einmal: Versucht, innerhalb der Gruppe nur durch die Art und Weise, wie Ihr "Jetzt ist aber Schluß" sagt, sofortiges Schweigen zu erreichen...

Regeln und Verbote

Regeln, Verbote und Gebote sind zwar nicht schön, aber leider notwendig. Gerade bei einer größeren Gruppe wird es ohne diese Absprachen und Vorschriften nicht gehen. Dabei verstehen sich viele Verhaltensmaßregeln von selbst: Nicht dazwischenreden, wenn ein anderer gerade etwas sagt, nicht schlagen, nicht «hänseln», etc.

Es gibt aber auch Vorschriften, die nicht immer sofort einsichtig sind: Das Jugendschutzgesetz oder die Hausordnung etc. Aber auch hier gilt: Die Regeln haben ihren Grund und ihren Sinn.

Um nun die Gruppe zu verantwortlichem Denken und Handeln zu führen, sollte zunächst immer auf den Sinn und Zweck von Regeln hingewiesen werden. Je weniger die Regel als Gebot oder Verbot bezeichnet wird, je mehr sie sich also von selbst versteht, desto eher sind die Kinder geneigt, sie zu beachten.

Es ist es aber (leider) frommer Glaube, die Einsicht in falsches Verhalten führe automatisch zum guten Verhalten. Kinder (und nicht nur Kinder!) sind selten nur «kopfbestimmt». Selbst, wenn sie einsehen, dass ein bestimmtes Verhalten nur stört oder unfair ist, reicht dies nicht immer dazu hin, dass sie ihr Verhalten ändern. Es ist daher nötig, sich als Gruppenleiter auch eine Autorität zu bewahren.

  • Der erste Hinweis bei einem «Regelverstoß» gilt daher der Einsicht: «Wenn ihr ständig dazwischen redet, kann ich mich nicht konzentrieren und ihr habt auch nichts davon.»
  • Wenn das nichts nützt (oder die Situation es nicht erlaubt), müßt ihr Euch mit Eurer natürlichen Autorität einsetzen («Ruhe jetzt!»). Das schließt nicht aus, dass ihr bei einem notorischen Störer (etc.) im nachhinein doch wieder an die Einsicht appelliert.
  • Erst in einem letzten Schritt solltet ihr die Strafe ins Spiel bringen: «Wenn Du nicht endlich Ruhe gibst, kannst Du draußen weiter reden!
Weiterhin gilt:
  • Es ist für die Kinder wichtig, genau zu wissen, was erlaubt und was verboten ist. Da darf nicht der eine Leiter etwas erlauben, was der andere verbietet - genausowenig, wie die Regeln nicht nach Tageslaune der Leiter geändert werden sollten.
  • Es macht einen Leiter bei den Kindern sehr beliebt, wenn er etwas erlaubt, was andere (die anderen Gruppenleiter oder der Pastor oder der Hausmeister...) verbieten. Diese «Beliebtheit» geht aber immer auf Kosten anderer und ist unfair. Die Leiter sollten auch vor den Kindern an einem Strang ziehen!
  • Ein Verbot, auf das sich die Leiter (der Pfarrer oder der Hausmeister...) geeinigt haben, sollte nicht nur mit der Bemerkung aufrecht erhalten werden: «Das hat aber der Hausmeister eben so gesagt» - oder «die Leiterrunde« oder «der Kaplan» oder... Verbote oder Gebote sollten immer mit ihrem Sinn begründet werden (auch, wenn man mal selber anderer Meinung ist). Das ist nicht nur für die Leiter-Gemeinschaft wichtig, sondern auch für die Kinder. Gerade die Kinder sollen Gebote nicht deswegen akzeptieren, weil andere es sagen, sondern weil sie einen Sinn haben.
Konsequenzen

Leider nutzt aber das Apellieren an das Verständnis der Kinder und auch das Einsetzen der eigenen Autorität nicht immer. In solchen (hoffentlich seltenen) Fällen bleibt einem verantwortlichen Gruppenleiter nichts anderes übrig, als auch einmal Strafen zu verhängen. Die Annahme, dass Gruppenstunden oder Ferienfreizeiten «straffreie Zonen» sind, ist unrealistisch.

Dabei sind aber ganz wichtige Regeln zu beachten:

  • Strafe als bequemes Erziehungsmittel, als Ausdruck der Verlegenheit, der Unbeherrschtheit oder des Gekränktseins hat in Freizeiten und Gruppenstunden keinen Platz!
  • Körperliche Züchtigung (Schläge etc) sind grundsätzlich verboten, zudem pädagogisch indiskutabel - das gleiche gilt (z.B. im Ferienlager) für Essensentzug, Schlafentzug oder Freiheitsentzug!!!
  • Versucht, so wenig wie möglich strafen. Zu häufiges Strafen hat den gegenteiligen Effekt: Der Leiter wird nicht mehr ernstgenommen.
  • Die Strafe sollte der Tat angemessen sein; sie dient nicht zur Abschreckung, sondern ergibt sich aus der unsozialen Tat.
  • Die Strafe solte unmittelbar nach der Tat verhängt werden - nicht erst viel später.
  • Mit dem «Vollzug» der Strafe ist die Affäre beendet; wenn ihr nachtragend seid, setzt ihr Euch selbst ins Unrecht.
  • Zeigt der Bestrafte Einsicht, so sollte die Strafe weniger Strafe, sondern vielmehr Wiedergutmachung sein. (Auch wenn's überrascht: Ganz hilfreich zur Unterscheidung von Schuld, Wiedergutmachung und Strafe ist der Artikel zum Ablass auf dieser Site - auch für Gruppenleiter sinnvoll!
Strafe und Wiedergutmachung

Ich darf hier einen kleinen, kurzen Ausflug in die Rechtswissenschaft machen, denn auch für die Gruppenleiter empfiehlt sich, den Unterschied zwischen Wiedergutmachung und Strafe zu verstehen und entsprechend zu handeln.

Eine Strafe (wie z.B. im Strafgesetzbuch vorgesehen der Freiheitsentzug - oder das Fahrverbot im Strassenverkehr) dient der Erziehung und der Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Der Täter soll merken, dass seine Tat negative Folgen hat. Diese negativen Folgen müssen normalerweise andere tragen (ein Dieb schädigt das Opfer - er selbst hat ja zunächst Vorteile durch den Diebstahl). Durch die Verhängung einer Strafe wird die Gerechtigkeit wiederhergestellt: Jetzt hat der Täter selbst die negativen Folgen zu tragen; er wird hoffentlich gleichzeitig lernen, dass es weh tut, Opfer zu sein.

Eine Verzicht auf Strafe, die durch eine Wiedergutmachung ersetzt wird, ist möglich, wenn eine Erziehung nicht nötig erscheint: Der Täter hat nicht aus böser Absicht gehandelt oder sieht inzwischen seinen Fehler ein. In einem solchen Fall reicht es aus, wenn er einen guten Dienst an der Allgemeinheit leistet (z.B. Sozialstunden verrichtet oder Gelder an eine wohltätige Einrichtung zahlen muss).

Für die kleine Welt des Gruppenleiters heißt das:

Die Konsequenz eines unsozialen Verhaltens sollte sich daher danach richten, ob dem Kind die Tat leid tut: Sieht das Kind sein Verhalten ein, so sollte man eine Wiedergutmachung wählen, bleibt das Kind uneinsichtig, sollte man eine «echte» Strafe wählen.

Eine Strafe wäre z.B. der Ausschluss vom Programm, sportliche Übungen, Übergehen des Täters beim Verteilen von Süssigkeiten oder beim Eisessen, Ausmalen der Nullen im Telefonbuch (dient besonders der Beruhigung bei kleinen Hitzköpfen) usw.

Wiedergutmachungen wären z.B. die sozialen Dienste im Ferienlager (wie z.B. Spüldienst, Kloputzen oder Fegen); in Gruppenstunden Vorbereitung eines Spiels der nächsten Gruppenstunde, Backen eines Kuchen für die nächste Stunde, Aufräumen am Ende der Stunde usw.

Die Unterscheidung hat auch noch einen anderen positiven Effekt: Wenn diese Dienste als Strafen verhängt werden, dann ist allen klar: Das sind keine Dienste, sondern bloße Unannehmlichkeiten. Da braucht anschließend kein Gruppenleiter zu fragen, ob hier oder dort mal einer freiwillig mit abtrocknet - wer geht schon freiwillig ins Gefängnis?
Bleibt aber der soziale Charakter erhalten, indem diese Dienste nicht als Strafe, sondern als Wiedergutmachung verhängt werden, dann werden auch diejenigen, die regulär zum Dienst eingeteilt wurden, ihre Arbeit als einen Beitrag zum Gelingen des Ganzen ansehen.

Gerechtigkeit üben und Maß halten!

Desweiteren sind selbstverständlich die Grundsätze zu beachten, die allen Rechtssystemen zugrundeliegen:

  • Hat ein Kind mit Absicht gehandelt?
  • Wußte es von dem Verbot?
  • Hat es etwas Böses gewollt?
  • Ist die Tat aus Versehen oder durch eine Provokation geschehen?
  • Gibt es sonstige mildernde Umstände?

Genauso wie der Leiter Grund und Sinn eines Verbotes oder einer Regelung nahebringen sollte (soweit möglich), genauso sollte der Leiter immer versuchen, dem Kind den Grund und die Bedeutung einer Strafe verständlich zu machen. Allerdings gilt für beides: Man kann etwas nur dem einsichtig machen, der etwas einsehen möchte. Lasst Euch nicht auf jede Diskussion ein, man kann gerechtes Verhalten auch zerreden.

Bemüht Euch, nicht nur wenige Strafen zu verhängen, sondern auch nicht zu oft mit Strafen zu drohen:

  • Grundsätzlich gilt: Die Strafe, die Ihr androht, müßt Ihr auch verhängen - sonst macht Ihr Euch unglaubwürdig. Überlegt Euch also gut, bevor Ihr Euch in Drohungen flüchtet!
  • Versucht lieber, mit Eurer eigenen Person für Ordnung zu sorgen, als die «geliehene Autorität» einer Strafe zu benutzen.