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Theologische Anmerkungen zu Harry Potter

Harry Potter wird in kirchlichen Kreisen heiß diskutiert. Vor allem Gabriele Kuby spricht sich deutlich gegen den kleinen Zauberjungen aus. Natürlich gibt es keine offizielle katholische Stellungnahme zu den Romanen (wo kämen wir denn dahin...!). Aber wir von der Karl-Leisner-Jugend haben schon eine Meinung. (Nicht erschrecken - die Harry-Potter-Artikel sind z.T. nicht ganz einfach zu lesen...!)

Unter "Potter 1" findet sich eine Stellungnahme von Christa Meves (zuerst erschienen im Rheinischen Merkur) und beschäftigt sich mit der Frage nach dem Bösen,

"Potter 3" stammt aus der Feder von Thomas Möllenbeck und entdeckt in Harry Potters Geschichten viele Ähnlichkeiten mit der Welt des Glaubens,

"Potter 4" ist ein Artikel, der in der Münsteraner Kirchenzeitung erschienen ist (auch von Axel Schmidt),

"Potter 5" beschäftigt sich mit Gabriele Kuby und dem Problem der "Natürlichen Religion" (wiederum Axel Schmidt),

"Potter 6" ist nocheinmal von Axel Schmidt und erkennt in Potters Welt zwar eine vor-christliche, aber keine un-christliche Welt - im Gegenteil.

"Potter 7" ist ein letztes Mal von Axel Schmidt, der nun auf alle sieben Bände zurückschaut (und besonders den siebten Band berücksichtig) - und ein abschließendes Urteil wagt. Um es vorwegzunehmen: Harry Potter (und seine Schöpferin, J. K. Rowling) kommen gut dabei weg

auch als pdf-Datei erhältlich

1. Literaturkritische Vorbemerkungen

Harry Potter als Vorbild für neuheidnischen Aberglauben, als neuer Mythos des kindlichen Erlösers, als gesellschaftskritisch gemeinten Stellvertreter einer neuen Mitmenschlichkeit... ? – solche und noch weitere unvereinbaren Meinungen finden sich in den Stellungnahmen (etliche darunter im Internet) zu den bisher erschienenen vier Bänden des Bestsellers "Harry Potter" von Joanne K. Rowling.

Alle Kritik und Verteidigung, die sich vor allem an der magischen Zauberwelt Harry Potters entzündet, entscheidet sich an der Frage: Welche Art von Literatur liegt hier vor? Ist es ein Märchen, ein Fantasy-Roman, eine Allegorie oder etwas ganz anderes?

1.1. Der unmittelbare Zugang

Rowling sagt in einem Interview: "I absolutely did not start writing these books to encourage any child into witchcraft," she says with an uncomfortable chuckle. "I'm laughing slightly because to me, the idea is absurd. I have met thousands of children now, and not even one time has a child come up to me and said, 'Ms. Rowling, I'm so glad I've read these books because now I want to be a witch.' They see it for what it is," she emphasized. "It is a fantasy world and they understand that completely. I don't believe in magic, either". ( http://www.cnn.com/books/news/9910/21/rowling.intvu/index.html)

Rowling beschreibt, was jeder normale Leser unmittelbar empfindet: Es ist eine Phantasiewelt! Wir werden erinnert an Tolkien: "Der Herr der Ringe" oder an C. S. Lewis: "Der König von Narnia". Aber wir müssen differenzieren...

1.2. Bild- und Sachebene und verwendete Allegorien

Wie bei jedem Gleichnis oder Märchen muss klar unterschieden werden zwischen Bild- und Sachebene. Beide Ebenen sind durch einen Vergleichspunkt miteinander verbunden. Gibt es mehrere Vergleichspunkte, dann handelt es sich um eine Allegorie. Dafür ein Beispiel aus Mt 21, 33-40:

"Ein Gutsbesitzer legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen. Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie. Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso. Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben. Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um. Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun?"

Wenn diese Erzählung ein reines Gleichnis wäre, dann hätte sie genau einen Vergleichspunkt, etwa den Sachverhalt eines Vertragsbruchs, und zwar angewendet auf das Verhältnis von Gott zu seinem Volk (Israel). Jesus hätte dann gleichnishaft sagen wollen, dass das Volk Gottes (= die Winzer) den Bund (= den Pachtvertrag), den Gott (= der Gutsbesitzer) mit ihm geschlossen hat, gebrochen hat. Die Frage am Schluss liefe darauf hinaus: Der Weinbergbesitzer (Gott) wird seinerseits den Vertrag (Bund) aufkündigen. – Offensichtlich wäre damit aber nur ein Teil des Gleichnisses verstanden. Denn es gibt mehr als nur diesen einen Vergleichspunkt: Da ist von Knechten die Rede, die geprügelt, gesteinigt und umgebracht werden, und das gleich mehrfach. Dann schickt der Gutsbesitzer auch noch seinen Sohn; auch dieser wird umgebracht, und zwar mit dem Ziel, ihn zu beerben. Um diese Erzählteile zu verstehen, ist es erforderlich, ihnen eine eigene Funktion zuzuschreiben, eben eine allegorische Funktion: Die gesandten Knechte sind nicht einfach nur Handlungsträger, die zur inneren Logik des grundlegenden Vergleichspunktes (Vertragsbruch) gehören, sondern sie stehen für Menschen, die zur Sachebene (= Israel im Verhältnis zu Gott) gehören: die Propheten. Der Sohn im Gleichnis steht ebenso für eine in der Sachebene antreffbare Gestalt: den Sohn Gottes, Jesus Christus. Und sein Hinauswurf aus dem Weinberg und sein Tod sind ebenfalls allegorisierend zu verstehen: gemeint ist die Verwerfung des gottgesandten Messias und sein Kreuzestod. – Das Gleichnis vom Weinberg ist eine Allegorie auf die Heilsgeschichte insgesamt, kein reines Gleichnis. Es hat nicht nur einen Vergleichspunkt, sondern mehrere, weil die wesentlichen Handlungspersonen der Bildhälfte je für sich eine Entsprechung in der Sachebene haben. Fassen wir dies zusammen:

Allegorische Elemente im Gleichnis:

Gutsbesitzer Gott
Winzer Das Volk Gottes (Israel)
Knechte Propheten
Sohn Jesus
Hinauswurf und Tötung des Sohnes Ablehnung und Tötung Jesu

In ganz ähnlicher Weise hat C. S. Lewis in Band II der Narnia-Geschichte (auch 7 Bände) eine Allegorie auf den Erlösertod Christi geschrieben:

Aslan Jesus Christus
die Kinder die Menschen (gute, böse, bekehrte)
die Hexe vielleicht der Teufel (?)
der Tod des Löwen der Opfertod Jesu
das uralte magische Gesetz Gottes geheimnisvoller Ratschluss

Strenge Allegorien sind selten, und meistens sind sie langweilig. Das sieht man an schlechter Fantasy-Literatur. Auch Lewis erzählt vieles ganz ohne allegorische Absicht. Tolkien allegorisiert überhaupt nicht.

Literatur, die nicht wörtlich oder historisch verstanden werden, aber etwas Wahres oder Sinnreiches aussagen will, entwirft eine fiktive Welt (Bildebene), in der sich Ähnliches abspielt wie in der Wirklichkeit (Sachebene). Für ein genaueres Verständnis ist es von maßgeblicher Bedeutung, ob der Vergleich sich nur auf einen einzigen Punkt beschränkt (der in der Regel in einer "Moral in der Geschichte" besteht), oder ob mehrere Vergleiche gezogen werden. Gibt es nur einen Vergleichspunkt, dann sind die einzelnen dargestellten Charaktere rein erfunden und zufällig; sie dienen dann nur der einen Gesamt-Aussageabsicht, z.B. ein gewisses charakterliches Ideal (in seinen Schattierungen und Gefährdungen) zu veranschaulichen. Anders ist es, wenn über diesen Rahmen hinaus einzelne Elemente je auch für sich eine unmittelbaren Bezug zu Personen oder Zusammenhängen in der Sachebene (Wirklichkeit) haben. In diesem Fall ist eine (teilweise) Allegorisierung beabsichtigt.

1. 4. Wie also ist "Harry Potter" zu interpretieren?

Der erste Eindruck ist, dass wir es mit einer rein erfundenen Welt ohne jede allegorische Anspielung zu tun haben:

Es wird eine reiche Bildebene aufgebaut, die sehr phantasiereich, aber eben deswegen auch ohne tiefere Bedeutung ist. Das Bild selbst könnte durch ein anderes ersetzt werden: Die Sache, die im Bild zum Ausdruck kommen soll, ist eindeutig: psychologisch und moralisch bestimmte Charaktere, die als Identifikationsmuster dienen sollen wie im klassischen Bildungsroman. Alles, was sich in Hogwarts und allgemein in der Welt der Zauberer abspielt, ist ein Bild für das, was in unserer Wirklichkeit geschieht. Vergleichspunkt ist einzig die Darstellung der Charaktere und ihrer Entwicklung. Sie sind so wie in der bekannten Welt. Der Wert der Erzählung bemisst sich dann lediglich daran, wie gut die ganze Vielfalt der charakterlichen Möglichkeiten zum Ausdruck kommt, ob auch nichts zu sehr vereinfacht oder verkitscht wird.

Die Zauberei gehört, so betrachtet, ganz der Bildwelt an, sie ist dort ebenso alltäglich wie auf der Sachebene die Technik und das Handwerk. Zaubern muss man genauso lernen wie in der wirklichen Welt. Es gibt eine echte Schule, es gibt Lehrer, Stundenpläne, Prüfungen und nebenbei alles, was einen Heranwachsender während der Schulzeit sonst noch plagt, sorgt, erfreut, mit Hoffnungen erfüllt usw. – Soweit ist "Harry Potter" kein besonderes Buch und muss sich lediglich an den üblichen literarischen Kriterien messen lassen. (Diesen genügt die einfallsreich und witzig geschrieben Romanfolge freilich durchaus; sie zeichnet sehr unterschiedliche realistische Charaktere, lässt Raum für überraschende Entwicklungen und kennt die Vielfalt des Lebens in seiner Härte und Grausamkeit wie in seinen schönen und liebenswürdigen Details...)

Dennoch wäre eine fein säuberliche Trennung und Zuordnung von Bild- und Sachebene verkürzend, und jeder spürt es. Da ist mehr gemeint! Die Frage ist nur, wo und wie das genannte Schema durchbrochen wird. Genau darüber ist ein Streit entbrannt, der manche religiösen Gemüter erhitzt: Denn einige meinen, Rowling wolle vielleicht doch teilweise wörtlich verstanden werden, spreche also über wirkliche Magie. Andere hingegen finden im Roman Allegorisierungen, durch welche die fiktionale und die wirkliche Welt anders und tiefsinniger zugeordnet werden. Die religiösen Kritiker, die offensichtlich voraussetzen, dass es in unserer Welt Zauberei gibt und davor anscheinend Angst haben, bestreiten, dass die Rede und Praxis von Magie und Zauberei im Roman nur der Bildebene zugehörig sei; sie mutmaßen, die Autorin wolle zum Okkultismus anleiten. Dafür scheint zu sprechen, dass es im Roman Andeutungen gibt dafür, dass nicht alles rein fiktional gemeint ist, sondern die Wirklichkeit selbst im gewählten Bild erscheint. Dennoch ist dieses wörtliche Verständnis schlechthin abwegig – mit demselben Recht könnte man Grimms Märchen als gefährliche Verführung kritisieren. Viel plausibler ist die Erklärung, Rowling habe den besonderen Wirklichkeitsbezug ihres Romans durch allegorische Momente hergestellt.

Da ist vor allem die Tatsache, dass Harry Potter in beiden Welten zu Hause ist, in der Muggelwelt und in der Zauberwelt. Dem Elfjährigen werden die Augen geöffnet für eine Wirklichkeit, die den meisten Menschen verborgen ist. Das bedeutet aber, dass die Bildwelt nicht nur als reine Fiktion verstanden werden will, sondern allegorisch eine metaphysische Wahrheit birgt: Neben der sichtbaren gibt es auch eine unsichtbare Welt! Was gemeint ist, ist offenbar: In der wirklichen Welt gibt es zum einen Menschen, die sich mit dem Sichtbaren begnügen und zufrieden sind, und zum anderen solche, die eine transzendente Wirklichkeit annehmen und aus dieser ihren Lebenssinn beziehen. Harry Potter wird so zum Symbol für den Menschen, der – unverhofft und ungefragt – aus der reinen Diesseitigkeit herausgerissen wird und die Glaubenswelt entdeckt! Das ist übrigens wieder ganz ähnlich bei Lewis, Narnia II: Auch hier betreten die Kinder eine zweite Welt, deren religiöse Struktur auch die normale Welt bestimmt.

1.5. Wie aber ist die Glaubenswelt bei Harry Potter gekennzeichnet?

Es ist nicht immer leicht, die Grenze zwischen nur bildlich und allegorisch Gemeintem zu ziehen; beides ist manchmal merkwürdig vermischt. Klar ist auf jeden Fall, dass Voldemort, dessen Name kaum einer zu nennen wagt, mehr ist als nur eine fiktive Gestalt. Er symbolisiert denjenigen Menschen, der sich dem falschen Heilsweg verschrieben hat, denn er sucht die Unsterblichkeit mit magischen (d.h. technischen) Mitteln und endet schließlich in der Unfähigkeit zur Liebe; er weiß nicht einmal mehr, was Liebe ist und was sie bewirken kann (I 324; IV 682); Voldemort symbolisiert die dunkle Seite, er ist Handlanger des Teufels. Klar ist zweitens, dass die Guten aufgerufen sind, gegen diesen Bösen zu kämpfen – mit ihrem Handwerk (dem Zaubern), mehr aber noch durch ihre Gemeinschaft (und die gibt es nicht ohne geübte Tugend!). Drittens scheint ebenfalls klar zu sein, dass die rein menschliche (Zauber-)Kraft nicht ausreichend ist, aber tatsächlich eine höhere Kraft im Spiel ist, die den Bösen in die Schranken weist: Das Opfer der Liebe der Mutter schützt ihr Kind und schwächt den Bösen gewaltig. (Auch hier ist die Parallele zu Lewis offenkundig; s.u.) Es fragt sich freilich, ob die Deutung von Voldemort, der darin nicht mehr als "uralte Magie" (IV 682) sieht, auf Dauer standhält. Darüber ist erst in späteren Folgen Auskunft zu erwarten, aber bisher sieht es ganz danach aus, dass Rowling annimmt, dass Liebe etwas durchweg anderes und Höheres darstellt als Magie (Technik) und darum auch den Raum für die Gnade offenhält.

Die Gnade wird freilich nicht allegorisiert, doch das ist theologisch auch unmöglich, denn so wäre sie naturalisiert. Von daher versteht sich, dass Gott und Jesus Christus nicht unmittelbar auf der Bildebene fixiert werden können. Dennoch wird die Wirkung der Gnade an bestimmten Höhepunkten ahnungshaft angedeutet: Der Phönix Fawkes bringt zur rechten Zeit Hilfe (II 324). Überhaupt scheint dem Phönix eine allegorische Nähe zum Heiligen Geist zu eignen: seine Tränen heilen wie eine Salbung (II 330f), und er ist Harry Potter nahe, weil er seinem Herrn (Dumbledore) vertraut und ihm die Treue bewahrt. (II 342) Der Phönix erscheint so als eine quasi göttliche Gabe an den Treuen, vermittelt durch Dumbledore.

Bei alledem bleibt unklar, ob die Gestalt Dumbledores eventuell selbst allegorisierende Züge besitzen soll (ob ihm etwa eine Rolle zukommt wie dem Engel Michael oder einer Art Hohenpriester). Jedenfalls nimmt er an entscheidenden Stellen eine Mittlerstellung zu einer "Hilfe von oben" an. Dabei wird seine Macht durchweg endlich skizziert, und gelegentlich kommen seine menschlichen Schwächen durchaus zum Vorschein.

Überhaupt ist zu beachten, dass durchgängig unterstellt wird, dass keine menschliche Macht (aber auch die Voldemorts nicht: er fürchtet sich vor Dumbledore) unbegrenzt ist; niemand ist allwissend oder gar allmächtig.

Dass Harry Potter selbst eine Allegorie auf einen kindlichen Erlöser sein soll, ist abwegig. Dazu wird er viel zu schwach geschildert, ist er doch dauernd auf fremde Hilfe angewiesen. Vielmehr bildet er zusammen mit Ron und Hermine die Identifikationsfigur, in die der (jugendliche) Leser sich versetzt und in der er sich selbst und seine eigenen moralischen Kämpfe wieder findet. Nur eine nicht allegorisierbare Gestalt taugt als Identifikationsfigur!

Von diesem Deutungsansatz kann nun auch die wichtige Frage geklärt werden, welchen Stellenwert Magie und Zauberer im Roman hat. Sollen okkulte Praktiken unserer Welt idealisiert und verherrlicht werden, wie einige religiöse Kritikern behaupten? Dazu ist festzustellen: Die gewöhnlichen Zaubersprüche verbleiben ausschließlich in der Bildhälfte, d.h. sie spielen dort dieselbe Rolle wie in unserer Welt das Handwerk, die Wissenschaft und die Technik. Jede technische Errungenschaft unserer Welt hat in Hogwarts eine zauberhafte Entsprechung: Verkehrsmittel, Telekommunikation, Medizin usw. Die "normale" Zauberei in Hogwarts spielt darum in keiner Weise auf okkultistische Praktiken an. – Was die "Unverzeihlichen Flüche" angeht, legt sich folgendes Urteil nahe: Schon der Name deutet auf die moralische Dimension hin, die über das bloße Handwerk hinausgeht und eine praktische Entscheidung erfordert. "Unverzeihlich" heißt: die Menschenwürde unmittelbar angreifend. Das gibt es auch bei uns: Der "Cruciatus"-Fluch versinnbildlicht die Folter, der "Imperius"-Fluch die totale Willensmanipulation, der "Avadra-Kedavra"-Fluch schließlich den Mord. – Freilich wäre es abwegig, der Autorin zu unterstellen, hier eine Anleitung zur unmittelbaren Imitation geben zu wollen (sie würde nichts ausrichten), eher wäre man geneigt, eine Anspielung auf moderne "unverzeihliche" Beraubungen der Menschenwürde herauszuhören, auf Manipulation und vielleicht auch Gentechnik. (Nur nebenbei: P. N. Pfluger versteigt sich darin, in der Seitenzahl 666 der dt. Ausgabe, wo der "Avadra-Kedavra"-Fluch zur Ausführung gelangt, eine Anspielung zu sehen.)

Es gibt freilich eine (einzige) Stelle, wo ein echtes (d.h. in unserer Welt bekanntes) okkultes Ritual geschildert wird, nämlich bei Voldemorts Neubeschaffung eines Körpers (IV 665-672). Welche Bedeutung hat diese Szene im Gesamtzusammenhang? Wird hier eine satanische Praxis gerechtfertigt? Eine solche Deutung ist schon deshalb widersinnig, weil das Ritual allzu deutlich mit negativen Wertungen besetzt wird. Dennoch fragt sich, warum die Autorin zu einer derart drastischen Schilderung greift, während sie sonst auf rituelle Einzelheiten keinen Wert legt, ja diese vermeidet. Anders als sonst erfindet sie nicht, sondern greift auf Elemente zurück, die aus okkulter Praxis und entsprechender Gruselschocker-Literatur bekannt sind. Das ist seltsam und nicht im Sinne ihres sonstigen Stils. Verständlich wird dieses Vorgehen allenfalls aufgrund der dramaturgischen Bedeutsamkeit des Erzählten: Harry Potter wird einer intensiveren Stufe des Grauens ausgesetzt und seine Treue so auf eine neue Probe gestellt; wird er jetzt klein beigeben, oder wird er weiter kämpfen? Das Ritual ist so verstanden nicht zufällig ausgewählt, denn es verkörpert die Antithese zum Opfer, aus dem Harry lebt, es ist dessen Zerrbild: Harry lebt, weil seine Mutter für ihn gestorben ist, Voldemort sucht sein Leben, indem er das Fleisch und Blut anderer Menschen für sich benutzen will; die Mutter gibt ihr Leben freiwillig, Pettigrew (genannt Wurmschwanz) wird dazu gezwungen.

Fassen wir die allegorisierenden Elemente zusammen:

sichtbare und unsichtbare Welt Muggelwelt – Zaubererwelt
Handlanger des Teufels Voldemort
Grenze des Bösen Das Opfer der Mutter besiegt nach uralter Magie den Teufel. (IV 682) – Voldemort fürchtet Dumbledore.
Endlichkeit jeder menschlichen und dämonischen Macht Zauberkräfte sind begrenzt. – Keiner ist allwissend oder gar allmächtig.

In manchen scharf ablehnenden Rezensionen werden indes ganz andere Allegorien angenommen: Mit den Muggeln seien die Christen gemeint. Das Zaubern meine allgemein magische Praxis (weiße oder schwarze Magie), und darum sei die Botschaft: Wir brauchen nicht Gott, sondern (weiße) Magie. Der Teufel sei stärker als Christus.

Unterstellte Allegorien und Intentionen

Christen Muggel
weiße Magie statt Gnade das Gute siegt mit schlechten Mitteln. Gott kommt nicht vor
Das Zeichen des Tieres Harrys Narbe *
Teufel stärker als Christus Voldemort wird nicht wirklich besiegt

Auch die relativ Guten sind verdorben

Diese Deutung entbehrt jeder Grundlage. * Insbesondere die Narbe von Harry weist eher auf das göttliche Zeichen auf der Stirn hin (Offb 7,3; 9,6; 14,1; 22,4) denn auf das dämonische (Offb 13,6; 14,9; 17,5; 20,4).

Doch ebenso wenig überzeugt die Interpretation, wonach Rowling lediglich den modernen Vernunftkult kritisieren und dagegen das Ideal der Mitmenschlichkeit verkünden wolle.

2. Theologische Auswertung

Christa Meves sieht richtig, dass der Erfolg des Romans sich nicht verstehen lässt ohne den modernen Hintergrund des Säkularismus (sie spricht von "unserer gottlosen Zeit").

"Eine Zeit, die dieses Urbedürfnis [nach religiösem Sinn des Lebens] über Jahrzehnte hinweg auszuhungern und die religiöse Verhaftung mit Hilfe von Diffamierung in den Medien auszutreiben sucht, erzeugt zunächst eine Verdrängung dieser Aspekte mit einem Vakuum auf diesem Sektor, das nicht lange erhalten bleibt." In dieses Vakuum habe die Autorin "einen Pfeil mitten ins Zentrum abgeschossen". Rowling bringe die metaphysische Macht des Bösen ins Gedächtnis zurück. Aber die Lösung, die sie in Harry Potter biete, nämlich Humanismus und gekonntes Sozialverhalten, sei unzureichend.

Natürlich ist zu fragen, ob man von einem Kinderbuch eine Lösung des Säkularismus-Problems erwarten kann. Aber vielleicht steckt in "Harry Potter" doch mehr, als Meves darin entdeckt:: nicht nur die Aufdeckung der Gefährdung des Menschen angesichts dämonischer Mächte, sondern auch der zumindest ahnungshafte Hinweis auf die Rettung. Auch wenn solche Anspielung auf die christliche Erlösungsbotschaft viel verhaltener ist als bei C. S. Lewis, in Dumbledores Weisheit und Güte spiegelt sich doch einiges davon. Das Opfer der Mutter habe ich schon erwähnt. Was Rowling in diesem Kontext als "uralte Magie" bezeichnet, ist nicht weniger als bei Lewis die Rede von einer "tieferen Magie, die ihren Ursprung noch vor Beginn der Zeit hat", eine Anspielung auf Gottes ewiges Gesetz. Dies ist freilich bis Band IV einschließlich noch nicht ganz klar. Es ist aber nicht unplausibel, dass Rowling nach und nach den Schleier lüften wird und am Ende klar herausstellt, dass das, was die weisen Menschen mangels angemessener Sprache "tiefe Magie" nennen, in Wahrheit göttliche Fügung ist.

Ein Buch kann auch dann theologisch wertvoll sein, wenn es nicht unmittelbar von Gott und der göttlichen Gnade spricht. Lediglich, wenn es die Gnade leugnete, wäre es abzulehnen. Der Haupteinwand gegen "Harry Potter" besteht im Vorwurf: An die Stelle der Gnade werde die Technik (des Zaubern nämlich) gesetzt. Das ist so keineswegs der Fall. Die Macht des Zaubern wird nämlich selbst durchgängig relativiert; es gibt nur relative Unterschiede in der Zauberkraft; keiner – weder Voldemort noch Dumbledore – besitzt eine absolute Macht. "Kein Zauber kann die Toten wieder erwecken", sagt Dumbledore (IV 729) und bestimmt damit die absolute Grenze der menschlichen Technik. Dass Gott allein Herr über Leben und Tod ist, wird damit nicht direkt gesagt, aber man kann es heraushören.

An entscheidenden Stellen wird – und das ist noch wichtiger – der Sieg gegen das Böse überhaupt nicht aufgrund der Technik errungen, sondern aufgrund personaler Werte. Harry steht Voldemort wie der junge David dem Goliath gegenüber; wenn es nur um Zauberkraft ginge, wäre er schon im ersten Band gestorben. Aber ihm wird fremde Hilfe zuteil, manchmal aus einem gleichsam metaphysischen Reich. In diese Richtung bewegt sich auch die Andeutung Dumbledores, dass die Verschonung von Pettigrews Lebens durch Harry ihm eines Tages helfen wird (III 387. 439). – Der Wahrsagekunst begegnet das Buch im übrigen mit dem größten Misstrauen, und Dumbledore macht sich über die Lehrerin Trelawney lustig (III 439).

Übersieht man den bisher bekannten Gesamtentwurf, könnte man in Harry Potter sogar eine großartige Allegorisierung des geheimnisvollen Zusammenwirkens von Gnade und Freiheit erblicken: Der Mensch muss alles geben und einsetzen, was er hat – doch das wäre immer unzureichend ohne göttliche Gnade. Letztere wird zwar nur verschlüsselt unter Begriffen aus der Welt der Magie, doch das ist eben die Sprache der Magier. Dumbledore kennt sich da auch nicht richtig aus; er ist nur ein Mensch, wenn auch ein außerordentlich weiser. So wird Harry in Band I deshalb gerettet, weil er von Voldemort und seinem Helfershelfer nicht berührt werden kann: das ist eine Gabe, die aus einem höheren Reich stammt. In Band II erscheint im letzten Moment der Phoenix, der ihm das helfende Schwert "aus dem Hut zaubert". In Band III wird der Kampf und die helfende Gnade ganz ins Innere Harrys verlegt: Der pubertierende Junge muss sich entscheiden, wie er sich seinem Gegner gegenüber verhält: Er widersteht der Versuchung, ihn mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, und verschont ihn, ja vergibt ihm. (III 387) In Band IV schließlich, in dem breit geschildert wird, wie Harry in die Welt der erwachsenen Männer initiiert wird, lässt er sich nicht im entscheidenden Moment entmutigen, sondern nutzt den einzigen Zauberspruch, den er wirklich beherrscht ("Expelliarmus" – IV 689. 692); und auch hier wird gleichsam von oben die Wendung herbeigeführt: sein Zauberstab wehrt den tödlichen Fluch ab, und unter dem Gesang des Phoenix (IV 694) verschaffen die toten Opfer Voldemorts Harry einen rettenden Zeitgewinn ("Priori incantatem").

Theologisch wertvoll sind die erschienenen Bände besonders auch deshalb, weil sie keinem simplen Happy-end-Schema oder gar einem unwirklichen Heldentum huldigen, sondern die Wirklichkeit in ihrer oft grausamen Härte unverkürzt zur Darstellung kommen lassen. Angesichts der modernen Vergötzung der Gesundheit und der rein materiellen und vitalen Werte ist die Welt von Harry Poter erfrischend anders. Personale Werte wie Freundschaft, Familie, Liebe, Reue, Vergebung, Treue, Hilfsbereitschaft, Engagement und Ausdauer erweisen sich im konkreten Alltag von Hogwarts als wichtiger. Der Leser, der in diese Welt eintaucht, flieht somit nicht schlechthin in ein Reich der Phantasie – um wenigstens dort geboten zu bekommen, was die Verkünder eines rein diesseitig orientierten Lebenssinns versprechen und im Werbefernsehen präsentieren –, sondern bekommt reiches Beispiel- und Anschauungsmaterial, um in dieser Welt menschlich zu bleiben:

Der unseriöse Journalismus der Rita Kimmkorn z.B. wird mit all seinen üblen Folgen offengelegt; rassistische Niedertracht wird von Hermine selbst erlitten (II passim und IV 130) und in mitfühlendem Engagement für die unterdrückten Elfen bekämpft – nicht mit Magie, sondern mit einer Solidaritätskampagne (IV 236). Falsche Verdächtigungen begleiten den ganzen III. Band; Harry selbst ist der Lüge auf den Leim gegangen, und nur Dumbledore und er mit seinen Freunden stoßen zur Wahrheit durch, ohne indes dem Unschuldigen zu seiner öffentlichen Rehabilitierung verhelfen zu können. Da nützt ihnen das Zaubern überhaupt nichts, wie auch sonst in den vielen Intrigen, die gegen Hauptpersonen gesponnen werden. – In Band IV wird dramatisch geschildert, wie sogar der Zaubereiminister Cornelius Fudge aufgrund seiner Angst vor Voldemort geistig erblindet und nicht wahrhaben will, wie nahe die Drohung schon gekommen ist. Statt seinen Mut zusammenzunehmen, vertraut er auf die Dementoren, wahrhaft finstere Wesen, die sich im geeigneten Augenblick auf die Seite Voldemorts schlagen werden. Es ist abzusehen, dass die Widerstandskraft von Fudge gegen die verstärkte dunkle Macht zusammenbrechen wird. Wer denkt da nicht an ähnlich erblindete Politiker, die auf die Macht des Militärs gesetzt haben, oder gar an Demokraten, die der SA die Legitimation für ihr unheilvolles Wirken gaben?

Obwohl Harry Potter auf eine dunkle Weise von der dunklen Kraft Lord Voldemort infiziert zu sein scheint und wie dieser Parsel (Schlangensprache) spricht (II 343) , kommt er nicht ins Haus der Slytherins, sondern nach Gryffindor. Dumbledore erklärt ihm den Grund: Der Sprechende Hut hat Harrys Willen erkannt und berücksichtigt; dieser steht höher als die Veranlagung der Natur: "Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind." (II 343) Das ist ebenfalls eine tiefe christliche Einsicht, die in gewissen modernen Wissenschaften, aber auch in alltäglichen (Vor)Urteilen vergessen ist.

Wenn behauptet wird, dass die in den Flüchen allegorisierte Macht des Bösen allzu faszinierend dargestellt wird, so dass mancher Leser sich insgeheim vom Okkultismus angezogen fühlt, so ist darauf zu erwidern, dass der Leser selbst mehrfach eine Läuterung durchmachen muss. So wird z.B. im Band IV faszinierend geschildert, wie Mad-Eye Moody die "unverzeihlichen Flüche" verbotenerweise anwendet – scheinbar nur zum Besten –, doch am Ende wird klar, dass dieser Lehrer der schlimmste Helfer Voldemorts ist. Von daher fällt dann auch Licht auf die Bosheit seines Tuns, die das schlechte Mittel durch den angeblich guten Zweck rechtfertigen will.

Da wir nicht wissen, wie die Story am Ende ausgeht, können wir natürlich auch noch nicht abschließend urteilen, als wie wertvoll sich die Lebenshilfe im religiösen Sinn erweist.

Anmerkung: Hat sich J. K. Rowling selbst als Satanistin bekannt?

Angeblich soll Rowling der London Times gegenüber am 17. 7. 2000 geäußert haben: "Diese Bücher helfen den Kindern zu verstehen, dass der schwache idiotische Sohn Gottes ein lebendiger Witz ist, welcher gedemütigt wird, wenn der Feuerregen kommt."

Mittlerweile ist erwiesen, dass dieses Zitat von der Website "The Onion" stammt, welche reine Satire schreibt. Dazu eine eMail des Herausgebers der Zeitung "The Times":

»Danke für Ihre E-Mail wegen des angeblichen Zitats aus der "London Times", das in einem Artikel in "The Onion" ( http://www.theonion.com/onion3625/harry_potter.html) auftaucht.
Wir überprüfen die Angelegenheit, da sie anscheinend bei einigen Lesern für Verwirrung gesorgt hat, was uns natürlich nicht gleichgültig ist.
In der Zwischenzeit möchte ich Sie daran erinnern, dass "The Onion" als amüsante und witzige Website bekannt ist, wo frei erfundene Artikel veröffentlicht werden - die man nicht ernstnehmen darf. Das Zitat, das dort Frau Rowling und der "Times " zugeschrieben wird, ist - selbstverständlich - kein echtes Zitat.«
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