Liebe Schwestern und Brüder, in letzter Zeit hat der Film "Die Passion Christi" für viel Aufsehen gesorgt. Neben vielen, die den Film in den höchsten Tönen loben, gibt es zahlreiche Stimmen, die sich gegen diesen Film wenden - zum Beispiel in unserer Kirchenzeitung, «Kirche und Leben».
Dabei werden hauptsächlich drei Vorwürfe laut:
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Zunächst der Vorwurf, der Film sei Anti-Semitisch (oder besser: Anti-Judaistisch), - oder zumindest, so Kardinal Lehmann, leicht für den Antisemitismus zu instrumentalisieren,
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dann der Vorwurf, der Film sei unnötig brutal und deshalb eher abstoßend, er schaffe Distanz anstatt Mitleid,
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und zuletzt der Vorwurf, der Film verkürze die Botschaft des Glaubens auf das Leiden und Sterben Jesu und blende das Leben und die Predigt Jesu vollkommen aus.
Nun, die Vorwürfe sind eigentlich schnell entkräftet:
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Wer einmal in unser Glaubensbekenntnis aufmerksam geschaut hat, wird feststellen, dass dort anscheinend das Leben Jesu ebenfalls ausgeblendet wird: Nach dem Glaubenssatz "Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria" folgt unmittelbar "gelitten unter Pontius Pilatus". Die Kritiker, die dem Film eine Verkürzung der Botschaft unseres Glaubens vorwerfen, müssten dann auch unser Glaubensbekenntnis ablehnen. Tatsächlich ist es aber so, dass jede Predigt und jedes Wunder Jesu erst durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen gefüllt wird.
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Der Vorwurf, der Film sei zu brutal, ist natürlich zunächst Ansichtssache; tatsächlich sind einige Szenen, vor allem die der Geißelung, fast unerträglich. Aber Fakt ist auch, dass der Regisseur die Misshandlungen, die durch die Evangelien oder durch das Grabtuch von Turin belegt sind, deutlich abgemildert hat. Die Wirklichkeit war noch härter als das, was wir im Film zu sehen bekommen.
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Der dritte Vorwurf wird inzwischen kaum noch erhoben: Dass der Film antijudaistisch sei. An mehreren Stellen hat der Regisseur Szenen hinzugefügt, die deutlich machen, dass es viele Juden (auch Mitglieder des Hohen Rates) gab, die sich dem Diktat des Kaiaphas widersetzten.
Trotzdem bleibt beim Betrachten des Filmes ein seltsames Gefühl. Daher rühren vermutlich die immer wieder vorgebrachten, eigentlich unpassenden Vorwürfe. Irgendetwas stimmt mit uns nicht, wenn wir diesen Film anschauen. Eine Jugendliche hat es mit der Frage auf den Punkt gebracht: "Warum dreht jemand so einen Film?"
Warum dreht jemand so einen Film? Vielleicht meinte Markus Nolte, der Schreiber in unserer Kirchenzeitung, diese Frage, als er seinen Artikel titelte: "Viele wichtige Fragen - und keine Antworten".
Dabei ist das, was der Film zeigt, ur-katholisch. Auch wir treffen uns zu Kreuzwegandachten und Passionsspielen, um die Leiden Christi zu betrachten. "Betrachten", das heißt anschauen, hinschauen, vor Augen halten, wie es war. Und es war eben kein Picknick. Aber was antworten wir, wenn wir gefragt werden, warum wir das tun? Das Leiden Christi betrachten?
Ich habe einmal in den Vorlagen zu den Jugendkreuzwegen oder den Vorschlägen zu den Kreuzwegandacht von Misereor geblättert und festgestellt, dass wir genau das nicht mehr tun: Das Leiden Christi betrachten. Vielmehr wird unsere Aufmerksamkeit immer sofort vom Leiden des Herrn weitergelenkt - auf die Leiden in dieser Welt, die Ungerechtigkeiten, die Ausbeutungen, unsere eigenen Verfehlungen und Kreuzwege. Wir haben, angeleitet durch verfehlte Vorlagen, verlernt, den Sinn im Leiden Jesu zu sehen. Und deshalb sehen wir auch keinen Sinn darin, wenn Mel Gibson die Leiden Jesu nun verfilmt hat.
Warum beten wir den Kreuzweg? Und warum ist es - entgegen der Empfehlung unserer Kirchenzeitung - hilfreich, durch diesen Film das Leiden Jesu an sich heranzulassen?
Weil Jesus für mich gelitten hat. Alles, was er ertragen musste, hat er für mich getan. Wäre ich der einzige Mensch auf der Welt - Jesus hätte alles das dennoch erlitten, um meine Schuld abzubüßen. Und deshalb, weil es nicht irgendein Leiden ist, sondern mein Leiden, Leiden für mich, darf ich die Augen nicht verschließen. Um meine Dankbarkeit zu diesem Jesus nicht erlahmen zu lassen, um die Größe seiner Tat zu begreifen, um seine Liebe zu erkennen, muss ich sehen, was er erlitten hat.
Das ist es, was wir verlernt haben, was wir nicht mehr begreifen, was unsere Kreuzwegandachten nicht mehr hergeben und was in unserer Kirche nicht mehr gepredigt wird: Ich habe verschuldet, was Jesus gelitten. Und obwohl ich es verdient hatte, so zu leiden, hat Jesus es an meiner Stelle getragen - aus Liebe zu mir, freiwillig.
Und weil wir davor die Augen verschließen, erscheint der Film uns so unerträglich.
"Viele wichtige Fragen - und keine Antworten": So sollte man sinnvollerweise nicht den Film betiteln, sondern unsere Verkündigung.
Liebe Schwestern und Brüder, wir glauben immer noch
mehrheitlich, Gott würde uns verzeihen, indem er einmal
kurz seufzt und dann sagt: "Na, Kinder, ist schon gut.
Ich werde Euch halt noch einmal vergeben." Und er fügt
nicht hinzu: "Aber das ist das letzte Mal!" weil
er eben nicht anders kann - glauben wir.
Aber dass Gott diese Vergebung etwas kostet, nämlich
das entsetzliche Leiden seines Sohnes, das wollen wir nicht
wahrhaben.
Kennen Sie den Schmerz, der Sie trifft, wenn jemand, den Sie lieben, Sie schamlos ausnutzt, Ihre aufrichtige Liebe lächerlich macht und verachtet? Nun, Gott empfindet viel tiefer, denn seine Liebe ist tiefer - und wir nutzen sie trotzdem aus, verachten sie, verhöhnen sie und nehmen seine Angebote zur Versöhnung und Umkehr nicht wirklich wahr.
Könnten wir nur annähernd begreifen, was es für Gott bedeutet, unsere Lieblosigkeiten zu ertragen und seinen Schmerz immer neu in Liebe zu wandeln, wir würden eher sterben wollen, als noch einmal zu sündigen.
«... wir würden eher sterben wollen, als noch einmal zu sündigen.» Das ist die Antwort, die Markus Nolte im Film nicht gefunden hat: Gott hat lieber sterben wollen, als uns in der Sünde zu belassen.
Ich empfehle allen, die sich dieser Herausforderung stellen wollen, sich den Film "Die Passion Christi" anzuschauen. Vielleicht sprechen Zeitgründe, organisatorische oder familiäre Gründe dagegen. Aber auf keinen Fall sollten wir den Film deshalb meiden, weil wir uns weigern, das anzuschauen, was wir verschuldet haben.
Amen.
