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Josef Pieper
Auch wenn es kein Ende nimmt mit dem vielen Bücherschreiben (Koh 12,12) und Vieles auf dem Markt der Bücher
überflüssig zu sein scheint, so finden sich dort doch immer wieder wahre Juwelen. Nicht dass hier etwas Neues
anzukündigen wäre! Das zu besprechende Werk ist eine Sammlung von teilweise mehr als 60 Jahre alten Aufsätzen des
bekannten Münsteraner Philosophen Josef Pieper, von denen die meisten gedruckt vorliegen, nun aber in der neuen Werkausgabe
erstmals aus der Zerstreuung gerettet sind.
Nicht um Neuigkeit geht es hier also, sondern um Orientierung, die gerade, so scheint es, dem Studenten der Theologie so bitter
nötig ist, ja bereits zu Lebzeiten Piepers weithin fehlte. Prophetische Hellsicht darf man dem Freund der Weisheit
bescheinigen, aber auch Leiden an den "Verwüstungen der Theologie", die es dem Theologen 1969 so schwierig machten
zu glauben wie heute (177ff). Tiefes Mitleid erfasst Pieper mit den "am meisten Betrogenen", den "ungewarnt
lernbegierigen Studenten, die leider oft genug erst, wenn es zu spät ist, bemerken, dass ihnen ihr Glaube entwendet worden
ist". (212f) Anders als viele seiner akademischen Kollegen legt Pieper Wert auf eine klare und verständliche Sprache,
während er sich zugleich vor Vereinfachungen hütet und davor warnt, "irgendein Element der vollen,
ungeschmälerten Realität zu unterschlagen oder vergessen zu machen". (130) Wenn er Thomas von Aquin stets seinen
Lehrer nannte, war Pieper keineswegs Thomist im Sinne einer Schulzugehörigkeit, sondern ein wacher Zeitgenosse, der die
Schätze der Tradition wozu für ihn nicht weniger Platon, Augustinus, Goethe und sogar Hegel gehören
umzumünzen verstand und ihnen in geistreiche Gegenwart verlieh.
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Am Vorhof der Theologie
Piepers Gedanken bewegen sich an der Grenze von philosophischer
und theologischer Erkenntnis. Der technische Terminus "Praeambula",
mit dem sowohl der Teil 2 und Teil 3 überschrieben sind, gibt
nur eine dürftige Vorstellung seiner Gedankenfülle, wie ja auch
die schulmäßige Rede von der Gnade, welche die Natur voraussetzt
und sie vervollkommnet, leicht unter den Verdacht gerät, allzu
banal zu sein oder jedenfalls nur wenig herzugeben. Hier ist es
das Verdienst Josef Piepers, die Sache wieder geradezurücken und
den wichtigen Gedanken zu rehabilitieren. Ich zeige dies am Begriffsfeld
der "Sakralen".
Ich erinnere mich noch gut an eine Vorlesung über das frühe Mittelalter,
die das Neue des Christentums in der Abkehr von Opfer- und Sühnevorstellungen
sah. Deren Wiederkehr im Frühmittelalter sei deshalb ein Rückfall
ins Heidentum. Ich sah damals sogleich ein, dass eine solche Auffassung
den Sachverhalt einseitig entstellt, und ich wäre dankbar gewesen,
wenn ich die hellsichtigen Ausführungen Piepers gekannt hätte.
Die Lektüre hätte meine Ahnung bestätigt und den zugrundeliegenden
historistischen Ansatz selbst in einer historisch-kritischen Betrachtung
als Kind der Säkularisierung aufgedeckt. Mit Pieper verstehen
wir einerseits, warum gerade Theologen eine Neigung zur Entsakralisierung
entwickeln können denn das formell Christliche wird durch
die Säkularisierung zunächst gar nicht negiert, sondern angeblich
sogar erst in seiner reinsten Gestalt ansichtig , und sehen
andererseits, inwiefern gerade die Säkularisierung noch folgenschwerer
für den christlichen Glauben ist als eine "Entchristlichung".
Denn sie setzt "eine fortschreitende Schwächung der natürlichen
religiösen Grundvorstellungen" in Gang, bei welcher "die
Hand zu verdorren droht, mit welcher der Mensch das eigentlich
Christliche zu fassen vermag". (487) Wenn es keine natürliche,
vor-christliche oder vor-theologische Kategorien zur Erfassung
des Religiösen gibt, dann bleibt "auch die neue, durch Christus
erschlossene Dimension der Realität unzugänglich". (460)
Die Anknüpfung geschieht durchaus nicht ohne Bruch und Korrektur,
aber auch nicht im schlechthinnigen Widerspruch. Welchen Erkenntniswert
sollte auch eine bloße Negation haben? Die Welt ist voll von Nichtelefanten.
Vor allem am Symbolbegriff bringt Pieper den Gedanken in immer
neue Bewegung. Wer "taub geworden ist für die Sprache des
Symbols", kann nicht einmal mehr verstehen, was Inhalt der
Offenbarung ist: "Das ist das über alle Maßen Schlimme,
das hier zu bedenken ist." (391) Er zitiert über das Sakrament
aus Goethes Dichtung und Wahrheit: "Kein Mensch kann
es mit wahrer Freude, wozu es gegeben ist, genießen, wenn nicht
der symbolische oder sakramentliche Sinn in ihm genährt ist."
(391. 483. 516. 534) Nicht weniger fundamental ist die sinnverwandte
Einsicht des hl. Thomas: "Weil das Sakrament wirkt, was es
zeichenhaft darstellt, darum muss die eigentliche Wirkung des
Sakraments aus seiner Zeichenhaftigkeit selbst entnommen werden."
(477) Wo das sichtbare Zeichen nicht als Verweis auf das Unsichtbare
genommen wird, da degeneriert es zur Attrappe. (484)
Ein wichtiges Anwendungsfeld dieser Überlegungen ist das Unterscheidende
des Priesters. (437ff) Auch hier erblickt Pieper als Folge der
Säkularisierung "eine Art Erblindung": "die Menschen
verlieren die Fähigkeit zu sehen, dass so etwas wie der Vollzug
eines kultischen Opfers überhaupt sinnvoll oder gar nötig
sein könnte." (438) In der Tat verliert man jegliches Verständnis
für die Gestalt des Priesters, wenn der Kult als etwas dem Evangelium
Fremdes abgewertet oder als bloße Weise der Verkündigung missdeutet
wird. Dann kommt es zur falschen Alternative "nicht Kulthandwerker,
sondern Wortbedenker" (451) und zur Neudefinition des Priesters
als eines Managers der jesuanischen Kommunikationsgemeinschaft.
(Vgl. Christian Schuler: Der Kohlrabi-Apostel. In: FAZ
vom 6. Okt. 2000, S. 51.) Natürlich ist für einen solchen eine
Weihe schlechterdings nicht notwendig; eine Schulung in psychologischen
Kommunikationstechniken sollte genügen. Doch was bleibt von der
Kirche noch übrig, wenn Christus in ihr nicht mehr sakramental
repräsentiert wird? Wohl kaum mehr als "eine Scheinwelt von
Attrappen"! (485)
Von der Krankheit der Seele
Was passiert, wenn das (Gottes)Volk nicht mehr Gott, sondern
nur noch sich selbst feiert? Bereits 1963 beschrieb Pieper die
Tragik heutiger entleerter Festkultur und deckte zugleich ihre
politische Dimension auf: die Gefahr, wie einst in der Französischen
Revolution in den Dienst totalitärer Gewaltherrschaft genommen
zu werden. (Über das Phänomen des Festes: 579-612) Was ist ein
Fest? Der heilige Johannes Chrysostomus sagt es kurz: "Wo
die Liebe sich freut, da ist Fest." (585f) Doch Nietzsche
bringt das für unsere Zeit typische Problem auf den Punkt: "Nicht
das ist das Kunststück, ein Fest zu veranstalten, sondern solche
zu finden, die sich an ihm freuen." (580)
Warum ist das ein Kunststück? Wohl deshalb, weil die Freude nicht
machbar ist, sondern sich nur als Antwort auf "das Zuteilwerden
von etwas Geliebtem" ereignet. Doch dieses wird mir nicht
bewusst zuteil, wenn ich nicht in Gottes Zustimmung zur Welt einstimme,
was wiederum Nietzsche widerstrebend bestätigt: "Um Freude
irgendworan zu haben, muss man Alles gutheißen." (587)
Daraus folgert Pieper, dass es "in der Welt keine tödlichere,
hoffnungslosere Zerstörung des Festes geben kann als die Verweigerung
der kultischen Preisung; dies Nein tritt noch den Funken aus,
von dem her sich sogar die schon niedergebrannte Flamme des Festes
neu entfachen könnte." (589)
An der Wurzel des Phänomens sitzt eine Krankheit der Seele, die
Kierkegaard "Verzweiflung der Schwachheit" nannte. (330ff)
Pieper identifiziert sie als die traditionell als Trägheit (acedia)
bezeichnete Wurzelsünde, die sich nicht nur mit dem kapitalistischen
Fleiß verträgt, sondern oft gerade in diesem Gewand erscheint.
Denn sie ist "schweifende Unruhe des Geistes", Uneinigkeit
der Seele mit sich selbst und somit ständig auf der Flucht
"zum Beispiel in die Rastlosigkeit des Arbeitens um der Arbeit
willen oder auch in die unersättliche Neugier der bloßen Schaulust".
(332) Auch hier ist für Pieper wieder die Säkularisierung treibender
Faktor: "der säkularisierte Mensch aber will, zukunftslos
und verzweifelt, den bereits geschehenen adventus und die
darin geschehene eigene Erhöhung rückgängig machen in dem Wunsche,
Gott möchte ihn nicht beschenkt, sondern in Ruhe gelassen
haben." (333)
Gegen die Vergötzung der Arbeit empfiehlt Pieper eine Einsicht
aus der Nikomachischen Ethik: "Wir arbeiten, um Muße zu haben."
(613-626) Muße, dieser fast vergessene Begriff, meint ein Tun,
das in sich selbst sinnvoll ist, also aus dem funktionalen Zusammenhang
des Alltags herausfällt und sich endgültig in der religiösen Kontemplation
erfüllt. In der Muße berührt der Mensch seinen Sinngrund und feiert
das Geschenk des Lebens. Wo hingegen die hoffende Zustimmung zum
Leben erstorben ist, da muss "alle »Freizeitgestaltung« eine
andere, eine noch atemlosere und geradezu verzweifelte Form der
Arbeit werden." (625)
Von der Hoffnung
Der Langeweile ist es eigen, dem Fluch des Selben durch schrankenlose
Neugier und permanente Unterhaltung zu entkommen. Die verzweifelte
Aussichtslosigkeit dieses Strebens vorausgesetzt, fragt sich,
welche erlösende Alternative es gibt. Für Pieper liegt sie in
der Tugend der Hoffnung, die jedoch nicht in eine schlechthin
"herkunftslose Zukunft" blickt (344ff), sondern sich
das ewig Neue der geschichtlichen Offenbarung präsent hält und
von diesem Grund her "die freudige Unruhe der Jugend"
besitzt, "die das Eigentliche noch vor sich hat" (62).
Inhaltlich grenzt Pieper den Gegenstand der Hoffnung gegen zwei
extreme Deutungen ab, gegen die Unsterblichkeitsvorstellung der
Aufklärung und die materialistische Auffassung vom Sterben des
ganzen Menschen, die in der protestantischen Theologie eine merkwürdige
Wiederaufnahme gefunden hat. Dort wird argumentiert, die Vorstellung
vom Weiterleben der Seele widerspreche der biblischen Rede von
der Auferstehung. (291ff) Ein genaueres Hinsehen lässt indessen
erkennen, dass dieser Widerspruch nur unter der Voraussetzung
der rationalistischen Verharmlosung des Todes auftritt, während
andererseits der Gedanke zwingend bleibt, "dass es, wenn
die Seele des Menschen nicht von Schöpfungs wegen unsterblich
wäre, nichts und niemanden gäbe, das Gottesgeschenk der Auferstehung
und des ewigen Lebens zu empfangen." (313) Schon Platon
wusste, dass die Unsterblichkeit als solche keinen Trost spenden
kann, dass sie sogar "eine furchtbare Gefahr" (301)
ist für den, der nicht das Gute will. Einzig die Offenbarung der
jenseitigen Auferstehung, d.h. der "durch Christus gewirkte(n)
Überwindung des Todes" (311) vermag dem Menschen Hoffnung
zu geben.
Und darin ist eingeschlossen, dass die Hoffnung, formal betrachtet,
zwar in die Zukunft blickt, aber den Grund ihrer Erwartung notwendigerweise
aus der Erinnerung bezieht. (355) Alle eschatologisch orientierte
Hoffnungstheologie findet hier Maß und Grenze, wenn anders nicht
der Mensch marxistisch "von seiner Natur und
von seiner Vergangenheit befreit" werden soll (345), wie
Roger Garaudy es fordert und mit Genugtuung von Theologen implizit
ausgesprochen findet. Unbeirrt vom Vorwurf, ein "romantisches,
mythologisch-archaisierendes Traditionsdenken" (351) zu betreiben,
stellt Pieper die entscheidende Frage, "ob nicht dieses Befreitwerden
von der Natur wie von der Vergangenheit ... in genau jene fatale
Freiheit führen muss, die, weil durch Vergessen erschlichen, notwendig
leer ist". (355; vgl. 208)
Aus derselben Einsicht heraus kämpft Pieper gegen eine einseitig
verstandene Geschichtlichkeit, die ignoriert, dass von echter
Erinnerung nur die Rede sein kann, wenn ein Identisches bewahrt
und nichts hinzugefügt wird. (196) Freilich geschieht diese Bewahrung
wie gegen einen falschen Konservativismus festzuhalten
ist (203f) nie anders als durch Neuformulierung und Neu-Aneignung
(170). Im Blick auf die "erinnernde Kraft des geschichtlich-Konkreten"
(559ff) besteht die Neu-Aneignung insbesondere darin, dass man
die erinnerte Wahrheit "durch die ihr zugewendete Anteilnahme
erst zu einem Bestandstück der eigenen Lebenshabe macht"
(572), sich also nicht hinter einer rein historischen oder ästhetischen
Betrachtung "verschanzt" (571) und auf diese Weise in
einem "Zustand vollendeter Gedächtnislosigkeit" zusteuert
(573).
Eben eine solche Neu-Aneignung des von Pieper interpretierten
Traditionsgutes ist den Lesern der Gesamtausgabe zu wünschen.
Dieser Artikel ist eine Buchbesprechung zu folgendem Werk:
Pieper, Josef: Werke in acht Bänden. Band 7. Religionsphilosophische
Schriften. Hrsg. von Berthold Wald. Hamburg: Meiner, 2000.
geb., VIII u. 649 S., ISBN 3-7873-1227-7, DM 158,00.