Die Zuwendung Gottes geschieht immer persönlich
Wie schön, daß es noch Zeichen gibt, die für sich sprechen. Ein solches Zeichen ist die Kerze. Die Kerze spricht für sich. Ihr einfaches, kleines Licht verströmt eine Ruhe, eine Gelassenheit, die wohltuend wirkt. Kerzen stehen darum auch für den Ausgleich und für den Frieden. Wenn Menschen friedlich für eine gute Sache demonstrieren wollen, gehen sie mit brennenden Kerzen auf die Straße. Die Kerze zeigt, daß es neben der Dimension des Banalen, auch des Bösen, des Gewöhnlichen eben, noch eine andere Dimension gibt, die das Irdische und Dunkle, das Bedrohliche und Gewalttätige durchbricht und endgültig besiegt. Stärke und Gewalt wird hier nicht durch noch größere Stärke und noch heftigere Gewalt überwunden, sondern durch Ohnmacht und Stille. - Das ist eine Botschaft, die auch heute noch, wie es scheint, verstanden wird.
Ein anderes Zeichen, das auch heute noch verstanden wird, weil es für sich spricht, ist der Segen. Der Segen ist das genaue Gegenteil von Beeinflussung und Manipulation. Der Agitator und Macher, der vor einer Menge steht, will etwas in seinem Sinne erreichen. Er will, daß die Menschen auf ihn aufmerksam werden, seinen Worten glauben, seinen Vorschlägen folgen. -
Anders der, der segnet: Wer das tut, wer segnet, weiß, daß jemand anders da ist, von dem der Segen kommt. Der Segnende steht da als Mittler. Er hat nicht vor, die Menschen an sich zu ziehen, sondern er will sie zu Gott führen. Der Segen, den er weitergibt, will darum die Menschen auch zu sich selbst kommen lassen. Und indem sie zur Mitte finden, erkennen sie, daß in ihrem Leben Gott wirkt, der sie ruft und führt.
Darum, weil das so ist, ist es gut, den Segen nicht nur einer mehr oder minder großen Anzahl Menschen zugleich zu geben. Sondern auch in der Weise, daß der Segen als Wunsch um Gottes Gegenwart und Heil auch dem einzelnen gegeben wird. So wird der Segen als Geschenk und Gnade noch intensiver und direkter spürbar.
Heute verbinden sich diese beiden Zeichen - das Zeichen der Kerze und das Zeichen des Segens - einer wunderbaren und tiefen Einheit: indem wir die Kerzen segnen, die während des Jahres hier in der Kirche brennen, und indem der Blasiussegen mit Hilfe einer doppelten Kerze erteilt wird. So möchte ich darum auch den Brauch beibehalten, den Blasiussegen jedem einzelnen zu erteilen. Wir stehen nicht in einem Kollektiv und sind nicht einfach ein Rädchen an einer großen Maschine, sondern jeder von uns ist persönlich gemeint, wenn etwas von der Gnade Gottes vermittelt wird. Natürlich bedeutet das dann auch umgekehrt, daß die persönliche Antwort, der persönliche Dank, die persönliche Ausrichtung auf Gott und sein Leben erfolgen muß. Sonst bleibt Gottes Zuwendung zu uns ohne Nutzen, ohne Frucht.
Diese ganz persönliche Beanspruchung wird besonders deutlich in der Buße und in der Vergebung der Schuld durch Gott. Auch hier kann die persönliche Zuwendung und die persönliche Umkehr nicht ersetzt werden durch einen kollektiven Akt, auch wenn er noch so schön liturgisch-rituell verpackt wäre. Es ist in meinen Augen eine große Verarmung, wenn das persönliche Geschehen der Umkehr und Vergebung, das sich verdichtet in der persönlichen Beichte, verflüchtigt in eine allgemeine Zusage, daß ja alles schon wieder irgendwie gut werde. Und ich bin sicher, daß in nächster Zeit der Wunsch nach persönlicher Zuwendung auch in diesem Sakrament weiter zunehmen wird.
Es würde sich einmal lohnen, alle die Bräuche und Überlieferungen aufzulisten, die wir bei uns haben und die im Laufe eines Jahres deutlich machen, daß wir Menschen aus Fleisch und Blut sind und mit Leib und Seele, also "ganzheitlich", glauben dürfen. - Manches davon ist in Gefahr, vergessen zu werden. Es wird weggespült von einer ungesunden Hektik, weil unsere Zeit schnellebig ist, so daß sie bald ihr eigenes Gedächtnis verliert. - Dagegen haben wir in unserer Kirche doch sehr schöne und wertvolle Inhalte, die wie ein Schatz sind, zu schade, vergessen zu werden und in der Rumpelkammer der Geschichte zu verstauben. -
In den früheren kommunistischen Ländern hat man
oft versucht, die christlichen Feste zu kopieren und zu entleeren.
Aus Weihnachten und dem Kind in der Krippe wurde "Väterchen
Frost" und bei uns der "Weihnachtsmann" und
aus den Boten Gottes, den Engeln, wurden "Jahresendflügelpuppen",
wie sie in der untergegangenen "DDR" offiziell genannt
wurden. -
Die Inhalte unserer christlichen Feste erhalten sich freilich
nicht von selber. Sie lassen sich nicht konservieren wie ein
Fertiggericht, das man in Folie eingeschweißt in einem
Schrank stehen hat und das man dann aufmacht, wenn man es
gerade braucht. - Unser Glaube lebt von anderen Gesetzmäßigkeiten.
Unsere Feste und Bräuche müssen gelebt und erfahren
werden, sonst werden sie innerlich hohl und leer. Sie müssen
in gläubiger Gemeinschaft vollzogen werden. Sonst wird
aus Glaube nur noch Anspruch und aus Religion nur noch Folklore.
Und die wird dann nicht mehr ernstgenommen von Menschen, die
wirklich auf der Suche sind.
In diesem Sinne dürfen wir heute auch die Lichter empfangen und uns den Segen geben lassen von Christus, der selber Licht und Segen ist und das große Geschenk Gottes an uns ist
