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Priester - das unbekannte Wesen

Viele der heutigen kirchlichen und weniger kirchlichen Diskussionen drehen sich um den Priester und sein Amt: Warum kann ein Priester keine Frau sein? Warum dürfen Priester nicht heiraten? Warum darf nur ein Priester die Wandlungsworte sprechen? Warum kann nicht auch ein Laie predigen?

Das Schöne ist, dass wir stundenlang über diese Fragen diskutieren können, ohne zu einem Ergebnis zu kommen; eine echt publikumswirksame und unterhaltsame Beschäftigungstherapie. Jeder ist dabei willkommen und darf mitdiskutieren und seine Meinung äußern. Falls aber wirklich jemand nicht nur seine Zeit und die anderer totschlagen möchte, sondern wirklich Antwort auf seine Fragen sucht, wird er feststellen, dass eine andere Frage der Schlüssel: Was ist eigentlich - ein Priester?

Es fällt schwer, jemanden zu finden, der uns kurz und knapp erzählt, was ein Priester eigentlich ist. Und wenn wir jemanden finden (zum Beispiel einen Priester), der uns wirklich kurz und bündig eine Beschreibung liefert, dann brauchen wir nur zum nächsten zu gehen und wir hören etwas ganz anderes. Um diese Verwirrung der heutigen Zeit zu verstehen, sollten wir zunächst einen anderen Begriff einführen und erklären: "Säkularisation".

Im allgemeinen wird mit Säkularisation eine Veränderung bezeichnet, die aus etwas Christlichem etwas Weltliches macht. Der Begriff "3. Reich" zum Beispiel kommt von Joachim Fiori, der nach dem 1. Reich (des Vaters, das Alte Testament) und dem 2. Reich (des Sohnes, das Neue Testament) das 3. Reich erwartete, ein Reich des Heiligen Geistes, indem alles herrlich paradiesisch sein würde. Diesen zwar irrgläubigen, aber christlichen Begriff hat Hitler nun "säkularisiert" und für seine unchristlichen und gottlosen Ziele missbraucht.

auch als pdf-Datei erhältlich

Auch das noch: Säkularisation

Immer mehr Menschen entdecken, dass wir in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft leben. Immer mehr christliche Begriffe haben ihren eigentlichen Ursprung im Glauben verloren und werden ganz anders benutzt: «Beichte» hat plötzlich nicht mehr etwas mit der Sündenvergebung, sondern nur noch mit Beratung zu tun; «Taufe» ist nicht mehr die Annahme eines Menschen als Kind durch Gott, sondern nur noch die Begrüßung eines neuen Menschen in unserer Welt; «Eucharistie» und «Messe» ist nicht mehr die Vergegenwärtigung unserer Erlösung durch den Tod Jesu am Kreuz, sondern «Feier der Gemeinschaft». «Sünde» ist, wenn jemand während der Diät ein Stück Sahnetorte isst; «Auferstehung» bedeutet, dass etwas Vergessenes oder Totgesagtes erneut wirksam wird.

Aber ich stimme meiner Großmutter nicht zu, die von einer unchristlichen Zeit redet. Wie viele meint sie, dass alles, was das Christentum ausmacht, heute verloren geht: «Diese gottlose Zeit! Die glauben heute doch nichts mehr...» Das ist nicht richtig, denn Säkularisation ist etwas anderes als Atheismus oder Unchristlichkeit. Säkularisation meint, dass all den christlichen Gedanken, unserem Glauben und Feiern, der eigentliche Sinn genommen wird. Was bleibt, ist zwar immer noch richtig, nur leider unvollständig. Es ist ja richtig, dass ich in der Beichte auch Ratschläge bekommen kann (aber eine Beichte ist mehr als eine Beratung), es ist ja richtig, dass die Taufe das christliche "Willkommen" für ein Menschenkind ist (aber sie ist etwas anderes als ein feierliches "Windelnübereichen"), es ist ja richtig, dass die Eucharistiefeier eine der schönsten Formen christlicher Gemeinschaft ist (aber wenn der Priester mal alleine in der Messe sein sollte, dann geschieht dort immer noch Weltbewegendes). Es ist ja auch richtig, dass jemand gegen seine Diätvorstellungen "sündigen" kann - aber das ist keine Sünde (=Absonderung, Entfernung) vor Gott, sondern nur eine Sünde - also Entfernung - von einem bestimmten Schönheitsideal.

Damit sind wir letztlich schon beim Knackpunkt: All' das Gute und Wichtige unseres Glaubens wird neu erklärt und verstanden; jetzt aber mit "reduziertem göttlichen Anteil". Ein Halbfett-Glaube; eine "Du-Darfst-Ausgabe" für die, die so bleiben wollen, wie sie sind: Irdisch.

Da muss gar kein böser Wille hinter stecken. Viele sind in die "wie sag ich's meinen Kindern"-Falle getappt: Während die Katholiken vor uns lange Jahre nur unter Katholiken gelebt hatten, brauchten sie nicht groß zu erklären und begründen, was sie glauben und tun. Jeder wusste Bescheid (oder tat zumindest so). Mit der "Öffnung zur modernen Welt" aber kamen wir in Erklärungsnot. «Wie erkläre ich einem modernen, vernunftbegabten und nicht-christlichem Menschen, was ich glaube?» - Also, da fange ich mal ganz vorsichtig an und komm nicht sofort mit den großen schweren Brocken wie «Gnade», «Heil» und «Erlösung», sondern rede erst einmal von «Feier» und «Gemeinschaft» und «Freude» und «Zeichen» und so weiter.

«Ich hole die Leute dort ab, wo sie stehen» könnte man sagen. Nur, wer sich ständig darum bemüht, die Leute vom Bahnhof abzuholen, kennt irgendwann nichts anderes mehr als den Bahnhof. Wer unseren Glauben zunächst ohne die schweren, übernatürlichen Dinge erklären möchte, bis alle wenigstens das verstanden haben, kommt oft nicht mehr dazu, von Gott zu reden. «Wie sag ich's meinen Atheisten?» führt zunächst zu einer säkularisierten Sprache - und dann zu einem säkularisierten Glauben.

Der säkularisierte Priester: Die Light-Version

Das ist auch mit unserem Verständnis von Priester geschehen: Wir haben das, was einen Priester ausmacht, säkularisiert. Aus einem wunderbaren, übernatürlichem Auftrag wurde das weggelassen, was «man heute keinem mehr erzählen kann»; bis wir es nicht mehr erzählen wollen, «weil das doch heute keiner mehr glauben kann».

Machen wir den Test: Was fällt Euch ein, wenn Ihr das Wort «Priester» hört?

  • Das Bild eines alten Mannes, verkümmert und konservativ? («Junger Mann, gehen sie erst mal zum Friseur...!»)

  • Fürs Wetter zuständig? («Herr Pastor, wir kümmern uns beim Pfarrfest um den Bierstand, sorgen Sie mal für gutes Wetter»)

  • Ein zurückgezogener Mensch, weltfremd und fromm, im Gebet vertieft? («Sind wir nicht alle irgendwie Sünder»)

  • Geistlich und vom anderen Stern? («Judas Priest? Zu welcher Diözese gehört der?»)

  • Seelsorger?

  • Gemeindeleiter?

  • Sozialarbeiter? («Wer kommt mit ins Kino?»)

  • Jugendbewegter Gottesdienstmoderator? («Jetzt wollen wir mal etwas Begeisterung aufkommen lassen! Immerhin ist bald Pfingsten...»)

  • Kinderbelustiger? («Schön, dass ihr alle da seid! So ein buntes Bild!»)

  • Animateur? («Applaus!»)

Der säkularisierte Priester gehört inzwischen so sehr zu unserem Alltagsdenken, dass er sich dort so einfügt, als sei er selbst etwas "Alltägliches". Aber Priester sind nicht von dieser Welt - zumindest nicht das, was sie zum Priester macht.

Glaubt mir: All' das gehört (manchmal) mit zu dem Aufgabenbereich eines Priesters - aber nicht zu seinem Wesen. Er kann in einigen Dinge besser, in anderen schlechter sein; und auch wenn er nicht mit Kindern umgehen kann - wenn ihm das Predigen schwer fällt - wenn er keinen «Draht» zu den Jugendlichen findet - oder sonstwie nicht dem Klischee entspricht, ist er vielleicht gerade deshalb ein hervorragender Priester.

Unser gestörtes Verhältnis zu Gott - wiederhergestellt in der Eucharistie

Gott und Mensch haben Sehnsucht nach einander - aber wer von den Menschen fühlt sich schon in der Lage, den ersten Schritt zu tun? Versuche hat es gegeben: Opfertiere als Zeichen der Wiedergutmachung; Weihegeschenke, die nun ganz Gott gehören; Buße in Sack und Asche; Speiseopfer, Trankopfer; in manchen Religionen sogar Menschenopfer... Aber immer begleitet von dem Gefühl: Das ist für Gott doch viel zu wenig.

Uns geht diese Erkenntnis leider manchmal verloren (dazu später noch): Gott ist viel zu groß für uns. Was sind wir Menschen schon, dass wir überhaupt mit Gott reden wollen? Dass wir glauben, dass er uns zuhört?

Die Empfindung, dass der Mensch eigentlich ein Nichts ist vor der Größe Gottes, ist eine Grunderkenntnis fast aller Religionen, eigentlich aller Menschen. Der Mensch kann vor diesem großen Gott nicht bestehen; schon allein, weil er als endliches Wesen vor dem unendlichen Gott schon fast ein "verschwindendes Nichts" ist - und sich so fühlt. Hinzu kommt noch eine fatale Verschlimmerung dieser Erkenntnis: Wir haben sogar unsere Würde als aufrechte, gottgewollte Geschöpfe verloren, als wir begannen, uns von Gott zu trennen und ihn abzulehnen. Wir haben gesündigt und Gott verraten. Wir sind nicht nur klein vor Gott; wir sind sogar noch geschrumpft und in uns selbst verkrümmt.

Zu dieser Erkenntnis, die das ganze Alte Testament durchzieht, tritt der Schmerz, dass wir doch auf diesen Gott angewiesen sind. Aber wie mit Gott ins Reine kommen? Was können wir Menschen schon tun, um das wieder gutzumachen, was wir uns und Gott angetan haben?

Es mag sein, dass Dir dieser Gedanke total fremd ist. «Mein Gott, so schlecht habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt! Was redet der da?» denkst Du vielleicht. Aber wir erkennen nur die Größe der Liebe Gottes, wenn wir begreifen, dass wir sie nicht im Geringsten verdient haben. Jede wirklich Liebeserklärung beginnt mit dem Bewusstsein, eine solche Liebe nicht verdient zu haben (Die Gruppe PUR singt zum Beispiel: «Ich habe gut und gerne 5 Kilo Übergewicht, ein krummes Ding namens Nase ziert mein Gesicht - und wie ich an 'ne Frau wie Dich komm, weiß ich nicht»). Aber genau das hat die Säkularisation erreicht: Wir haben das Gefühl, mit Gott auf einer Stufe zu stehen; ja es sieht manchmal so aus, als wenn wir Gott als unseren Diener betrachten. Wehe, wenn er seine Aufgabe nicht erfüllt, uns glücklich zu machen! Dann wird gnadenlos abgestraft: «Gebetsentzug!» «Keinen Nachtisch!» «Dann glaube ich eben nicht mehr...!»

Schon allein der Versuch, sich Gott mit Gott in Verbindung zu setzen, scheint arg vermessen: «Der große Gott soll mir zuhören? Wer bin ich denn schon!» Also haben fast alle Religionen Priester bestimmt, besonders fromme Menschen, die im Rufe standen, einen besonderen "Draht" zu Gott zu haben. Eben Priester. Diese wurden geweiht, um vor Gott treten zu dürfen, um stellvertretend für das Volk Gott um Vergebung, Gnade und Huld zu bitten und das durch Opfer zu untermauern. Dabei ist der Priester selbst ein solches Weihegeschenk geworden: Er gehört nun Gott und steht in seinem Dienst. Und trotzdem bleibt das Gefühl: Das ist für Gott doch viel zu wenig. Denn auch diese (vom Volk auserwählten) Priester sind und bleiben sündige Menschen. Und die haben vor Gott und vor den Menschen nur eine eingeschränkte Glaubwürdigkeit; weil sie ja doch wieder anders leben, als sie sollten.

Da erlöst Gott uns Menschen, indem er uns selber die Brücke baut. Jesus kommt in unsere Welt, Jesus, der Gott selbst ist. Er ist nun der Priester, der vor Gott treten darf und die Anliegen der Menschen vertritt, an ihrer Stelle betet und sich selbst als Weihegeschenk und Opfer anbietet. So steht es im Hebräerbrief:

„Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Welt ist, ist er ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen, die damit besprengt werden, so heiligt, dass sie leiblich rein werden, wieviel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen. Und darum ist er der Mittler eines neuen Bundes; sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten." (Hebr 9,11-15)

Die Opfer des Alten Bundes waren Vorbereitung und Vor-Zeichen, allesamt ungenügend - aber doch gottgewollt, weil sie ein Bild dessen waren, was Gott im neuen Bund schon beschlossen hatte: Dass anstelle der vielen Opfer ein für allemal auf Golgatha Jesus das Opfer vollzieht, durch das wir erlöst und geheiligt werden.

Ein für alle mal - aber überall gegenwärtig?

Dieses alles entscheidende, die Welt verwandelnde Opfer geschah nur einmal. Allzu viele Personen waren allerdings nicht dabei; von den Jüngern und Aposteln waren die meisten geflohen. Von den Generationen danach - und den Völkern, die am anderen Ende der Welt leben - ganz zu schweigen. Jesus stirbt für alle Menschen, und keiner kriegt es mit?

Nun, unser Herr hat das vorausgesehen (er kennt seine Apostel und uns ziemlich gut), und deshalb schon am Abend vorher den Auftrag zu geben, dieses Opfer zu vergegenwärtigen: in der Eucharistie. Dazu braucht es bevollmächtigte Menschen: die Priester. Aber jetzt sind das nicht die von den Menschen ausgewählte (und vorgeschobenen) Stellvertreter des Volkes. Jeztzt sind sie nichts anders als die sichtbare Verkörperung des wirklichen, einzigen und wahren Hohenrpiesters: Jesu.

Dass die nichts Besonderes waren und deshalb von den Menschen nicht ausgewählt worden wären, wird schon an den Aposteln deutlich. Die menschlichen Qualitäten spielten offensichtlich eine untergeordnete Rolle. Aber für die Aufgabe, die Jesus ihnen gegeben hat, waren sie ideal: Sie sollten nichts selbst tun, sondern nur das tun, was Jesus ihnen aufgetragen hatte: «Tut dies zu meinem Gedächtnis!» (Lk 22,19)

Aber Jesus hat die Apostel nicht nur mit der Aufgabe betraut, das Opfer Jesu in jede Gegenwart hineinzuholen (auch in unsere), sondern auch das, was das Opfer Jesu bewirkt hat: Dass wir mit Gott versöhnt worden sind. Die Sündenvergebung.

„Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert." (Joh 20,22f)

Diese beiden Dinge sind Kern des Priesters: Die Eucharistie zu feiern und die Sünden zu vergeben. Sakramente spenden kann jeder (zumindest die Taufe - oder die Ehe); Eucharistiefeiern und Sünden vergeben können aber nur die, die von Gott dazu mit einer Vollmacht ausgestattet worden sind. Oder umgekehrt: Alle, die eine solche Vollmacht bekommen haben, nennen wir Priester. Egal, was sie sonst noch können... ...oder nicht können... ...mögen sie auch sonst eher einem Esel gleichen...

Das Sakrament der Weihe

Ein weltlicher Fürst sagte einmal: «Abgesehen von seinen heiligen Weihen ist der Pfarrer ein Esel» - offensichtlich lagen hier die menschlichen Fähigkeiten in den Augen des Fürsten im Argen. Aber der Fürst wusste um eine andere Eigenschaft des Priesters: Seine heiligen Weihen.

Weihen? Was ist das und wofür soll das gut sein? - Gut, ich will's erklären:

Ein Priester wird eben nicht vom Volk als dessen Stellvertreter vor Gott gewählt. Gott erwählt sich seine Priester, denn der Priester soll ja "Stellvertreter Gottes" sein, also die Gegenwart Jesu und sein Handeln vergegenwärtigen. Deswegen gibt es keine alljährliche Priesterwahl, sondern eine Priesterweihe.

Dabei ist die Weihe weder eine demokratische Wahl, noch eine bloße Beauftragung durch das Volk oder den Bischof. Denn es geht nicht um Funktion, die der Priester übernimmt, sondern um Sein. Er wird ganz und gar, mit Leib und Seele, in das hineingenommen, was Jesus getan hat. Wir nennen das auch die "besondere Teilhabe an Christi Priestertum". Denn das, was der Priester da tun soll, kann er nicht aus eigener Kraft. Priestersein übersteigt die menschlichen Kräfte, Priestersein braucht besondere Gnade. Darum ist die Weihe ein Sakrament, und das Hauptzeichen ist die Handauflegung; zu der das Weihegebet des Bischofs kommt.

Das Sakrament ist dreigestuft: Diakon, Priester, Bischof. Der Bischof ist Priester im Vollsinn, denn er ist einer Teilkirche zugeordnet (das Bistum), in welche die katholische Kirche gegliedert ist. Wenn die Kirche oder das Kirchenrecht gelegentlich von der "Ortskirche" spricht, so ist damit nicht die Pfarrgemeinde gemeint, sondern das Bistum. Und das Bistum ist nur in dem Maße eine echte "Teilkirche", wie die Einheit der Kirche gewahrt wird. Wenn der Bischof (und zusammen mit ihm auch der Priester) im rechten Geist Christi handelt, ist er als echte Teilkirche mit allen anderen Teilkirchen (also Bistümern) gleichberechtigt ein Bild der Kirche.

In der Priesterweihe bekommt der Priester den Auftrag, die Sakramente zu spenden und somit Jesus auch für die heutige Gemeinde, die an einem ganz anderen Ort und zu einer ganz anderen Zeit lebt als Jesus das getan hat, mit Jesus in Berührung zu bringen. Nicht nur "fast so, als wenn er wirklich anwesend wäre", sondern so, dass er wirklich anwesend ist. Um diesen Auftrag aber zu erfüllen, bekommt der Priester durch die Weihe eine geistliche Vollmacht.

Das ist so, als wenn Du den Auftrag bekommt, einem Asthma-Kranken "Gute Besserung!" zu wünschen. Wenn das ein wirklicher Wunsch ist, wird Dir der Auftraggeber auch die nötigen Mittel mitgegeben, damit die "Gute Besserung" auch eintritt: Medikamente, zum Beispiel. Wenn der "Auftraggeber" wirklich perfekt sein will (oder ist), macht er Dich zum Arzt. Dann kannst Du nicht nur hingehen und gute Besserung wünschen und die Medikamente abgeben, die Dir mitgegeben worden sind, sondern Du kannst auch noch selbst schauen, was jetzt zu tun ist und eine Therapie vorschlagen. Beides gehört zusammen: Was nutzen die Medikamente, wenn der Asthma-Kranke nicht mit dem Rauchen aufhört? Oder immer noch im Kohlebergwerk arbeitet? Er sollte nicht nur die Medikamente annehmen, sondern auch noch auf Deine Ratschläge zur Lebensführung hören.

Genauso bekommt der Priester also nicht nur die geistliche Vollmacht, die nötigen Medikamente (sprich: Sakramente) zu spenden, sondern auch noch die Leitung der Gemeinde zu übernehmen. Beides gehören zusammen. Der Priester sollte aber aufpassen, dass er Priester bleibt - und nicht Leitung übernimmt, wo er gar keine Vollmacht hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gott (trotz seiner unendlichen Vorsehung) dem Priester nicht mit der geistlichen Vollmacht die Fähigkeit zur Errichtung von einsturzsicheren Pfarrheimen und lebensfrohen Pfarrfamilienfesten gegeben hat. Da haben andere von Gott vielleicht eher eine Begabung geschenkt bekommen. Wenn es aber um die Planung von Katechesen oder die Gestaltung von Gottesdiensten geht, sieht die Sache doch wieder anders aus.

Berufung

Ein Priester lebt nicht anders, damit er dann vom Volk aufgrund dieser Eigenschaften zum Priester gewählt wird. Wir haben ja festgestellt, dass Gott sich seine Priester ruft und (durch den Dienst des Bischofs) weiht. Gott ist es, der beruft, die Kirche prüft lediglich. Der Einzelne erfährt die Berufung auf geistliche Weise: Er fühlt sich innerlich angezogen von dem Dienst des Priesters; er betet gerne und ist gerne für Menschen da.

Bei mir ist das entscheidend gewesen für die Frage, ob ich zum Priester berufen bin. Ich brauche die Nähe Gottes und der Menschen. Würde mir die Nähe Gottes genügen, so habe ich mir gesagt, könnte ich auch ins Kloster gehen. Eine feine Sache, finde ich. Aber mir würden die Menschen fehlen, deren Leben ich teilen möchte. Wäre ich auf der anderen Seite mit der Nähe der Menschen zufrieden und bräuchte nicht mehr als das, hätte ich auch Sozialarbeiter werden können. Aber beides verbindet sich (zumindest für mich) auf eine einmalige Art und Weise im Priestertum. Das, so bin ich mir sicher, ist meine Berufung.

Das Ja zur Berufung ist ein gewisses Sterben. Es erfordert eine radikale Hingabe; ein Verzicht und ein tiefes Vertrauen auf die Wirksamkeit Gottes. Wenn die Berufung echt ist, stellt sich gleich nach der positiven Antwort, d.h. dem festen Entschluß, jetzt dem Ruf Gottes zu folgen und Priester zu werden, eine unerwartete Freude ein, (glaubt mir, die kann ich gar nicht beschreiben und die erfüllt mich bis auf den heutigen Tag) - als Bestätigung und Stärkung.

Berufungen können aber auch ignoriert werden. Es gibt ein Klima, das Berufungen fördert, und eines, das Berufungen erschwert. Zum Schluss nur ein (zugegeben, sehr persönliches) Beispiel:

Ich habe zu meiner Weihe damals natürlich viele Glückwünsche und Briefe bekommen. In einigen Briefen war die Rede von dem schweren Weg, den ich vor mir habe, der sicher schwierigen Entscheidung zur Ehelosigkeit und zur Weihe. Es wurde Mitleid bekundet, aber auch Bewunderung, dass ich diesen Weg nun doch gehe.

Stell Dir einmal vor, Du bekämst einen solchen Brief zu Deiner Hochzeit. Darin heißt es, Du hätten bestimmt einen schweren Weg vor Dir, ebenso, dass es sicherlich eine schwierige Entscheidung zu dieser Frau - zu diesem Mann gewesen ist. Stell Dir vor, man drückt Dir Mitleid aus, aber auch Bewunderung, dass Du nun Dich doch mit diesem Partner verheiraten würden. Das wäre nicht nur seltsam, das wäre peinlich. Sehr peinlich.

Man kann eine Ehe kaputtmachen, indem man immer wieder Mitleid mit einem der Ehepartner bekundet: «Ach, was hast du es doch schwer! Wie kannst du mir leid tun! Du musst ja wirklich sehr unglücklich sein!» Auf Dauer ist es ohne weiteres möglich, so eine Ehe zu zerstören. Und genauso kann man einen Priester kaputtmachen, wenn man ihm immer wieder sein Mitleid bekundet: «Ach, was hat es dieser Mann doch schwer, wie unglücklich muss er doch sein!» So zerstört man Priester. Und so verhindert man Priesterberufungen.

Viel wichtiger wäre es, sich wirklich Priesterberufungen zu wünschen. - Nein, das ist nicht ganz richtig ausgedrückt. Etwas konkreter, bitte: Viel wichtiger wäre es, lieben Menschen, die wir gerne haben, zu wünschen, dass sie Priester würden. Sie zu ermutigen, weil wir glauben, dass man dadurch sein Glück finden kann. Und dafür zu beten. Genauso wie wir für die Gesundheit und das Glück von Familien beten, sollten wir viel mehr für die Entdeckungen von Priesterberufungen in unseren Gemeinen beten.

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