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Priester - das unbekannte Wesen
Viele der heutigen kirchlichen und weniger kirchlichen Diskussionen drehen sich um den Priester und sein Amt: Warum kann ein
Priester keine Frau sein? Warum dürfen Priester nicht heiraten? Warum darf nur ein Priester die Wandlungsworte sprechen? Warum
kann nicht auch ein Laie predigen?
Das Schöne ist, dass wir stundenlang über diese Fragen diskutieren können, ohne zu einem Ergebnis zu kommen; eine
echt publikumswirksame und unterhaltsame Beschäftigungstherapie. Jeder ist dabei willkommen und darf mitdiskutieren und seine
Meinung äußern. Falls aber wirklich jemand nicht nur seine Zeit und die anderer totschlagen möchte, sondern
wirklich Antwort auf seine Fragen sucht, wird er feststellen, dass eine andere Frage der Schlüssel: Was ist
eigentlich - ein Priester?
Es fällt schwer, jemanden zu finden, der uns kurz und knapp erzählt, was ein Priester eigentlich ist. Und wenn wir
jemanden finden (zum Beispiel einen Priester), der uns wirklich kurz und bündig eine Beschreibung liefert, dann brauchen wir
nur zum nächsten zu gehen und wir hören etwas ganz anderes. Um diese Verwirrung der heutigen Zeit zu verstehen, sollten
wir zunächst einen anderen Begriff einführen und erklären: "Säkularisation".
Im allgemeinen wird mit Säkularisation eine Veränderung bezeichnet, die aus etwas Christlichem etwas Weltliches macht.
Der Begriff "3. Reich" zum Beispiel kommt von Joachim Fiori, der nach dem 1. Reich (des Vaters, das Alte Testament) und
dem 2. Reich (des Sohnes, das Neue Testament) das 3. Reich erwartete, ein Reich des Heiligen Geistes, indem alles herrlich
paradiesisch sein würde. Diesen zwar irrgläubigen, aber christlichen Begriff hat Hitler nun
"säkularisiert" und für seine unchristlichen und gottlosen Ziele missbraucht.
auch
als pdf-Datei erhältlich
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Auch das noch: Säkularisation
Immer mehr Menschen entdecken, dass wir in einer zunehmend
säkularisierten Gesellschaft leben. Immer mehr christliche
Begriffe haben ihren eigentlichen Ursprung im Glauben verloren
und werden ganz anders benutzt: «Beichte» hat plötzlich nicht
mehr etwas mit der Sündenvergebung, sondern nur noch mit Beratung
zu tun; «Taufe» ist nicht mehr die Annahme eines Menschen
als Kind durch Gott, sondern nur noch die Begrüßung eines
neuen Menschen in unserer Welt; «Eucharistie» und «Messe»
ist nicht mehr die Vergegenwärtigung unserer Erlösung durch
den Tod Jesu am Kreuz, sondern «Feier der Gemeinschaft». «Sünde»
ist, wenn jemand während der Diät ein Stück Sahnetorte isst;
«Auferstehung» bedeutet, dass etwas Vergessenes oder Totgesagtes
erneut wirksam wird.
Aber ich stimme meiner Großmutter nicht zu, die von einer
unchristlichen Zeit redet. Wie viele meint sie, dass
alles, was das Christentum ausmacht, heute verloren geht:
«Diese gottlose Zeit! Die glauben heute doch nichts
mehr...» Das ist nicht richtig, denn Säkularisation ist etwas
anderes als Atheismus oder Unchristlichkeit. Säkularisation
meint, dass all den christlichen Gedanken, unserem Glauben
und Feiern, der eigentliche Sinn genommen wird. Was bleibt,
ist zwar immer noch richtig, nur leider unvollständig. Es
ist ja richtig, dass ich in der Beichte auch Ratschläge bekommen
kann (aber eine Beichte ist mehr als eine Beratung), es ist
ja richtig, dass die Taufe das christliche "Willkommen"
für ein Menschenkind ist (aber sie ist etwas anderes als ein
feierliches "Windelnübereichen"), es ist ja richtig,
dass die Eucharistiefeier eine der schönsten Formen christlicher
Gemeinschaft ist (aber wenn der Priester mal alleine in der
Messe sein sollte, dann geschieht dort immer noch Weltbewegendes).
Es ist ja auch richtig, dass jemand gegen seine Diätvorstellungen
"sündigen" kann - aber das ist keine Sünde (=Absonderung,
Entfernung) vor Gott, sondern nur eine Sünde - also Entfernung
- von einem bestimmten Schönheitsideal.
Damit sind wir letztlich schon beim Knackpunkt: All' das
Gute und Wichtige unseres Glaubens wird neu erklärt und verstanden;
jetzt aber mit "reduziertem göttlichen Anteil".
Ein Halbfett-Glaube; eine "Du-Darfst-Ausgabe" für
die, die so bleiben wollen, wie sie sind: Irdisch.
Da muss gar kein böser Wille hinter stecken. Viele sind in
die "wie sag ich's meinen Kindern"-Falle getappt:
Während die Katholiken vor uns lange Jahre nur unter Katholiken
gelebt hatten, brauchten sie nicht groß zu erklären und begründen,
was sie glauben und tun. Jeder wusste Bescheid (oder tat zumindest
so). Mit der "Öffnung zur modernen Welt" aber kamen
wir in Erklärungsnot. «Wie erkläre ich einem modernen, vernunftbegabten
und nicht-christlichem Menschen, was ich glaube?» - Also,
da fange ich mal ganz vorsichtig an und komm nicht sofort
mit den großen schweren Brocken wie «Gnade», «Heil» und «Erlösung»,
sondern rede erst einmal von «Feier» und «Gemeinschaft» und
«Freude» und «Zeichen» und so weiter.
«Ich hole die Leute dort ab, wo sie stehen» könnte man sagen.
Nur, wer sich ständig darum bemüht, die Leute vom Bahnhof
abzuholen, kennt irgendwann nichts anderes mehr als den Bahnhof.
Wer unseren Glauben zunächst ohne die schweren, übernatürlichen
Dinge erklären möchte, bis alle wenigstens das verstanden
haben, kommt oft nicht mehr dazu, von Gott zu reden. «Wie
sag ich's meinen Atheisten?» führt zunächst zu einer säkularisierten
Sprache - und dann zu einem säkularisierten Glauben.
Der säkularisierte Priester: Die
Light-Version
Das ist auch mit unserem Verständnis von Priester geschehen:
Wir haben das, was einen Priester ausmacht, säkularisiert.
Aus einem wunderbaren, übernatürlichem Auftrag wurde das weggelassen,
was «man heute keinem mehr erzählen kann»; bis wir es nicht
mehr erzählen wollen, «weil das doch heute keiner mehr glauben
kann».
Machen wir den Test: Was fällt Euch ein, wenn Ihr das
Wort «Priester» hört?
-
Das Bild eines alten Mannes, verkümmert und konservativ?
(«Junger Mann, gehen sie erst mal zum Friseur...!»)
-
Fürs Wetter zuständig? («Herr Pastor, wir kümmern uns
beim Pfarrfest um den Bierstand, sorgen Sie mal für gutes
Wetter»)
-
Ein zurückgezogener Mensch, weltfremd und fromm, im Gebet
vertieft? («Sind wir nicht alle irgendwie Sünder»)
-
Geistlich und vom anderen Stern? («Judas Priest? Zu welcher
Diözese gehört der?»)
-
Seelsorger?
-
Gemeindeleiter?
-
Sozialarbeiter? («Wer kommt mit ins Kino?»)
-
Jugendbewegter Gottesdienstmoderator? («Jetzt wollen
wir mal etwas Begeisterung aufkommen lassen! Immerhin
ist bald Pfingsten...»)
-
Kinderbelustiger? («Schön, dass ihr alle da seid! So
ein buntes Bild!»)
-
Animateur? («Applaus!»)
Der säkularisierte Priester gehört inzwischen so sehr zu
unserem Alltagsdenken, dass er sich dort so einfügt, als sei
er selbst etwas "Alltägliches". Aber Priester sind
nicht von dieser Welt - zumindest nicht das, was sie zum Priester
macht.
Glaubt mir: All' das gehört (manchmal) mit zu dem Aufgabenbereich
eines Priesters - aber nicht zu seinem Wesen. Er kann in einigen
Dinge besser, in anderen schlechter sein; und auch wenn er
nicht mit Kindern umgehen kann - wenn ihm das Predigen schwer
fällt - wenn er keinen «Draht» zu den Jugendlichen findet
- oder sonstwie nicht dem Klischee entspricht, ist er vielleicht
gerade deshalb ein hervorragender Priester.
Unser gestörtes Verhältnis zu Gott
- wiederhergestellt in der Eucharistie
Gott und Mensch haben Sehnsucht nach einander - aber wer
von den Menschen fühlt sich schon in der Lage, den ersten
Schritt zu tun? Versuche hat es gegeben: Opfertiere als Zeichen
der Wiedergutmachung; Weihegeschenke, die nun ganz Gott gehören;
Buße in Sack und Asche; Speiseopfer, Trankopfer; in manchen
Religionen sogar Menschenopfer... Aber immer begleitet von
dem Gefühl: Das ist für Gott doch viel zu wenig.
Uns geht diese Erkenntnis leider manchmal verloren (dazu
später noch): Gott ist viel zu groß für uns. Was sind wir
Menschen schon, dass wir überhaupt mit Gott reden wollen?
Dass wir glauben, dass er uns zuhört?
Die Empfindung, dass der Mensch eigentlich ein Nichts ist
vor der Größe Gottes, ist eine Grunderkenntnis fast aller
Religionen, eigentlich aller Menschen. Der Mensch kann vor
diesem großen Gott nicht bestehen; schon allein, weil er als
endliches Wesen vor dem unendlichen Gott schon fast ein "verschwindendes
Nichts" ist - und sich so fühlt. Hinzu kommt noch eine
fatale Verschlimmerung dieser Erkenntnis: Wir haben sogar
unsere Würde als aufrechte, gottgewollte Geschöpfe verloren,
als wir begannen, uns von Gott zu trennen und ihn abzulehnen.
Wir haben gesündigt und Gott verraten. Wir sind nicht nur
klein vor Gott; wir sind sogar noch geschrumpft und in uns
selbst verkrümmt.
Zu dieser Erkenntnis, die das ganze Alte Testament durchzieht,
tritt der Schmerz, dass wir doch auf diesen Gott angewiesen
sind. Aber wie mit Gott ins Reine kommen? Was können wir Menschen
schon tun, um das wieder gutzumachen, was wir uns und Gott
angetan haben?
Es mag sein, dass Dir dieser Gedanke total fremd ist. «Mein
Gott, so schlecht habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt!
Was redet der da?» denkst Du vielleicht. Aber wir erkennen
nur die Größe der Liebe Gottes, wenn wir begreifen, dass wir
sie nicht im Geringsten verdient haben. Jede wirklich
Liebeserklärung beginnt mit dem Bewusstsein, eine solche Liebe
nicht verdient zu haben (Die Gruppe PUR singt zum Beispiel:
«Ich habe gut und gerne 5 Kilo Übergewicht, ein krummes Ding
namens Nase ziert mein Gesicht - und wie ich an 'ne Frau wie
Dich komm, weiß ich nicht»). Aber genau das hat die Säkularisation
erreicht: Wir haben das Gefühl, mit Gott auf einer Stufe zu
stehen; ja es sieht manchmal so aus, als wenn wir Gott als
unseren Diener betrachten. Wehe, wenn er seine Aufgabe
nicht erfüllt, uns glücklich zu machen! Dann wird gnadenlos
abgestraft: «Gebetsentzug!» «Keinen Nachtisch!» «Dann glaube
ich eben nicht mehr...!»
Schon allein der Versuch, sich Gott mit Gott in Verbindung
zu setzen, scheint arg vermessen: «Der große Gott soll mir
zuhören? Wer bin ich denn schon!» Also haben fast alle Religionen
Priester bestimmt, besonders fromme Menschen, die im Rufe
standen, einen besonderen "Draht" zu Gott zu haben.
Eben Priester. Diese wurden geweiht, um vor Gott treten zu
dürfen, um stellvertretend für das Volk Gott um Vergebung,
Gnade und Huld zu bitten und das durch Opfer zu untermauern.
Dabei ist der Priester selbst ein solches Weihegeschenk geworden:
Er gehört nun Gott und steht in seinem Dienst. Und trotzdem
bleibt das Gefühl: Das ist für Gott doch viel zu wenig. Denn
auch diese (vom Volk auserwählten) Priester sind und bleiben
sündige Menschen. Und die haben vor Gott und vor den Menschen
nur eine eingeschränkte Glaubwürdigkeit; weil sie ja doch
wieder anders leben, als sie sollten.
Da erlöst Gott uns Menschen, indem er uns selber die Brücke
baut. Jesus kommt in unsere Welt, Jesus, der Gott selbst ist.
Er ist nun der Priester, der vor Gott treten darf und die
Anliegen der Menschen vertritt, an ihrer Stelle betet und
sich selbst als Weihegeschenk und Opfer anbietet. So steht
es im Hebräerbrief:
Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der
künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere
Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht
von dieser Welt ist, ist er ein für allemal in das Heiligtum
hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen
Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat
er eine ewige Erlösung bewirkt. Denn wenn schon das Blut
von Böcken und Stieren und die Asche einer Kuh die Unreinen,
die damit besprengt werden, so heiligt, dass sie leiblich
rein werden, wieviel mehr wird das Blut Christi, der sich
selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer
dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen,
damit wir dem lebendigen Gott dienen. Und darum ist er
der Mittler eines neuen Bundes; sein Tod hat die Erlösung
von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt,
damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten."
(Hebr 9,11-15)
Die Opfer des Alten Bundes waren Vorbereitung und Vor-Zeichen,
allesamt ungenügend - aber doch gottgewollt, weil sie ein
Bild dessen waren, was Gott im neuen Bund schon beschlossen
hatte: Dass anstelle der vielen Opfer ein für allemal auf
Golgatha Jesus das Opfer vollzieht, durch das wir erlöst
und geheiligt werden.
Ein für alle mal - aber überall
gegenwärtig?
Dieses alles entscheidende, die Welt verwandelnde Opfer geschah
nur einmal. Allzu viele Personen waren allerdings nicht dabei;
von den Jüngern und Aposteln waren die meisten geflohen. Von
den Generationen danach - und den Völkern, die am anderen
Ende der Welt leben - ganz zu schweigen. Jesus stirbt für
alle Menschen, und keiner kriegt es mit?
Nun, unser Herr hat das vorausgesehen (er kennt seine Apostel
und uns ziemlich gut), und deshalb schon am Abend vorher den
Auftrag zu geben, dieses Opfer zu vergegenwärtigen: in der
Eucharistie. Dazu braucht es bevollmächtigte Menschen:
die Priester. Aber jetzt sind das nicht die von den Menschen
ausgewählte (und vorgeschobenen) Stellvertreter des Volkes.
Jeztzt sind sie nichts anders als die sichtbare Verkörperung
des wirklichen, einzigen und wahren Hohenrpiesters: Jesu.
Dass die nichts Besonderes waren und deshalb von den Menschen
nicht ausgewählt worden wären, wird schon an den Aposteln
deutlich. Die menschlichen Qualitäten spielten offensichtlich
eine untergeordnete Rolle. Aber für die Aufgabe, die Jesus
ihnen gegeben hat, waren sie ideal: Sie sollten nichts selbst
tun, sondern nur das tun, was Jesus ihnen aufgetragen hatte:
«Tut dies zu meinem Gedächtnis!» (Lk 22,19)
Aber Jesus hat die Apostel nicht nur mit der Aufgabe betraut,
das Opfer Jesu in jede Gegenwart hineinzuholen (auch in unsere),
sondern auch das, was das Opfer Jesu bewirkt hat: Dass wir
mit Gott versöhnt worden sind. Die Sündenvergebung.
Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und
sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die
Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung
verweigert, dem ist sie verweigert." (Joh 20,22f)
Diese beiden Dinge sind Kern des Priesters: Die Eucharistie
zu feiern und die Sünden zu vergeben. Sakramente spenden kann
jeder (zumindest die Taufe - oder die Ehe); Eucharistiefeiern
und Sünden vergeben können aber nur die, die von Gott dazu
mit einer Vollmacht ausgestattet worden sind. Oder umgekehrt:
Alle, die eine solche Vollmacht bekommen haben, nennen wir
Priester. Egal, was sie sonst noch können... ...oder nicht
können... ...mögen sie auch sonst eher einem Esel gleichen...
Das Sakrament der Weihe
Ein weltlicher Fürst sagte einmal: «Abgesehen von seinen
heiligen Weihen ist der Pfarrer ein Esel» - offensichtlich
lagen hier die menschlichen Fähigkeiten in den Augen des Fürsten
im Argen. Aber der Fürst wusste um eine andere Eigenschaft
des Priesters: Seine heiligen Weihen.
Weihen? Was ist das und wofür soll das gut sein? - Gut, ich
will's erklären:
Ein Priester wird eben nicht vom Volk als dessen Stellvertreter
vor Gott gewählt. Gott erwählt sich seine Priester, denn der
Priester soll ja "Stellvertreter Gottes" sein, also
die Gegenwart Jesu und sein Handeln vergegenwärtigen. Deswegen
gibt es keine alljährliche Priesterwahl, sondern eine Priesterweihe.
Dabei ist die Weihe weder eine demokratische Wahl, noch eine
bloße Beauftragung durch das Volk oder den Bischof. Denn es
geht nicht um Funktion, die der Priester übernimmt, sondern
um Sein. Er wird ganz und gar, mit Leib und Seele, in das
hineingenommen, was Jesus getan hat. Wir nennen das auch die
"besondere Teilhabe an Christi Priestertum". Denn
das, was der Priester da tun soll, kann er nicht aus eigener
Kraft. Priestersein übersteigt die menschlichen Kräfte, Priestersein
braucht besondere Gnade. Darum ist die Weihe ein Sakrament,
und das Hauptzeichen ist die Handauflegung;
zu der das Weihegebet des Bischofs kommt.
Das Sakrament ist dreigestuft: Diakon, Priester, Bischof.
Der Bischof ist Priester im Vollsinn, denn er ist einer Teilkirche
zugeordnet (das Bistum), in welche die katholische Kirche
gegliedert ist. Wenn die Kirche oder das Kirchenrecht gelegentlich
von der "Ortskirche" spricht, so ist damit nicht
die Pfarrgemeinde gemeint, sondern das Bistum. Und das Bistum
ist nur in dem Maße eine echte "Teilkirche", wie
die Einheit der Kirche gewahrt wird. Wenn der Bischof (und
zusammen mit ihm auch der Priester) im rechten Geist Christi
handelt, ist er als echte Teilkirche mit allen anderen Teilkirchen
(also Bistümern) gleichberechtigt ein Bild der Kirche.
In der Priesterweihe bekommt der Priester den Auftrag, die
Sakramente zu spenden und somit Jesus auch für die heutige
Gemeinde, die an einem ganz anderen Ort und zu einer ganz
anderen Zeit lebt als Jesus das getan hat, mit Jesus in Berührung
zu bringen. Nicht nur "fast so, als wenn er wirklich
anwesend wäre", sondern so, dass er wirklich anwesend
ist. Um diesen Auftrag aber zu erfüllen, bekommt der Priester
durch die Weihe eine geistliche Vollmacht.
Das ist so, als wenn Du den Auftrag bekommt, einem Asthma-Kranken
"Gute Besserung!" zu wünschen. Wenn das ein wirklicher
Wunsch ist, wird Dir der Auftraggeber auch die nötigen Mittel
mitgegeben, damit die "Gute Besserung" auch eintritt:
Medikamente, zum Beispiel. Wenn der "Auftraggeber"
wirklich perfekt sein will (oder ist), macht er Dich zum Arzt.
Dann kannst Du nicht nur hingehen und gute Besserung wünschen
und die Medikamente abgeben, die Dir mitgegeben worden sind,
sondern Du kannst auch noch selbst schauen, was jetzt zu tun
ist und eine Therapie vorschlagen. Beides gehört zusammen:
Was nutzen die Medikamente, wenn der Asthma-Kranke nicht mit
dem Rauchen aufhört? Oder immer noch im Kohlebergwerk arbeitet?
Er sollte nicht nur die Medikamente annehmen, sondern auch
noch auf Deine Ratschläge zur Lebensführung hören.
Genauso bekommt der Priester also nicht nur die geistliche
Vollmacht, die nötigen Medikamente (sprich: Sakramente) zu
spenden, sondern auch noch die Leitung der Gemeinde zu übernehmen.
Beides gehören zusammen. Der Priester sollte aber aufpassen,
dass er Priester bleibt - und nicht Leitung übernimmt, wo
er gar keine Vollmacht hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass
Gott (trotz seiner unendlichen Vorsehung) dem Priester nicht
mit der geistlichen Vollmacht die Fähigkeit zur Errichtung
von einsturzsicheren Pfarrheimen und lebensfrohen Pfarrfamilienfesten
gegeben hat. Da haben andere von Gott vielleicht eher eine
Begabung geschenkt bekommen. Wenn es aber um die Planung von
Katechesen oder die Gestaltung von Gottesdiensten geht, sieht
die Sache doch wieder anders aus.
Berufung
Ein Priester lebt nicht anders, damit er dann vom Volk aufgrund
dieser Eigenschaften zum Priester gewählt wird. Wir haben
ja festgestellt, dass Gott sich seine Priester ruft
und (durch den Dienst des Bischofs) weiht. Gott ist es, der
beruft, die Kirche prüft lediglich. Der Einzelne erfährt die
Berufung auf geistliche Weise: Er fühlt sich innerlich angezogen
von dem Dienst des Priesters; er betet gerne und ist gerne
für Menschen da.
Bei mir ist das entscheidend gewesen für die Frage, ob ich
zum Priester berufen bin. Ich brauche die Nähe Gottes und
der Menschen. Würde mir die Nähe Gottes genügen, so habe ich
mir gesagt, könnte ich auch ins Kloster gehen. Eine feine
Sache, finde ich. Aber mir würden die Menschen fehlen, deren
Leben ich teilen möchte. Wäre ich auf der anderen Seite mit
der Nähe der Menschen zufrieden und bräuchte nicht mehr als
das, hätte ich auch Sozialarbeiter werden können. Aber beides
verbindet sich (zumindest für mich) auf eine einmalige Art
und Weise im Priestertum. Das, so bin ich mir sicher, ist
meine Berufung.
Das Ja zur Berufung ist ein gewisses Sterben. Es erfordert
eine radikale Hingabe; ein Verzicht und ein tiefes Vertrauen
auf die Wirksamkeit Gottes. Wenn die Berufung echt ist, stellt
sich gleich nach der positiven Antwort, d.h. dem festen Entschluß,
jetzt dem Ruf Gottes zu folgen und Priester zu werden, eine
unerwartete Freude ein, (glaubt mir, die kann ich gar nicht
beschreiben und die erfüllt mich bis auf den heutigen Tag)
- als Bestätigung und Stärkung.
Berufungen können aber auch ignoriert werden. Es gibt ein
Klima, das Berufungen fördert, und eines, das Berufungen erschwert.
Zum Schluss nur ein (zugegeben, sehr persönliches) Beispiel:
Ich habe zu meiner Weihe damals natürlich viele Glückwünsche
und Briefe bekommen. In einigen Briefen war die Rede von dem
schweren Weg, den ich vor mir habe, der sicher schwierigen
Entscheidung zur Ehelosigkeit und zur Weihe. Es wurde Mitleid
bekundet, aber auch Bewunderung, dass ich diesen Weg nun doch
gehe.
Stell Dir einmal vor, Du bekämst einen solchen Brief zu Deiner
Hochzeit. Darin heißt es, Du hätten bestimmt einen schweren
Weg vor Dir, ebenso, dass es sicherlich eine schwierige Entscheidung
zu dieser Frau - zu diesem Mann gewesen ist. Stell Dir vor,
man drückt Dir Mitleid aus, aber auch Bewunderung, dass Du
nun Dich doch mit diesem Partner verheiraten würden. Das wäre
nicht nur seltsam, das wäre peinlich. Sehr peinlich.
Man kann eine Ehe kaputtmachen, indem man immer wieder Mitleid
mit einem der Ehepartner bekundet: «Ach, was hast du es doch
schwer! Wie kannst du mir leid tun! Du musst ja wirklich sehr
unglücklich sein!» Auf Dauer ist es ohne weiteres möglich,
so eine Ehe zu zerstören. Und genauso kann man einen Priester
kaputtmachen, wenn man ihm immer wieder sein Mitleid bekundet:
«Ach, was hat es dieser Mann doch schwer, wie unglücklich
muss er doch sein!» So zerstört man Priester. Und so verhindert
man Priesterberufungen.
Viel wichtiger wäre es, sich wirklich Priesterberufungen
zu wünschen. - Nein, das ist nicht ganz richtig ausgedrückt.
Etwas konkreter, bitte: Viel wichtiger wäre es, lieben Menschen,
die wir gerne haben, zu wünschen, dass sie Priester würden.
Sie zu ermutigen, weil wir glauben, dass man dadurch sein
Glück finden kann. Und dafür zu beten. Genauso wie wir für
die Gesundheit und das Glück von Familien beten, sollten wir
viel mehr für die Entdeckungen von Priesterberufungen in unseren
Gemeinen beten.
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