Suche: 
«Die Suche nach dem rechten Lebens-Mittel»

Harry Potter wird in kirchlichen Kreisen heiß diskutiert. Vor allem Gabriele Kuby spricht sich deutlich gegen den kleinen Zauberjungen aus. Natürlich gibt es keine offizielle katholische Stellungnahme zu den Romanen (wo kämen wir denn dahin...!). Aber wir von der Karl-Leisner-Jugend haben schon eine Meinung. (Nicht erschrecken - die Harry-Potter-Artikel sind z.T. nicht ganz einfach zu lesen...!)

Unter "Potter 1" findet sich eine Stellungnahme von Christa Meves (zuerst erschienen im Rheinischen Merkur) und beschäftigt sich mit der Frage nach dem Bösen,

"Potter 2" ist eine Analyse von Axel Schmidt, der die Romane als Gleichnis versteht,

"Potter 3" stammt aus der Feder von Thomas Möllenbeck und entdeckt in Harry Potters Geschichten viele Ähnlichkeiten mit der Welt des Glaubens,

"Potter 4" ist ein Artikel, der in der Münsteraner Kirchenzeitung erschienen ist (auch von Axel Schmidt),

"Potter 5" beschäftigt sich mit Gabriele Kuby und dem Problem der "Natürlichen Religion" (wiederum Axel Schmidt).

"Potter 7" ist ein letztes Mal von Axel Schmidt, der nun auf alle sieben Bände zurückschaut (und besonders den siebten Band berücksichtig) - und ein abschließendes Urteil wagt. Um es vorwegzunehmen: Harry Potter (und seine Schöpferin, J. K. Rowling) kommen gut dabei weg.

auch als pdf-Datei erhältlich

Harry Potter als Beispiel einer modernen praeparatio Evangelii

Es wird viel darüber diskutiert, inwieweit sich ein intensiver Fernsehkonsum negativ auswirkt. Andererseits scheint ein Konsens zu bestehen, dass das Lesen von Büchern eher nützt als schadet. Nachdem lange befürchtet wurde, dass Kino, Fernsehen und Internet das Buch immer mehr verdrängen könnten, jubelten die Verleger auf, als es Joanne K. Rowling gelang, mit ihren auf sieben Bände angelegten Kinderbüchern „Harry Potter" Millionen von Lesern auf der ganzen Welt zu begeistern und dadurch dem Büchermarkt insgesamt zu neuem Ansehen zu verhelfen.

Freilich entbrannte auch sehr bald eine Diskussion darüber, ob die Lektüre der vier bisher erschienenen Bände wirklich empfohlen werden könne. Wurde hier ein zweifelhaftes Vorbild für einen neuheidnischen Aberglauben kreiert? Sollte gar Anleitung zur Hexerei gegeben werden? Oder haben wir es schlicht mit einem von vielen Fantasy-Abenteuern zu tun, das vor allem der kindlichen Unterhaltung dient und nur nebenbei eine gewisse Moral enthält, die indes die der gängigen Literatur nicht wirklich überragt?

Christa Meves dagegen sieht in Harry Potter eine „Antwort auf den Glaubensverlust der Moderne". „Je mehr der seiner religiösen Heimat beraubte Mensch unter der Leere leidet, umso machtvoller beginnt der verunsicherte, ohnmächtig an das Unheimliche ausgelieferte Mensch nach Irrlichtern und Strohhalmen zu greifen." Sofern dieses Urteil wenigstens teilweise berechtigt ist, verdient das Werk in der Tat eine theologische Würdigung. Wenn die Bücher ein Gegengewicht zur modernen entzauberten Welt setzen wollen, dann muss vor allem zur Frage stehen, ob sie auch eine versteckte positive Botschaft enthalten, die sich aus dem Reich der Phantasie in das der Wirklichkeit übertragen lässt. Ist Harry Potter vielleicht auch deshalb so beliebt, weil er das Leiden und den Überdruss des modernen Jugendlichen (und Erwachsenen) an der überraschungslosen Konsumwelt zum Ausdruck bringt und den Absprung von ihr vorzeichnet? Könnte so gar ein geistiger Boden bereitet werden für die (Neu-)Annahme des Evangeliums – im Sinne einer praeparatio Evangelii?

Die überraschungslose Technik- und Konsumwelt

Es ist frappierend zu sehen, in welcher Weise bereits Schulkinder in Deutschland ein durch und durch technisiertes und insofern verstelltes Wirklichkeitsverständnis an den Tag legen. Nicht erst die berühmte Umfrage, wie Kühe aussehen, zeigt, dass offenbar die (Milka)Werbung mehr Einfluss auf Kinderseelen besitzt als die Wirklichkeit selbst. Durchs Fernsehen erfahren wir, was es gibt. Die Wissenschaft sagt uns, was es geben kann. Natürlich steht den nach wie vor aufs Konkrete gerichteten Kinderblicken nicht die abstrakte Wissenschaft vor Augen, sondern die Welt der Handys und Computer, der Autos und Flugzeuge, der beherrschten Natur, in der es nichts gibt oder geben darf, das sich nicht in den Griff bekommen ließe. Der Tod spielt sich zwar jeden Tag hundertfach im Fernsehen oder in Computerspielen ab, in der eigenen Erfahrung der Kinder kommt er aber selten oder gar nicht vor, entsprechend fehlt die wertende Stellungnahme. Indem der Tod einerseits selbstverständlich bekannt, andererseits indes aus der Erfahrung abgedrängt ist, gibt die Stellungnahme zu ihm heute das anschaulichste Beispiel für die Unterscheidung Newmans zwischen "notional assent" und "real assent." Wenn nicht gerade ein Massaker wie das in Erfurt „echt passiert", in räumlicher Nähe und an einer wirklichen Schule, erzeugt die Rede vom Tod keine Betroffenheit; Geschichten von Menschen, die ihr Leben für einen hohen Wert hingegeben haben, dringen nicht durch, weil die Hörer sofort nach den Möglichkeiten fragen, wie so etwas hätte technisch verhütet werden können.

Was für den Tod gilt, ist auch für die Einstellung zum Leben und zum Geheimnis der Schöpfung von Bedeutung. Jeder Viertklässler „weiß", dass die Menschen vom Affen abstammen, dass die ganze Welt durch den Urknall entstanden ist und seitdem die Evolution blind das Leben hervorgebracht hat. Darum geht die Rede von Gott als dem Schöpfer bei Hörern ins Leere, die seit Beginn ihres bewussten Lebens gelernt haben, dass alle Dinge durch Geld zu kaufen sind und sich durch Knopfdruck manipulieren lassen, dass alles repariert oder ersetzt werden kann und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein bisher nicht gelöstes Problem enträtselt wird. Expertenwissen dominiert das öffentliche Bewusstsein und verdrängt die echte Erfahrung, dass das Leben mehr ist, als wissenschaftliche und mediale Repräsentationen je zum Ausdruck bringen können.

Wo die Welt technisch restlos entzaubert ist und von der Rückbindung (religio) an alles Übernatürliche befreit wurde, da stellt sich das Ich machtvoll und mitunter grausam in den Vordergrund. Der Egoist betrachtet seine Mitwelt als mögliches Konsumobjekt. Durch den Konsum wird ein "etwas" dem Ich nutzbar gemacht – darin liegt die Urform jeder äußeren Gewalt. Wer die virtuelle Objektivierung seiner Mitwelt erfolgreich erprobt hat, neigt dazu, sein Ego auch in der Realität gegen die Konkurrenz durchzusetzen – die Mittel sind dabei beliebig. Die Gruppe der 16- und 17-Jährigen verantwortet laut Statistik mehr Verbrechen als alle Männer ab 25 Jahren insgesamt.

Eine vollständig säkularisierte Welt kennt weder Geheimnis noch Ehrfurcht. Alles kann technisch für den Konsum verfügbar und dem Ich dienlich gemacht werden. Doch die Säkularisation frisst ihre eigenen Kinder, oder vielleicht besser: die Kinder fressen ihre Lehrer. Der Mensch wird heimatlos in einer solchen Welt, er schaudert vor ihrer Kälte und Leere zurück und versucht verzweifelt, mit den Mitteln des Konsums die Leere zu füllen, was natürlich nicht möglich ist. Der wachsende Überdruss könnte die gewohnten Denk- und Lebensweisen aufbrechen helfen, doch bedarf es auch einer plausiblen und kraftvollen Alternative. Das Evangelium ist die überraschende Antwort, es darf jedoch nicht in einer Verpackung dargereicht werden, die den revolutionären Inhalt verdeckt. Christliche Werte in säkularisierter Gestalt degenerieren zum Konsumgut, sie werden verbraucht und zum Müll der Geschichte geworfen. Die religionspädagogische Suche nach der immer wieder neuen "Anknüpfung an der Lebenswirklichkeit der Kinder" kann den Wettlauf mit der Zeit nicht gewinnen, wenn sie nur an den Geist der Zeit anknüpft. Eine Vorbereitung des Evangeliums muss darum auch im Widerspruch anknüpfen und so die Wirklichkeit für Überraschendes, wirklich Neues, nie Gehörtes und eigentlich Unsagbares offenhalten.

Neuentdeckung von Geheimnis und Liebe bei „Harry Potter"

Um Leben und Tod geht es im Roman Harry Potter. Um die Frage, wie man das Leben gewinnen kann, das Leben in Fülle (vgl. Joh 10,10), das nicht mehr vom Tod bedrohte Leben, und um die Frage, welches das richtige Lebens-Mittel ist. Jesus stellt als das Grundgesetz des natürlichen Lebens das Paradox auf: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen." (Lk 17,33) Der erste Teil des paradoxen Gesetzes widerspricht der Erfahrung nur in der kurzen Sicht desjenigen, der sein Leben für den nächsten Tag sichern will; langfristig muss er als die bestbestätigte Erkenntnis überhaupt gelten, denn niemand konnte sich bisher Unsterblichkeit verschaffen. Der zweite Teil des Satzes scheint indessen in der Erfahrungswelt überhaupt keines Basis zu haben; doch was heißt hier Erfahrung? Der wirklichen Glaubenserfahrung ist die paradoxe Wahrheit vom "Gewinn des Lebens durch die Hingabe des Lebens" durchaus nicht fremd; es fragt sich allein, wie sie zu vermitteln ist.

Eine erste Ebene zur Vermittlung wird durch die zwischenmenschliche Liebe aufgespannt: „Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde." (Joh 15,13) Mit diesem Satz deutet Jesus sein eigenes Todesschicksal, stellt damit aber zugleich ein allgemeingültiges Ideal der Liebe auf: Liebe, „die bis zur Vollendung" (Joh 13,1) erwiesen wird, nimmt die Gestalt des Opfers an, der Lebenshingabe. Freilich scheint der Gewinn solcher Liebe einzig dem Geliebten zuzukommen, der sich aus Liebe Opfernde scheint dagegen alles zu verlieren. Dieser Anschein gehört zu dieser ersten Ebene hinzu und darf ihr nicht genommen werden, wenn anders die Liebe eben das Gegenteil von Egoismus ist. Von einer zweiten Ebene kann erst später die Rede sein.

Bleiben wir zunächst auf dieser Ebene und suchen wir nach einem anschaulichen Beispiel solcher Liebe in einem nicht ausdrücklichen christlichen Kontext, dann werden wir bei Harry Potter leicht fündig. Zu den meist zitierten Stellen gehört die Erklärung Dumbledores zum Geheimnis des Überlebens des jungen Harry Potter, als der böse Voldemort versuchte, ihn durch den schlimmsten aller Zauberflüche zu töten: „Deine Mutter ist gestorben, um dich zu retten. Wenn es etwas gibt, was Voldemort nicht versteht, dann ist es Liebe. Er wusste nicht, dass eine Liebe, die so mächtig ist wie die deiner Mutter zu dir, ihren Stempel hinterlässt. Keine Narbe, kein sichtbares Zeichen ... so tief geliebt worden zu sein, selbst wenn der Mensch, der uns geliebt hat, nicht mehr da ist, wird uns immer ein wenig schützen." (I, 324)

Harry Potter ist der „Junge, der überlebt". (I, 5) Nach der Erklärung des Direktors der Zaubererschule Hogwarts bewahrte er sein Leben, weil seine Mutter das ihre für ihn hingegeben hat. Das Geheimnis um die Kraft dieser Liebe angesichts des mächtigsten aller Zauberer wird indessen in den bisher erschienenen vier Bänden nicht aufgeklärt: „Vielleicht werden wir es nie wissen." (I, 20) Dieses fehlende Wissen gibt Anzeichen auf eine höhere Ebene des paradoxen Verhältnisses von Leben und Tod, die auch den Menschen umgreift, der ums Leben gekommen ist. Sollte dieses Opfer für ihn umsonst gewesen sein? Wann ist ein Opfer vergebens? Diese Frage greift Voldemort selbst in seinem dramatischen Dialog mit Harry auf. Er sagt: „Sei kein Dummkopf. Rette besser dein eigenes Leben und schließ dich mir an ... oder du wirst dasselbe Schicksal wie deine Eltern erleiden ... Sie haben mich um Gnade angefleht, bevor sie gestorben sind ..." – „LÜGNER!", rief Harry plötzlich.... – „Wie rührend ... Ich weiß Tapferkeit immer zu schätzen ... Ja, Junge, deine Eltern waren tapfer ... Ich habe deinen Vater zuerst getötet und er hat mir einen mutigen Kampf geliefert ... aber deine Mutter hätte nicht sterben müssen ... sie hat versucht dich zu schützen ... Gib mir jetzt den Stein, wenn du nicht willst, dass sie umsonst gestorben ist." (I, 319)

Der Böse appelliert an den Egoismus Harrys, sein eigenes Leben zu retten und somit eine im Verhältnis zu seiner Mutter gegensätzliche Haltung einzunehmen. Sein Argument ist wirklich schlau: Sie wäre umsonst gestorben, wenn Harry nun ebenfalls stirbt. In der Tat, wenn man die genannte erste Ebene nicht überschreitet, kann man sich der Logik des Arguments nicht entziehen: Die Mutter ist endgültig tot, da kann man nichts machen; wenn ihr Sterben aber einen Sinn haben soll, dann muss wenigstens ihr Sohn weiterleben. Das Lebensmittel, das Voldemort anbietet, ist der „Stein der Weisen", den Harry in der Tasche hat. Er muss ihn nur hergeben und sich Voldemort anschließen, der sich und seinen Getreuen mit seiner Hilfe Unsterblichkeit verschaffen kann. War es nicht das, wozu Harrys Mutter gestorben ist?

„NIEMALS!" ruft Harry aus und drückt damit die Ahnung aus, dass die vordergründige Logik nicht stimmt. Diese Ahnung ist nicht unbegründet. Doch der Grund enthüllt sich erst später, als Harry erfährt, wie er überhaupt an den Besitz des Steins der Weisen gekommen ist. „Nur jemand, der den Stein finden wollte – finden, nicht benutzen –, sollte ihn bekommen können, die andern würden nur sehen, wie sie Gold herstellen oder das Lebenselixier trinken", eröffnet Dumbledore eine seiner „vortrefflicheren Ideen" (I, 326). Man darf auch der Autorin bescheinigen, hier einen wirklich begnadeten Einfall gehabt zu haben, indem sie in einleuchtender Weise das paradoxe Strukturgesetz des Lebensgewinns im Absehen vom eigenen Vorteil zum Ausdruck gebracht hat. Wer das Leben gewinnen will durch direkten Zugriff, durch Konsum, der wird es verlieren. Darum lässt Rowling Dumbledore sagen: „Weißt du, eigentlich war der Stein gar nichts so Wundervolles. Geld und Leben, so viel du dir wünschst! Die beiden Dinge, welche die meisten Menschen allem andern vorziehen würden – das Problem ist, die Menschen haben den Hang, genau das zu wählen, was am schlechtesten für sie ist." (I, 323) Harrys Eltern haben das Bessere gewählt, und ihr Opfer ist eben dann nicht umsonst, wenn auch ihr Sohn wie sie wählt.

Man mag sich an den Versuch des Königs Antiochus erinnern, die Makkabäerin dazu zu bringen, ihrem jüngsten Sohn zu raten, sich zu retten, nachdem bereits ihre sechs älteren Söhne das Martyrium erlitten haben; doch die Mutter empfiehlt auch ihm, lieber zu sterben als zu sündigen. (2 Makk 7,24ff) Während das Makkabäerbuch freilich deutlich die Auferstehungshoffnung ausspricht, bleibt sie bei Harry Potter unausgesprochen.

Das würdigt das Werk keineswegs herab, sondern gibt ihm erst recht seine Bedeutung als praeparatio Evangelii, als Bereitung des geistigen Bodens für die Aufnahme des Evangeliums. Wo nämlich der Ernst des Todes vorschnell durch eine säkularisierte Auferstehungshoffnung überspielt wird, dort kann auch der Ernst der Erlösungstat Christi nicht mehr zu Gesicht kommen. Anders gesagt: Die Verkündigung findet in vor-christlichen Vorstellungen von Opfer und Liebe einen bereiteren Boden als in der nach-christlichen Verharmlosung von Sünde und Tod und der Streichung des Opfergedankens. Unsere allenfalls halb evangelisierten Schulkinder glauben, das Christentum durch den Religionsunterricht zu kennen, und haben doch nur eine äußerst vage Vorstellung von Gott und vom ewigen Leben, überhaupt keine von der Sündigkeit des Menschen und vom Sinn des Kreuzestodes Jesu und dessen Vergegenwärtigung in der heiligen Messe. Dass die biblische Botschaft sie überraschen könnte und ihnen als Frohe Botschaft aufgeht, muss als äußerst unwahrscheinlich angesehen werden – dazu ist mittlerweile genügend korreliert, rationalisiert und entmythologisiert worden.

Die Überraschungsfreiheit des modernen Lebens ist wie milchiges Glas, durch das die Sonne der Gnade nicht eindringen kann. Da die heutige Jugend nahezu steril aufwächst, geschützt vor allen Gefahren des Lebens, erwartet sie auch nichts wirklich Neues, dafür um so mehr Neuigkeiten, die beim täglichen Tratsch ausgetauscht werden. Dass tief im Innern gleichwohl eine Sehnsucht nach dem Metaphysischen und Transzendenten lauert, ist allerdings zu erwarten und könnte einer der Gründe dafür sein, dass Harry Potter so viele begeisterte Leser gefunden hat.

Die Heptalogie konfrontiert den Leser auf eine feinsinnige Weise mit seinen metaphysischen Träumen, ohne dies in eindeutiger Weise auszuschlachten und insofern ins Triviale abgleiten zu lassen. Diesem Zweck dient die literarische Leitidee, der gemäß Harry Potter in einer Welt lebt, die sich anlässlich seines 11. Geburtstages plötzlich als nicht mehr in sich abgeschlossen und überraschungslos darstellt, sondern eine Einbruchstelle für das Unvorhersehbare und den meisten Verborgene offenbart. In der Welt leben sowohl Menschen (Muggel genannt), die sich mit dem Sichtbaren begnügen und leidlich zufrieden, doch eigentlich unzufrieden sind, als auch solche, die eine jenseitige Wirklichkeit annehmen und aus dieser ihren Lebenssinn beziehen. Freilich ist diese nur eine relative Transzendenz, eine Hinterwelt, die in wesentlicher Hinsicht sogar der geheimnislosen Welt der Muggel gleicht.

Die Romanfolge, deren sieben Bände jeweils ein volles Lebensjahr des jugendlichen Harry Potter vorstellen (werden), erzählt den Weg eines Menschen, der sich selbst finden will und dabei immer tiefer auf ein Geheimnis stößt. Der Weg Harrys erschöpft sich nicht darin, aus der sterilen Muggelwelt in die dramatische Zaubererwelt entkommen zu sein. Die erste Entdeckung, die Harry macht, ist, dass er lebt, weil er geliebt wurde, eine Erfahrung, die ihm bisher hartnäckig verweigert wurde. Im Spiegel Nerhegeb (lies rückwärts: Begehren) sieht er seine Eltern (I, 227f. 230. 232), dieser Spiegel zeigt nämlich „nicht mehr und nicht weniger als unseren tiefsten, verzweifeltsten Herzenswunsch" (I, 233). Doch darf Harry dabei nicht stehen bleiben, denn es „ist nicht gut, wenn wir nur unseren Träumen nachhängen und vergessen zu leben", erklärt ihm Dumbledore (I, 233).

Harry muss sich ein Jahr später damit auseinandersetzen, dass er eine gewisse Verwandtschaft mit dem dunklen Lord Voldemort zu besitzen scheint, kann er doch wie dieser Parsel (Schlangensprache) sprechen (II 203ff. 326. 342f). Darum fragt ihn der Sprechende Hut bei der Initiation in die Zaubererschule Hogwarts, ob er nicht ins Haus der Slytherins gehen möchte, schickt ihn aber schließlich doch nach Gryffindor (I, 134), denn er berücksichtigt Harrys Willen: „Viel mehr als unsere Fähigkeiten sind es unsere Entscheidungen, Harry, die zeigen, wer wir wirklich sind." (II, 343)

Der moralische Wille Harrys zum in sich Guten wird in den Folgejahren immer wieder auf die Probe gestellt, und es ist nicht undenkbar, dass die Autorin für einen der noch ausstehenden drei Bände vorsieht, dass der Heranwachsende sich (zeitweise) für die falsche Seite entscheiden wird. Intellektuelle Fehlurteile unterlaufen Harry und seinen Freunden in den ersten vier Jahren auf Hogwarts durchaus mehrmals, etwa hinsichtlich der Verdächtigung Snapes, des Lehrers für Zaubertränke, oder hinsichtlich der Rolle von Sirius Black, der sich später als der Patenonkel Harrys herausstellt und der beste Freund seiner Eltern. Im dritten Schuljahr auf Hogwarts weitet sich der Horizont, die Welt wird komplizierter, und der Leser muss mit Harry lernen, dass Schein und Sein weit auseinanderfallen können. So entpuppt sich die Ratte Krätze als ein gefährlicher Spion Voldemorts namens Pettigrew, während der als Werwolf enttarnte Lehrer Lupin zu den unschuldig Geächteten gehört. Zu den verwickeltesten Szenen gehört die Entscheidung Harrys, für Lupin und Sirius Black und gegen den Lehrer Snape Partei zu ergreifen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt „noch nicht sicher" war, „das Richtige getan zu haben". (III 374) So wird im ganzen III. Band das Spiel von Lügen und falschen Verdächtigungen thematisiert, deren Infamie so groß ist, dass der Unschuldige nicht öffentlich rehabilitiert werden kann (vgl. III, 441). Die sonst schier überragende Weisheit und Macht des Schulleiters Dumbledore wird deutlich begrenzt durch den verblendeten Willen anderer Menschen: „Doch es steht nicht in meiner Macht, andere Menschen die Wahrheit sehen zu lassen..." (III, 405f) Angesichts der allgemeinen Verwirrung und Angst wird das ethische Ideal gesteigert: „Lieber sterben als deine Freunde zu verraten, wie wir es auch für dich getan hätten!" (III 387) Harry entspricht der Höhe dieser Moral, indem er das Leben des nun als Verräter seiner Eltern offenbaren Pettigrew schont (III, 387f), was ihm jedoch eines Tages in ungeahnter Weise selbst zugute kommen wird, wie Dumbledore orakelt. (III, 439f).

Zur weiteren Steigerung der Dramatik wird anscheinend das Auftreten der Dementoren eingesetzt. Diese unheimlichen Wesen „schaffen Zerfall und Verzweiflung, sie saugen Frieden, Hoffnung und Glück aus jedem Menschen, der ihnen nahe kommt". (III, 196) Während der gutwillige Mr. Weasley trotz seiner Abneigung gegen diese Wesen meint, man müsse manchmal die „Kräfte mit denen von Leuten vereinen, die du sonst meidest" (III, 72), ist Dumbledore unbeirrt fest: „Aber solange ich hier Schulleiter bin, kommt kein Dementor über die Schwelle dieses Schlosses." (III, 174; vgl. IV 734) Diese Klarheit wird mit der durch Ehrgeiz und Vorurteile vernebelten Sicht des Zaubereiministers Cornelius Fudge kontrastiert, der die Rückkehr Voldemorts nicht wahrhaben und sich weiterhin dem Schutz der Dementoren anvertrauen will (IV, 734-739). Während sich die Bühne des Geschehens nochmals weitet und die ganze Welt zu umfassen beginnt, artet die schon im III. Band um sich greifende Verwirrung in Verblendung aus; dabei wird nebenbei die verhängnisvolle Wirkung des Sensationsjournalismus von Rita Kimmkorn offenkundig, deren Enthüllungsgeschichten politische Entscheidungsträger zu schwerwiegenden Fehleinschätzungen verleiten (IV, 737). Das Geflecht von Halbwahrheit, Verdrehung und Lüge ist nur für den Mutigen zu entwirren, der sich recht zu entscheiden weiß „zwischen dem, was richtig ist, und dem, was bequem ist". (IV, 756) Dumbledore mahnt darum den Zusammenschluss der Gutwilligen an: „Die Zeit ist knapp, und wenn die wenigen von uns, die die Wahrheit kennen, nicht zusammenhalten, gibt es für keinen von uns Hoffnung." (IV, 745)

Der Leser wird durch solche dramaturgisch bedeutsamen Äußerungen dazu geneigt, die Wahrheit als einen der höchsten Werte anzuerkennen, statt in die skeptische Haltung eines Pilatus zu fallen. Dieser entzog sich dem Geheimnis Jesu durch den Rückzug auf die augenscheinliche Sicherheit innerweltlicher Herrschaft. Wie es scheint, will Rowling eine solche Haltung grundlegend in Frage stellen.

Dafür spricht, dass die Unterwerfung der Welt durch Technik oder Magie Vorbehalten ausgesetzt wird. Unschwer ist zu erkennen, dass die Zauberei in Hogwarts das Pendant zur Technik in der Muggelwelt ist. Ein Telefon z.B. fasziniert Mr. Weasley, und er findet es „wirklich genial, wie viele Schliche die Muggel gefunden haben, um ohne Zauberei durchzukommen" (II, 46). Die Analogie zur Technik wird ironisch auf die Spitze getrieben bei der Schilderung der jeweils verbesserten Besenmodelle, vom „Sauberwisch 5" über den „Nimbus 2000" bis hin zum „Feuerblitz". Wer den ausgeklügelteren Besen besitzt, hat entsprechende Vorteile beim Quidditsch, dem allseits geliebten Besensport. Soweit Zaubern nur eine alternative Weise zur Technik ist, die Welt zu beherrschen, richten die Produkte solchen „Handwerks" die Welt so ein, dass sie sich dem Interesse des Zauberers fügt, und machen sie somit zum manipulierbaren Gegenstand – nicht anders als die technischen Produkte der Muggel. Doch damit ist nur die Oberfläche der reichen Bildwelt erfasst. In der Tat stellt uns Rowling Zauberer vor, die lediglich dies im Sinn haben, indes werden diese von der ersten Seite an als böse gekennzeichnet. Mit dieser Wertung gelangt man zu einer tieferen Schicht, in der sichtbar wird, dass die Zauberkraft mit der Persönlichkeit des Einzelnen zusammenhängt und insofern untilgbare subjektive Züge aufweist. Warum ein Zauberer mächtiger als ein anderer ist, lässt sich nicht objektiv erklären, sondern gründet anscheinend im Geheimnis der Person.

Die dunklen Künste und darunter insbesondere die „Unverzeihlichen Flüche" (IV 222ff) geben davon Zeugnis. Ihr Name besagt schon, dass mit ihnen der Zauberer die Grenze des sittlich Erlaubten weit überschreitet. Nachdem Mad-Eye Moody diese Flüche vorgeführt hat, sprechen einige „über die Stunde, fand Harry, als ob sie eine atemberaubende Show gewesen wäre, doch er hatte sie nicht besonders unterhaltsam gefunden – und wie es schien, auch Hermine nicht." (IV 229) Diese feine Nebenbemerkung zeigt die sensible Aufmerksamkeit der Autorin für die Gefahr der modernen Unterhaltungsindustrie, dank derer wir uns vielleicht bald „zu Tode amüsieren". Gewisse Themen dürfen eben nicht als Unterhaltung präsentiert werden, insbesondere nicht „unverzeihliche", d.h. die Menschenwürde unmittelbar angreifende Verhaltensweisen. Der erst später als schlimmster Helfer Voldemorts entlarvte Moody zeigt hier sein böses Gesicht nicht zunächst und vor allem durch die Beherrschung einer bedrohlichen Zaubertechnik, sondern durch sein Geschick, die Bosheit seines Tuns durch die unterhaltsame Art der Präsentation und unter dem Vorwand pädagogischen Nutzens zu verschleiern. Die unverzeihlichen Flüche symbolisieren so die technischen Möglichkeiten der modernen Menschheit, den Anderen derart unter Kontrolle zu bringen, dass seine Andersheit ausgelöscht wird. Die stets drohende Blindheit für die Unverzeihlichkeit solchen Machtgebrauchs wird selten so eindrucksvoll vorgeführt wie im besprochenen Roman.

Worin besteht das Drohen der Erblindung in unserer Welt? Offenbar in den tatsächlichen Möglichkeiten moderner, z.B. molekularbiologischer oder psychologischer Techniken. Wer wünscht sich nicht, dass ein Mittel z.B. gegen Alzheimer gefunden wird? Wer würde nicht gerne sein Sicherheitsbedürfnis befriedigt wissen durch die allumfassende Kontrolle möglicher Straftäter, den psychotechnischen Eingriff in ihre Persönlichkeit und die präventive Ausschaltung solcher Risiken? Warum nicht Terroristen foltern, wenn es denn der Wahrheit und dem Schutz der Bevölkerung dient (Cruciatus-Fluch)? Warum nicht Straftäter durch Medikamente therapieren (ihres Willens berauben), wenn dadurch Schlimmeres verhütet wird (Imperius-Fluch)? Warum nicht menschliches Leben (Embryonen) töten, wenn dadurch anderes gerettet oder vor Krankheit bewahrt wird (Avadra-Kedavra-Fluch)? Die (im Ethik-Rat institutionalisierte) Ratlosigkeit der Ethiker hat ihre hauptsächliche Ursache darin, dass sie keinen Grund anzugeben wissen, warum die Technik nicht nur nicht darf, was sie kann, sondern nicht einmal kann, was sie zu können vorgibt, kurz: weil ihr keine Metaphysik zu Gebote steht, die aufdeckt, dass der wissenschaftlich-technische Gesichtspunkt die Wirklichkeit verstellt.

Die Harry-Potter-Heptalogie gleicht dieses Defizit auf der Bildebene aus. Denn der Leser weiß schon irgendwie auf jeder Seite oder hofft es jedenfalls aus ganzem Herzen, dass die ganze quasi-technische Dimension der Zauberkunst nur ein letztlich unbedeutender Aspekt einer tieferen Wirklichkeit ist, deren Zeuge vor allem Dumbledore ist. Die schon erwähnte Überraschung Voldemorts, dass die Liebe der Mutter Harry vor dem Avadra-Kedavra-Fluch bewahrt hat, führt den Leser in diese Not wendende Ahnung ein. Für Voldemort ist die schützende Wirkung des Opfers lediglich „uralte Magie" (IV, 682; vgl. II, 326), die er sich selbst zunutze machen kann (IV, 686f), doch der triumphierende Ausdruck in Dumbledores Augen (IV, 727) hält die Ahnung wach, dass sich die Kraft der Liebe nicht instrumentalisieren lässt, schon gar nicht für einen bösen Zweck. Voldemort sagt von sich, dass er „weiter als alle anderen gegangen" ist „auf dem Weg, der zur Unsterblichkeit führt". (IV 682) Das gewaltsam angeeignete Blut von Harry Potter soll ihm, dem körperlosen Geist, nun das leibliche Leben zurückgeben und ineins damit auch den Schutz gewähren, den Harry aus dem Opfer seiner Mutter bezieht (IV 671. 687). Rowling führt hier die innere Konsequenz der Lebensphilosophie Voldemorts bis zum äußersten vor. Das grauenhafte Ritual zur Wiederverkörperung Voldemorts ist als Antithese zum Opfer ersonnen, aus dem Harry lebt: Harry lebt, weil seine Mutter für ihn gestorben ist, Voldemort sucht sein Leben, indem er das Fleisch und Blut anderer Menschen für sich benutzen will; die Mutter gibt ihr Leben freiwillig, Voldemorts Oper werden dazu gezwungen. Die wesentliche Sinnstruktur des abscheulichen Rituals ist indessen kein bloßes Phantasieprodukt, sondern leitende Zielvorstellung in unserer Welt: Was ist denn die Züchtung und der „Verbrauch" von Embryonen zum Zwecke der Lebensverlängerung Einzelner anderes als Voldemorts Frevel? Und ist dessen Ziel, die Überwindung des Todes, nicht schon seit längerem die erklärte Erwartung gefeierter Wissenschaftler?

Solchem Wahn wird das ganz anders geartete mehrfache wunderbare Überleben Harrys gegenübergestellt! Ausschlaggebend sind seine besonderen charakterlichen Eigenschaften, in denen er sich des Opfers seiner Mutter als würdig erweist, vor allem seine Tapferkeit und Treue zu Dumbledore. Nur darum wird ihm unerwartete Hilfe zuteil, in den Augenblicken höchster Bedrängnis durch den mysteriösen Phönix Fawkes (II, 324. 342; IV, 694). Der Gesang des Phönix bringt Wirkungen hervor, die selbst Voldemort in Angst und Schrecken versetzen (IV, 695), weil sie sich seiner Kontrolle entziehen.
Die von Voldemort perfekt beherrschte Hinterwelt der Zauberei soll so als nochmals offen für eine echt transzendente Welt dargestellt werden. Von dieser her treten die unschuldigen Opfer kurzzeitig in Erscheinung (IV, 695ff) und relativieren den scheinbaren Sieg des Bösen über das Gute. Freilich wird nirgends eine Auferstehung der Toten in Betracht gezogen. Dumbledore äußert sich darüber verschieden: „Kein Zauber kann die Toten wieder erwecken" (IV, 729). Andererseits sollen die Toten in ihren Nachkommen weiterleben, man findet sie in sich selbst wieder (III, 440f). Solche vor-christlichen Ansichten drücken zunächst nichts weiter aus als das Bewusstsein vom Ernst des Todes und der Machtlosigkeit des Menschen, dem Tod beizukommen, sei es mit Technik oder mit Magie. Nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil ständig präsent ist dagegen die Möglichkeit, dass die Liebe einen Lebensgewinn bietet gerade durch das Opfer hindurch (vgl. Lk 17,33).

Suchen und Finden

Harry Potter greift in einer durchaus unterhaltsamen und spannenden Ereignisfolge die tiefsten Menschheitsfragen auf: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?" Zur zweiten Frage werden zahlreiche Anschauungsbeispiele gegeben. Die erste Frage nach dem möglichen Wissen erweist sich als doppelbödig: Auf einer vordergründigen Ebene lotet sie die Ausweitung menschlicher Möglichkeiten in der Zaubererwelt aus; auf der tieferen Ebene jedoch zielt sie die grundsätzliche Grenze des Wissens an oder den Unterschied von Wissen und Weisheit: Voldemort ist wissend, Dumbledore ist weise. Eine Antwort, warum das so ist und woher Dumbledore seine Weisheit bezieht, wird (bisher) nicht gegeben. Dasselbe gilt für die Frage nach der Hoffnung. Sie ist ständig anwesend, insbesondere in Harrys Sehnsucht, seine Eltern zu sehen, aber eine Antwort verbirgt sich in der dunklen Herkunft der Weisheit Dumbledores.

Die Autorin mag dieses Geheimnis noch lüften, aber dann würde sie nur ein Rätsel lösen und die metaphysische Unruhe des Lesers stilllegen. Bisher jedoch hat sie dieselbe gefördert, sie hat den Leser selbst zu einem Suchenden gemacht. Nur wer sucht, der findet (vgl. Mt 7,7), wer aber meint, er habe begriffen, der hat Gott nicht gefunden. Voldemort sucht ein Lebensmittel, das er begreifen und konsumieren kann. Ohne Umkehr wird er nie verstehen, aus welcher Quelle Harry sein Leben empfangen hat. Was er sich in seiner Verblendung zusammenreimt, zielt an dem göttlichen Geheimnis vorbei, das nicht ergriffen werden kann, sondern das den dafür Aufnahmebereiten selbst ergreift. Menschen wie ihn trifft der Tadel des Jakobusbriefs: „Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg. Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet. Ihr bittet und empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet, um es in eurer Leidenschaft zu verschwenden." (Jak 4,2f) In böser Absicht sucht derjenige, der begreifen, in Besitz nehmen und festhalten will, um ein festes Fundament für ein Leben aus eigener Kraft zu gewinnen. Dass das Gute über diese Fehlhaltung siegen wird, kann nur Gegenstand der Hoffnung sein, denn der Sieg ist Gottes Werk und hat die paradoxe Struktur des Opfers, weshalb er nur von dem angeeignet werden kann, der sich (glaubend) in die Opferbewegung hineinbegibt.

Ähnlich wie schon Kant muss Rowling in einer durch und durch rationalistischen Welt „das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Sie tut es nicht mit den Mitteln philosophischer Vernunftkritik, sondern durch erzähltechnische Andeutungen, also narrativ. Kant kämpfte gegen einen Rationalismus der Gelehrten, die eine vollständige begriffliche Rekonstruktion der Wirklichkeit für möglich hielten. 200 Jahre später hat diese Einstellung nahezu die ganze Menschheit ergriffen, und zwar in Gestalt einer universalen Technisierung, die den unmittelbaren Zugang zur Wirklichkeit verstellt und diese nur soweit zur Erscheinung bringt, wie sie manipulierbar und auswechselbar ist. Dadurch ist das Geheimnis der Wirklichkeit tiefer verborgen denn je, während sich der Mensch „in die Gestalt des Herrn der Erde" aufspielt und sich dabei in Wahrheit verloren hat. Martin Heidegger hat die „höchste Gefahr" gespürt, die durch die Herrschaft des „Ge-Stells" der Technik heraufbeschworen ist, und für ihn öffneten sich Wege ins Rettende nur für den radikal Fragenden, denn „das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens". Allein, wie bringt man den modernen Menschen dazu, die trügerische Selbstverständlichkeit des Technischen in Frage zu stellen?
Weniger tiefsinnig als Heidegger, aber durch eindrucksvolle Einfälle stößt Rowling den Leser auf die Fragwürdigkeit der Technik, z.B. anhand des magischen Tagebuchs von Tom Vorlost Riddle alias Lord Voldemort. „Trau nie etwas, das selbst denken kann, wenn du nicht sehen kannst, wo es sein Hirn hat", warnt Mr. Weasley. (II, 339; III, 204) Das Doppelgesicht der Technik als Erleichterung und Einengung des Lebens spiegelt sich im guten und bösen Gebrauch der Magie. Die Spur des Glaubens wird jedoch (wie bei Kant) erst im praktischen Urteil entdeckt. Die Fantasiewelt öffnet den Ausstieg aus der scheinbaren Klarheit des objektiven Weltbildes, in dem das Ego unbeschränkt herrschen kann, um sodann durch die moralische Dramatik des Geschehens die eigentliche metaphysische Tiefendimension freizulegen. „Lieber sterben als deine Freunde zu verraten" (III, 387) ist die Maxime, die sich die Guten setzen, ganz im Gegensatz zum allgemeinen Hang des Menschen, „zu wählen, was am schlechtesten für ihn [sie] ist" (I, 323), nämlich: die „gelegentliche Abweichung" vom moralischen Gesetz „in seine Maxime aufgenommen" zu haben. Warum der Egoist sich selbst nichts Gutes antut, indem er Geld und Leben allem andern vorzieht, (d.h. in der präzisen, aber spröden Sprache Kants: „die sittliche Ordnung der Triebfedern in der Aufnehmung derselben in seine Maximen umkehrt"), bleibt (vorerst) unaufgehellt, obwohl der Leser durch die konkrete Erzählfolge zur Zustimmung geneigt wird und wohl auch spürt, dass hier die positive Botschaft anklingt, die auch für sein eigenes Leben von ausschlaggebender Bedeutung ist.

Man kann Kants Moralphilosophie zustimmen und gelehrte Aufsätze darüber verfassen und doch nicht über den "notional assent" zum "real assent" hinausgelangen. Die lebensnah erzählte Moral von Harry Potter erlaubt keine solche Distanzierung; wer sie entdeckt hat (was nicht zwingend ist), ist zur existentiellen Entscheidung aufgerufen und steht damit vor der Frage nach Gott als dem, der den Unrecht Leidenden ihr „Recht verschaffen" kann und wird; „wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde noch Glauben vorfinden?" (Lk 18,8) Der von Jesus angemahnte Glaube setzt die Bereitschaft des Einzelnen voraus, wahrhaft zu „hungern und zu dürsten nach der Gerechtigkeit" (Mt 5,6), was sich nicht mit einem bequemen Leben verträgt (vgl. IV, 756).

Wer in dieser Weise sucht, der wird auch finden, d.h. von Gott gefunden werden. Darum ist solche Suche echte praeparatio Evangelii, und jedes Buch, das diese Suche fördert, ebenfalls.

Diesen Artikel hat Axel Schmidt geschrieben, wer ihm antworten möchte, kann ihm hier schreiben.